Deutsches Theater Berlin:Lustiger Gulag

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Deutsches Theater Berlin: Die Premiere von "Auferstehung" von Lew N. Tolstoi in einer Bearbeitung von Armin Petras musste pandemiebedingt mehrmals verschoben werden. Es ist ihr nicht gut bekommen.

Die Premiere von "Auferstehung" von Lew N. Tolstoi in einer Bearbeitung von Armin Petras musste pandemiebedingt mehrmals verschoben werden. Es ist ihr nicht gut bekommen.

(Foto: Arno Declair)

Armin Petras verkaspert Tolstois Roman "Auferstehung" am Deutschen Theater Berlin. Dabei bräuchte man den radikalen Pazifisten Tolstoi gerade mehr denn je.

Von Peter Laudenbach

Wenn überspannte Nationalisten sich zu der aberwitzigen Forderung versteigen, wegen des Krieges in der Ukraine sollte man keine russische Literatur mehr lesen, kommt die Aufführung eines Romans von Lew Tolstoi gerade recht: Nicht nur weil er ein Gigant ist, der mehr über die Menschen weiß als die gesamte Gegenwartsdramatik, sondern auch, weil er ein radikaler Pazifist war. Entsprechend erwartungsfroh geht man ins Deutsche Theater Berlin, wo Armin Petras seine Fassung des letzten großen Romans Tolstois, "Auferstehung", angerichtet hat. Die Premiere musste pandemiebedingt mehrmals verschoben werden. Es ist ihr nicht gut bekommen, um es mal höflich zu sagen. Was wird erzählt? Die Geschichte einer moralischen Läuterung. Der Großgrundbesitzer-Sohn Nechljudow hat in seiner Jugend die Magd Maslowa verführt. Sie wird schwanger, ihr Leben gerät aus der Bahn. Er wird vom Adligen mit sozialreformerischen Neigungen zum Salon-Genussmenschen und vergisst sie. Jahre später begegnet er ihr als Schöffe wieder vor Gericht. Sie ist eine Prostituierte und wird unschuldig als Mörderin verurteilt. Er will sie, aber vor allem sich selbst retten. Bei Tolstoi ist das bei allem Moralüberschuss atemberaubend.

Am Deutschen Theater wird daraus ein typenfroher Schwank mit lauter lustigen Knallchargen. Das gewollt kindlich naive Petras-Volkstheater signalisiert etwas zu penetrant, dass das alles nur ein Spiel ist. Felix Goeser macht aus Nechljudow im pelzgefütterten Mantel einen munter dröhnenden Naivling. Regine Zimmermann gibt eine unerschrockene Revolutionärin mit dekorativen Handschellen. Selbst Anja Schneider als lebenspraktische Maslowa kann die Veranstaltung nicht retten. Zwischendurch widmet sich ein Animationsfilm im Stil William Kentridges der Illustration des Landlebens (Bühne und Zeichentrick: Petra Schickart). Alberne Pappfiguren sorgen für Kindergeburtstagsatmosphäre. Nach der Pause dreht sich im sibirischen Arbeitslager neckisch ein Windrad auf der eisweißen Drehbühne. Die verbannten Revolutionäre lesen Darwin, während die Wachen im lustigen Gulag mit ihren Gewehren dekorativ im Bühnenbild herumstehen.

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