"Die Mühle & das Kreuz" im Kino:Christus ist auch nur ein Opfer im Gang der Weltgeschichte

Ein sadistisches Splatter-Movie wie Mel Gibsons "Passion Christi" bleibt einem dennoch erspart. Wenn hier getötet wird, und es wird wahllos und grausam getötet, geht es sachlich zu. Töten ist ein Handwerk, das erlernt werden kann, und Mordlust gehört zur Politik. Im sechzehnten Jahrhundert halten die Spanier Flandern besetzt, und sie regieren mit der Willkür landesfremder Herrscher.

"Die Mühle & das Kreuz" im Kino: Unwahrscheinlich hoch ist der Fels, den es in Flandern niemals gegeben hätte. Er ist seinerseits ein Zitat, stammt aus den Alpen und aus dem Skizzenbuch, das Bruegel von seiner Italienreise mitbrachte.

Unwahrscheinlich hoch ist der Fels, den es in Flandern niemals gegeben hätte. Er ist seinerseits ein Zitat, stammt aus den Alpen und aus dem Skizzenbuch, das Bruegel von seiner Italienreise mitbrachte.

(Foto: Neue Visionen)

Im Zentrum von Bruegels Bild, genau im Schnittpunkt, befindet sich ein un-scheinbarer Christus, eben gefallen unter dem Kreuz, an dem er sterben wird. Auf dem Weg nach Golgatha begleitet ihn eine ganz unbiblische rotberockte Soldatenabteilung, die auch nur ihre Pflicht tut. Christus ist auch nur ein Opfer im Gang der Weltgeschichte, muss grausame Martern ertragen und muss, vom Müller teilnahmslos beobachtet, so sinnlos sterben wie der Bauer.

Bruegels Gemälde war, auch wenn es an den beliebten wimmelnden Genreszenen nicht fehlt, eine einzige Anklage gegen die Spanier, gegen das Schicksal. Die "Kreuztragung" verfügt über eine Tiefenschärfe, die der Film erst wieder entdecken muss. Lech Majewski, der am Drehbuch zu Julian Schnabels "Basquiat" beteiligt war und der bereits einen Film über Bruegels Vorbild Hieronymus Bosch gemacht hat, arbeitet haarscharf am schlimmsten Kostümkitsch, vermeidet aber ebenso sicher die süffige historische Erzählung.

Schon Bruegels Bildmaße entsprachen dem klassischen Kinoformat. Seine Fähigkeit, die Dramatik aufeinanderfolgender Szenen in eine einzige Totale zu fügen, gibt Majewski die Freiheit, noch einmal ganz vorn anzufangen. Das Bild kommt in Bewegung, die Geschichte beginnt.

Das Bild ist ein Bild und nichts, was echt wäre, und doch besitzt es mehr Wahrheit, als Kinobilder sonst beanspruchen können. Mit Blue Screen, 3D-Effekten und einem riesenformatig nachgestellten Gemälde erzielt Majewski eine seltsame halluzinogene Wirkung, als würde das Kino eben erst aus dem Geist des Puppentheaters entstehen.

Es wird genug Deppen geben, denen dazu nur Kunstgewerbe und Arte-Themenabend einfällt, aber egal. In der sorgsam erarbeiteten Künstlichkeit hat Majewski, der als Produzenten den Mystiker Angelus Silesius nennt, das Kino als Ort der Meditation wiederentdeckt. Doch er stiftet keinen Seelenfrieden: Eingekerkert sind die Menschen in der Zwangsherrschaft ihrer Zeit, immer den Tod vor Augen und sinnloses Leiden und dabei die Gewissheit, dass kein Gott sei.

THE MILL AND THE CROSS, Polen/Schweden 2011 - Regie: Lech Majewski. Buch: Lech Majewski, Michael Francis Gibson. Kamera: Lech Majewski, Adam Sikora. Mit: Rutger Hauer, Michael York, Charlotte Rampling. Neue Visionen, 92 Minuten.

© SZ vom 24.11.2011/pak
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