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Deutscher Buchpreis für Frank Witzel:Die Droge Theorie

In den Pop der Tonspur mischt sich das lateinische Gemurmel des Ministranten im Teenager, den das Exegese-Training seiner Kirche durch die Entschlüsselung des Beatles-Albums "Rubber Soul" treibt. Die Markennamen, Spielzeuge und Nachkriegsikonen, die durch den Teenager hindurchgehen, sind so allgegenwärtig wie in der Pop-Literatur der 1990er Jahre.

Aber hier wird nicht erinnerungsfreudig ein Archiv geöffnet, es geht hinab in die Dämonologie der alten Bundesrepublik, die in den Nachrufen nach 1989/90, zumal in den rheinischen Regionen, von denen hier die Rede ist, oft wie eine behäbig in sich ruhende Welt aussah. Hier wird diese Welt zum Kippbild. Zu den Kräften, die in diesem über lange Jahre hinweg gewachsenen Roman des 1955 geborenen Frank Witzel die Oberfläche aufrühren, gehört nicht zuletzt die Droge Theorie, die fiebrig-süchtige Lektüre, von Nietzsche bis zu modernen Zeichen- und Symboltheorien.

Im Kreise Knausgårds und Kermanis

Leser, die den überschaubaren Plot lieben, werden über dieses Buch trotz des Buchpreis-Gütesiegels den Kopf schütteln. Aber weder ist die Jury von allen guten Geistern verlassen noch hat sie eine Entscheidung gegen das Publikum getroffen. Denn es gibt in diesem Publikum eine wachsende und treue Leserschaft für das Genre des monströsen Ich-Romans, an dem dieses Buch teilhat.

Autobiografische Stoffe werden in dieses Genre eingeschmolzen, aber auch da, wo es sich an die Chronologie eines Lebens anschmiegt wie oft in den Romanen von Peter Kurzeck, löst es die klassische Form der Autobiografie auf und entwirft Ich-Figuren, die erlebt und zugleich halluziniert sind.

In der internationalen Literatur ist der Norweger Karl Ove Knausgård mit seinem sechsbändigen Zyklus "Min Kamp" ("Mein Kampf"), in dem das Ich darum kämpft, ein großer Autor zu werden, weit über Europa hinaus erfolgreich. In Navid Kermanis über 1000 Seiten umfassendem Roman "Dein Name" (2011) wurde das autobiografische Ich zum Einfallstor für die Darstellung einer zwischen Bundesrepublik und islamischen Welten gespannten Existenz. Frank Witzels aus den Innenwelten der alten Bundesrepublik hervorgewachsener Ich-Roman macht in diesem Kreis keine schlechte Figur.

© SZ vom 13.10.2015/fued
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