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Deutschrap:Muskel-Rap für das Bizeps-Selfie

Herausgeber einer gesammelten Ausgabe von Pump-und-Eisen-Lyrik: der Berliner Amateurboxer und Rapper Kontra K.

(Foto: Oliver Rath)

Der Deutschrapper Kontra K steht weit vorne in den Charts. Was zunächst nach Musik fürs Fitnessstudio klingt, sind in Wahrheit spätkapitalistische Soldatenlieder.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer neuen wöchentlichen Musik-Kolumne.

Runter kommen sie alle. Muss man ja. Mal ab und zu ein bisschen entspannen. Ground Control to Major Tom - Bodenhaftung und so. Das gilt auch für den großen selbsternannten Exzessor des Deutschrock: Udo Lindenberg. Der wurde in der vergangenen Woche von der Spitze der deutschen Albumcharts verdrängt. Von einem Deutschrapper namens Kontra K. Dessen Album "Labyrinth" führte dort unter anderem vor der Bohlen-Handpuppe Prince Damien, den Song-Swingern aus der Fernsehshow "Sing mein Song" und Andrea Berg. Pop-Provinz to Major Tom. Wieder in der deutschen Realität 2016 angekommen? Gut.

Wobei. Dass wir alle runterkommen müssen, stimmt ja so nun auch nicht. Zumindest nicht für den Berliner Amateurboxer Maximilian Diehn, der mit unbürgerlichem Namen Kontra K heißt. Bei dem Deutschrapper geht es eher um: durchballern. Im Fitnessstudio zum Beispiel. Dort, so die Chartplatz-Hypothese, muss "Labyrinth" in heavy rotation laufen. Denn Kontra K hat den perfekten Workout-Soundtrack auf dem Weg zum Bizeps-Selfie geschaffen: "Die Feinde auf deinem Weg und die Last auf deinen Schultern lassen die Muskeln nur wachsen", heißt es gleich im ersten Song "Atme tief ein". Faustkampf, "Benzin im Blutkreislauf", die "Hitze des Gefechts" und der obligatorische "Phönix aus der Asche". Kontra K hat in wirklich jeden Song auf "Labyrinth" eine gesammelte Ausgabe von Pump-und-Eisen-Lyrik gepackt.

Der Rapper als hocheffizientes Mitglied der Leistungsgesellschaft

Und nein, das ist kein gewitztes Klischeekarussel wie der famose Aprilscherz-Rap "Von Salat schrumpft der Bizeps" von Kollegah und Majoe. Das ist ganz ironiefrei ganz harte Jungs-Musik. Einerseits. Andererseits verbreitet Kontra K auf "Labyrinth" aber - trotz allgegenwärtiger Bad-Boy-Attitüde - ultrakonforme neoliberale Durchhalteparolen. Der Rapper als hocheffizientes Mitglied der Leistungsgesellschaft. In "Ikarus" nennt sich Kontra K selbst "Arbeit sein Vater" (sic!) und poltert gegen Kiffer-Dröge. Der Rest sind spätkapitalistische Soldatenlieder.

Stell dir vor, es ist Krieg, und Kontra K geht hin. "Knochen brechen aber niemals die Armee meiner Gedanken/ Die Soldaten halten stand bis zum allerletzten Mann" ("Atme tief ein") und "Man wächst mit jeder Kugel, die einen trifft" ("Mitleid"). Die Musik dazu? So flächig homogen wie die Erzählung. Einheitsware ohne Höhen und Tiefen - zu mehr als Hanteln schaukeln muss "Labyrinth" ja nicht taugen. Gelegentlich nölt ein Synthie im Hintergrund, ein Streicherteppich wird ausgerollt. Fertig ist der gefühlsoptimierte Hollywood-Kriegsstreifen. Wir waren Helden. Oder wie Kontra K in "Hoffnung" rappt: "Du bist der eine Soldat, der nie kapituliert."

Niemals aufgeben, immer weitermachen. Erfolg und Ruhm sind in der Welt von Kontra K die Belohnung für harte Arbeit. Ein Rapper mit protestantischer Arbeitsethik. Erfolg sei kein Glück, erklärte er uns vergangenes Jahr im gleichnamigen Song, sondern "das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen" - ein Zitat aus einer berühmten Rede von Winston Churchill während des Zweiten Weltkriegs.

Durchhalten. Aushalten. Kontra K hat dem Rap seine subversive, gesellschaftsverändernde Kraft genommen. Und sie mit neoliberaler Propaganda ersetzt. Und da sitzt er nun, in den Charts: der massige Churchill des Deutschrap.

© SZ.de/jobr

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