"Die Mumie" im Kino:Knutschen für Fortgeschrittene

Lesezeit: 4 min

Film "Die Mumie"

Das Böse kommt diesmal aus einer Grabkammer in Mossul, die bei einem Drohnenangriff der Amerikaner entdeckt wird: Sofia Boutella als Mumie.

(Foto: Universal)

"Die Mumie" ist in diesem Horrorfilm eine Frau, die mit einem Kuss auf den Mund tötet. Ganz oben auf der Opferliste steht Tom Cruise. Wenn der doch nur etwas witziger wäre.

Von Nicolas Freund

Eines gleich vorweg: Die Schauspielerin Sofia Boutella ist eine super Mumie. Nach Generationen männlicher Pharaonengeister darf sich in der neuen Auflage des Horrorklassikers nun erstmals eine Frau in Mullbinden einwickeln, um Kinobesucher zu erschrecken. Die alten Mumien hatten zwar meistens eine ebenfalls einbalsamierte Braut dabei, die waren aber selten mehr als ein Sidekick. Die Algerierin Boutella ist aber mindestens so gruselig wie ihre Vorgänger, und mehr erwartet man von der Mumie auch nicht. Deshalb ist es schon mal ein Verdienst dieses Films, zu zeigen, dass es ziemlich egal ist, ob ein Mann oder eine Frau im Monsterkostüm steckt.

Diese neue "Mumie" ist ein Remake des allerersten Horrorschockers von 1932. Karl Freund führte damals Regie, und der legendäre Boris Karloff war die Mumie, die aber damals noch als höflicher ägyptischer Gentleman auftrat, Salongespräche führte und eigentlich gar nicht so böse war, sondern vor allem sehr verliebt.

Die Geschichte aller Filmmumien ist eigentlich fast immer gleich: Ein Priester oder Mitglied der ägyptischen Herrscherfamilie wurde vor langer Zeit für seine Habgier und Mordlust bestraft, indem er oder sie lebendig mumifiziert und begraben wurde. Weil das alte Ägypten in der Vorstellung von Hollywoodregisseuren eine Art Zauberland war, sterben die Bestraften aber nicht, sondern liegen für Jahrtausende im Sarkophag, wo sie verständlicherweise genug Zeit haben, Wut und Rachegelüste zu entwickeln. Die entladen sich dann in Form von Superkräften, wenn sie bei einer Ausgrabung aus Versehen freigelassen werden.

Boris Karloffs Mumie war noch vergleichsweise zahm. Im Jahr 2017 sind die Untoten nach 5000 Jahren Gefangenschaft zwar auch noch darauf aus, ihre verlorene Liebe zurückzuerlangen. Sie sind aber auch sehr streitlustig geworden und machen viel kaputt. Denn um wieder in Form zu kommen, muss die Mumie die Kraft aus den Lebenden saugen, und Sofia Boutellas Mumie kokettiert hier doch etwas mit ihrer Weiblichkeit, indem sie das nämlich mit einem Kuss auf den Mund ihrer Opfer vollzieht. Und ganz oben auf der Opferliste steht Tom Cruise.

Der Film soll eine Monsterreihe begründen, das Phantom der Oper und Dracula sind auch bald dran

Der ist nämlich in dem neuen Film die Braut, also der Sterbliche, der die Mumie freigelassen hat. Tom Cruise hat in den letzten Jahren vor allem in Krawallfilmen mitgespielt. Sein größtes schauspielerisches Talent besteht darin, den Zuschauer in den Adrenalinrausch der Explosionen und unbesiegbaren Feinde zu ziehen. Das macht er ganz klasse, und "Die Mumie" ist ein sehr guter Krawallfilm geworden, sogar ein gruseliger Krawallfilm. Selten gab es im Kino schönere Leichen und so viele unschuldig Totgeknutschte.

Der Film hat aber, neben dem ausgezeichneten Knallfaktor, drei Probleme, die den Grusel trüben: Im Vergleich zum direkten Vorgänger, Stephen Sommers "Mumie" von 1999, fällt auf, dass die Neuauflage keinen Humor hat. Tom Cruise versucht es, aber er ist einfach nicht witzig. Das ist deshalb schade, weil Sommers bei seinem Remake auf die geniale Idee kam, den Horrorklassiker mit dem Witz der Screwball-Komödie anzureichern, die in den Dreißigerjahren neben den Monsterstreifen äußerst populär war. Das Risiko, den Grusel durch flotte Sprüche und hormonüberflutete Situationskomik zu verwässern, war groß; das Konzept ging aber auf und hatte sogar noch den Effekt, den Film in seinem vorauseilenden Humor gegen die Albernheit der eigenen Monsterfiguren zu immunisieren. Eine solche Souveränität hätte der Neuauflage auch gutgetan.

Das zweite Problem ist, dass der neue Film in der zweiten Hälfte immer skizzenhafter wird. Das liegt daran, dass er nicht nur ein Neustart der "Mumien"-Filme sein soll, sondern, ähnlich den Superhelden von Marvel, ein ganzes Franchise mit Monstergeschichten aus dem Fundus der Filmgeschichte. Angekündigt sind vom Studio Universal schon Neuauflagen von Dracula und Frankenstein, auch das Phantom der Oper und der Glöckner von Notre Dame sollen aus dem Ruhestand geholt und der Mumie zur Seite gestellt werden.

Vieles wird angerissen, aber wenig aufgelöst

Regie führte deshalb der Produzent Alex Kurtzman, denn hier geht es weniger um die Inszenierung eines einzelnen Films als um den Start der Reihe, und Kurtzman kennt sich mit so etwas aus. Er produziert "Star Trek" und war an diversen Serienprojekten beteiligt. So wird vieles angerissen - weitere Monster, eine Geheimorganisation -, aber wenig aufgelöst.

Das dritte Problem ist ein politisches, denn der Film versucht, die Mumie mit dem Terrorismus der Gegenwart in Verbindung zu bringen: Gefunden wird das Monster, weil ein Drohnenangriff auf Terroristen in der Nähe von Mossul eine antike Grabkammer freilegt und amerikanische Soldaten den Sarkophag der Mumie bergen. Das Böse kommt aus der irakischen Wüste, als direkte Konsequenz der amerikanischen Interventionspolitik. Später läuft die Mumie mit einem Dolch bewaffnet ausgerechnet in London Amok. Das banalisiert das Böse, nicht der Mumie, sondern des realen Terrors.

In dem Film liegt das Böse überhaupt nie in den Entscheidungen der Menschen, sondern ist eine Macht, die von außen Einfluss nimmt. Niemand ist verantwortlich, schuld ist immer die Mumie oder Mr. Hyde, die böse Seite von Dr. Jekyll (Russell Crowe), der auch einen Auftritt im Film hat. Die Menschen sind nur Spielbälle übernatürlicher Mächte, sie sind so schwarz-weiß gezeichnet wie die alten Monsterfilme. Allein die Mumie kann selbständig zwischen Gut und Böse unterscheiden. Das macht sie so unheimlich.

The Mummy, USA 2017 - Regie: Alex Kurtzman. Buch: David Koepp, Christopher McQuarrie und Dylan Kussman. Mit: Tom Cruise, Sofia Boutella, Russel Crowe. Universal, 110 Minuten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema