"Die Ruhelosen" im Kino:Malen nach Qualen

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"Die Ruhelosen" im Kino: Seine Krankheit bestimmt ihr Leben: Damien (Damien Bonnard) und seine Frau Leïla (Leïla Bekhti).

Seine Krankheit bestimmt ihr Leben: Damien (Damien Bonnard) und seine Frau Leïla (Leïla Bekhti).

(Foto: Eksystent Film)

Joachim Lafosses Film "Die Ruhelosen" erzählt von einem Künstler, ist aber vor allem die genaue Darstellung einer bipolaren Störung.

Von Philipp Stadelmaier

Wovon träumen die Künstler? Von Farben, so satt wie bei Gaugin oder van Gogh, von unbändiger Arbeitsenergie, einem Atelier im Süden, einem Galeristen, der aus den Bildern Geld macht, und einer Familie, die einen liebt und beschützt. Auch, wenn man manchmal durchdreht, oder eher: gerade dann.

Was weiß das Publikum, heute, im Jahr 2022? Dass es mit der Kunst nicht so einfach ist, dass männliche Künstlerfiguren problematisch sind, dass die Sphäre der reinen Ästhetik so nicht existiert und Künstler Menschen sind, die andere missbrauchen, ins Unglück reißen, krank sein können. Und dass ihr Leiden oder das der anderen keinen noch so großen kreativen Output wert ist.

Joachim Lafosse träumt mit den Künstlern und weiß, was das Publikum weiß, in seinem Film "Die Ruhelosen", der im vergangenen Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief. Es geht um einen erfolgreichen Maler, Damien (Damien Bonnard), der mit seiner Familie in der Nähe des Meeres lebt. Seine Frau, Leïla (Leïla Bekhti), ist als Tischlerin ebenfalls künstlerisch tätig, ihr Sohn, Amine, geht zur Schule. Alles ist wunderbar, Landschaft und Farbpalette des Films sind reines Gauguin-Territorium, alles schimmert in Türkis, Blau, Grün und Gelb. In so einer Umgebung gelingen fantastische Gemälde, die Damiens Händler aufkauft und weiterverkauft.

Nur schleicht sich in dieses Tableau die Unruhe ein. Der Künstler fährt mit dem Sohn im Boot aufs Meer, springt ins Wasser, um zurückzuschwimmen, lässt das Kind alleine zurücksteuern. Das ist progressives Parenting mit viel Vertrauensvorschuss, aber auch ein bisschen verrückt. Er kocht ein fantastisches Essen, zig Gerichte auf einmal, lässt dann alles stehen. Nachts kann er nicht schlafen, schließt sich in seinem Atelier ein, arbeitet ruhelos. Und während er im Garten sitzt, merken wir, dass die Ecken des Bildes unscharf werden, das wunderschöne Bild entrückt und diesig wirkt. Die Krisen werden heftiger, schließlich kommt Damien in die Psychiatrie, Diagnose: bipolare Störung.

Bleibt der Frau etwas anderes, als sich aufzuopfern?

Zunehmend ignoriert er die Bedürfnisse seiner Umgebung, wirkt bisweilen übergriffig. Wir wissen: Hier ist ein Körper, der leidet. Dennoch finden wir ihn unangenehm, beängstigend. Bis er wieder ruhigere Phasen hat, liebenswert ist wie zuvor. Aber für wie lange?

Schauen wir hier also einem männlichen obsessiven Künstlergenie beim Durchdrehen zu, während seine Frau bei ihm bleibt und sich rührend für ihn aufopfert? Obwohl wir wissen, dass es einen Grund dafür gibt, beginnen wir, den Mann ein bisschen zu hassen und Mitleid mit Leïla zu empfinden, die kaum noch ein eigenes Leben hat. Ist die Rolle der Frau, trotz eigener Projekte und Menschen um sie herum, nicht doch zu sehr die der bemutternden Kümmerin? Und hat er nur seine Medikamente nicht genommen, um besser malen zu können, den Leidensdruck zu haben, große Werke zu schaffen? Ja, der Mann ist bipolar, aber sein Verhalten ähnelt, wenn es ihm schlecht geht, dem eines Narzissten. Und diesem Verhalten müssen wir zuschauen, ebenso wie Leïla, wie Amine und wie Damiens Vater - ob wir wollen oder nicht.

Wir beobachten einen Patienten, der zu lange nicht hospitalisiert wird. Aber der, wie es der Zufall will, auch Künstler ist. Dieses Nebeneinander von Kunst und Krankheit ist es, was den Film selbst ein bisschen malade macht: Wir sehen nie nur den Patienten, sondern immer auch den Künstler-Egomanen. Der Film schließt nie ganz den Graben, der die stilisierte Schönheit der Landschaft und die nackte Realität der Krankheit gegenüberstellt, und stellt vor die Alternative: Entweder Kunst machen und durchdrehen. Oder gesund sein und keine Kunst machen.

Abgesehen von der Darstellung der Krankheit drückt der Film also eine depressive Haltung zur Kunst aus (zum Filmemachen, Malen, etc.) - vielleicht ein Zeichen unserer Zeit. Es ist wichtig, den Blick für die Kontexte zu schärfen, in denen Kunst entsteht. "Die Ruhelosen" zeigt jedoch, dass für Filme dazu auch gehört, den eigenen Charakter als Kunstwerk zu pathologisieren.

Die Ruhelosen, Belgien, Luxembourg, Frankreich, 2021 - Regie und Buch: Joachim Lafosse. Kamera: Jean-François Hensgens. Mit Damien Bonnard, Leïla Bekhti, Gabriel Merz Chammah. Eksystent Film, 118 Min. Kinostart: 14. 07. 2022.

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