Skandal um die Documenta Fifteen:"Es ist unser Fehler"

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Skandal um die Documenta Fifteen: Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa auf der Eröffnungspressekonferenz.

Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa auf der Eröffnungspressekonferenz.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Endlich: Die Kuratoren entschuldigen sich für antisemitische Motive. Fast gleichzeitig legt Claudia Roth einen Reformplan für die Weltkunstschau vor. Der Bund will künftig mehr Einfluss.

Von Catrin Lorch

"Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken", schreibt das Künstlerkollektiv Ruangrupa in einem englischsprachigen Statement auf der Website der Documenta Fifteen. "Es ist unser Fehler. Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, die Schande, Frustration, Verrat und Schock, die wir bei den Betrachtern verursacht haben." Die aus aus Indonesien stammenden Kuratoren der Weltkunstschau sagen in ihrem seit Tagen erwarteten Statement, sie würden "jetzt vollkommen verstehen", dass die Bilder nahtlos an die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte anschlössen, in der Juden in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß verfolgt und ermordet wurden.

"Es ist ein Schock nicht nur, aber spezifisch für die jüdische Gemeinde in Kassel und in ganz Deutschland, die wir als unsere Verbündeten betrachten und die bis heute unter dem Trauma der Vergangenheit leben, Diskriminierung, Vorurteile und Marginalisierung erfahren." Gleichzeitig weisen die Kuratoren darauf hin, dass die Documenta Fifteen geöffnet bleiben soll und sie hoffen, den begonnenen Dialog fortzusetzen.

Unterdessen hat Claudia Roth, die Staatsministerin für Kultur im Kanzleramt, einen Fünf-Punkte-Plan veröffentlicht, mit dem sich der Bund wieder mehr Einfluss auf die Weltkunstschau sichern könnte. "Die Entfernung des antisemitischen Motivs war nur ein erster Schritt", heißt es darin. Jetzt seien Aufarbeitung und "strukturelle Reformen" notwendig, um die Documenta "für die Zukunft neu aufzustellen". Über die angemahnte Strukturveränderung sei sie mit der hessischen Kultusministerin Angela Dorn im Gespräch.

Der "Rückzug aus dem Aufsichtsrat" bei "gleichzeitigem Festhalten an einer Bundesförderung war ein schwerer Fehler", heißt es zur Begründung. "Es hat sich gezeigt, dass die bislang vor allem lokale Verantwortlichkeit der Documenta in einem Missverhältnis steht zu deren Bedeutung als eine der weltweit wichtigsten Kunstausstellungen." Die finanzielle Förderung des Bundes soll künftig mit einer "unmittelbaren Einbindung in die Strukturen" verbunden werden. Neben der Bundesebene bedürfe es auch der internationalen Erfahrung in der Aufsicht der Documenta und im Management. "Die Einbindung internationaler Expertise und der Pluralität der deutschen Gesellschaft, einschließlich des Zentralrates der Juden, müssen dabei ebenso eine Rolle spielen, wie die klare Abgrenzung von Verantwortlichkeiten."

"Außerdem behalten wir uns das Recht vor, einzelne Künstler*innen auszuladen"

Roths Plan offenbart, dass in Kassel womöglich schwere Fehler gemacht wurden: Der Staatsministerin lägen bislang jedenfalls weder Verträge vor noch Vereinbarungen in Bezug auf die Verantwortlichkeiten der aktuellen Ausstellung.

Die von Roth ebenfalls geforderten "Experten", die nach weiteren problematischen Werken forschen, wurden von der Generaldirektorin nun ebenfalls auf der Website der Documenta Fifteen angekündigt: Sabine Schormann verspricht die Einsetzung von Fachleuten, unter anderem der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: "Eindeutig antisemitische Darstellungen werden deinstalliert, bei strittigen Positionen eine Debatte geführt. Außerdem behalten wir uns das Recht vor, einzelne Künstler*innen auszuladen." Eventuell sollen auch vorerst Räume der Documenta Fifteen geschlossen werden. Der versprochene Dialog soll mit einem Podiumsgespräch am Mittwoch der kommenden Woche beginnen.

Dass die internationale Findungskommission, die das indonesische Kollektiv als Kuratoren ausgewählt hatte, eine eigene Erklärung fast gleichzeitig mit Ruangrupa veröffentlichte, überrascht. Allerdings ist sie nicht so eindeutig formuliert. Man zeigt sich darin "erschüttert" über die antisemitischen Karikaturen, weist aber darauf hin, dass es einen Unterschied zwischen Kritik am israelischen Staat und Antisemitismus gebe. Danach wird noch das "Erbe des Kolonialismus" angesprochen, abschließend dem Kollektiv Taring Padi ausdrücklich "Respekt" gezollt - für seinen langjährigen Kampf gegen die Suharto-Diktatur in Indonesien.

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