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15. Station in Freetown, Sierra Leone:Haltlos

Junge mit Wasserkanister in Freetown, Sierra Leone

Für ihr Geschäft haben die Buben Holzbretter mit kleinen Rädern gebastelt, mit deren Hilfe sie die vollen Kanister leichter den Hang hochschieben können, und auf denen sie auch wieder hinunter rasen.

(Foto: Michael Glawogger)

Auf seiner Weltreise meldet sich Dokumentarfilmer Michael Glawogger aus Freetown, Sierra Leone. Dort fühlt er sich wegen des Mangels an fließendem Wasser an seine Kindheit erinnert. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Finster war's, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr. Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschoss'ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Es ging bergab. Nicht sehr steil, aber doch deutlich bergab. In der Luft ein Geräusch, als würde bald ein Skateboard an ihm vorbei rattern. Aber wer fährt in Freetown schon Skateboard? Das müsste ja selbst hier schon aus der Mode sein.

Und doch: wieder ein Windhauch, wieder das unruhige Rollen der kleinen Räder. Die Straße, an deren Rand er saß und ein heißes Fanta trank, war stockdunkel. Der Strom war den ganzen Tag gar nicht erst angegangen, wohl um nicht nach einer Stunde wieder ausfallen zu müssen.

Jetzt zischte etwas an ihm vorbei, hinunter in Richtung Regent Road und Hafen. Die hell leuchtenden Schiffe waren die einzigen Lichtquellen, die in einiger Entfernung zumindest das Meer zum Strahlen brachten. Und wieder rumpelte es neben ihm über den unebenen Asphalt.

Was hinunter muss, muss auch hinauf, dachte er noch, als er plötzlich begriff, was hier los war. Es ging um die gelben Kanister - und wenn es um die geht, dann geht es um Wasser. Neben dem Strom fehlt es in allen westafrikanischen Groß- und Kleinstädten an Wasser - vor allem an fließendem Wasser in den Häusern. Die Frauen müssen es von öffentlichen Brunnen holen und sich dort anstellen, und außerhalb der Regenzeit dauert es noch länger, bis neues geschöpft werden kann.

Doku-Blog Vom Zauber des Augenblicks
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Dieses Wasser wird dann mit Plastikkübeln in ubiquitäre gelbe Kanister gefüllt. Wo es solche Arbeit gibt, da gibt es auch Business, und dieses haben hier die Buben zwischen acht und fünfzehn an sich gerissen.

Immer stolz

Sie haben Holzbretter mit kleinen Rädern gebastelt, mit deren Hilfe sie die vollen Kanister leichter den Hang hochschieben können, und auf denen sie auch wieder hinunter rasen. Fast bis Mitternacht huschen, rattern und rutschen sie wie kleine Gespenster bergab und schieben die Rollbretter mit den Kanistern keuchend, schwätzend und lachend wieder hinauf.

Wettrennen gibt es auch - zwischen den Motorrädern mit ihren blendenden Scheinwerfern, den Autos, die in dieser schmalen Straße alles zur Seite drücken, und den Menschen, die mit ihren Taschenlampen wie Glühwürmchen durch die Dunkelheit schweben, flitzen sie neuen Aufträgen entgegen.

Haltlos, im freien Fall in das nur für Momente aufleuchtende Dunkel. Manchmal sieht man nur ihre Augen und ihre Zähne. Man hört sie lachen und kreischen und sieht sie erst um Mitternacht herum erschöpft am Straßenrand stehen - ihre Haltung aber immer stolz. Sie sind die Chefs hier. Der Job ist gut und gut bezahlt in ihrer Welt.

Neid im Genick

Einer, kaum älter als sieben, steht mit in die Hüften gestützten Händen da, um zu verschnaufen. Wie ein erwachsener Sportler. Keiner der Älteren, die mit großen Handkarren das Zehnfache an Kanistern hinauffahren und das Geschäft zum größeren Geschäft gemacht haben, macht sich lustig über die Kleinen.

Sie sind denselben Weg selbst schon tausendmal auf und ab gegangen und wissen, was das heißt. So lange die Jungen nicht zu aufmüpfig werden, sind sie geduldet. Wie Mücken, die nicht stechen. Hierarchien sind hier klar und unverhohlen. Will ein Jüngerer sein Territorium erweitern und sucht Streit, dann muss er entweder stärker sein oder wird so lange geprügelt, bis er nachgibt. Haltlos.

Er spürte so etwas wie Neid in sich hochsteigen. Er kam von hinten und setzte sich in sein Genick wie eine Hand, die leicht unter Strom steht. Neid, nicht nur wegen der Wildheit einer solchen Kindheit, sondern auch wegen der gefährlichen Ausgelassenheit dieser Art von Leben.