Deutsche Popmusik 2014:Theatergedonner und Kunstgeblitze

Die Hamburger Band Die Goldenen Zitronen hat dennoch vor kurzem ein solches Parolenstück veröffentlicht. "Echohäuser", ein kommunardischer Schlachtgesang über die mit im Zentrum der St.-Pauli-Aufstände stehenden, baufälligen Esso-Häuser, untypisch direkt, gemessen am sonst eher auf Irritation hin angelegten Werk der Band. Man habe lange über das Stück debattiert, sagt Sänger Thomas Sehl, der sich seit Punktagen Schorsch Kamerun nennt und heute neben der Musik auch Theater und Kunst macht. Und sich gut an die Zeit Anfang der Neunziger erinnert, als der Wendewahn und die Anschläge von Mölln und Rostock die deutsche Popszene hochgradig politisiert hatten.

"Mir ist damals ziemlich schnell aufgefallen, dass das nicht funktionieren kann", sagt Kamerun. "Wenn die politische Aussage Pop wird, eine temporäre Sexyness bekommt, heißt das ja zwangsläufig, dass sie auch aus der Mode kommen kann wie ein Turnschuh. Vielleicht ist es manchmal gar nicht so verkehrt, den Pop aus der Politik sogar absichtlich fernzuhalten. Ideale passen selten in diese Zeitfenster, über die Popkultur funktioniert."

Während seiner Gastprofessur an der Münchner Kunstakademie bekam Kamerun vor einigen Jahren diverse gesellschaftlich ambitionierte Arbeiten junger Studenten zu sehen. "Und ich stand daneben und dachte mir: Scheiße, das kenne ich doch alles schon! Der grelle Zugang funktioniert bei uns heute nicht mehr, weil er durchgesetzt ist, im Privatfernsehen, im Guerillamarketing. Die krasseste Kunst, die es heute gibt, landet sofort im Museum, nicht erst nach 50 oder 100 Jahren. Versuch's subtiler! Dann hör ich dir auch lieber zu."

Illusion von Authentizität

Und genau das ist das Ergebnis, zu dem man auch selbst kommt, wenn man sie alle nacheinander durchhört, die vielen großen deutschen Platten, die in diesen Wochen noch über die erste Quartalsrutsche der Musikbranche gesegelt kommen, Judith Holofernes, Ja, Panik, die Broilers und so weiter. Nein, da ist in der Tat nicht wirklich etwas dabei, das es von Statur und Gestus her mit dem Theatergedonner und Kunstgeblitze der Böhsen Onkelz aufnehmen könnte. Aber als Strategie erschiene das auch nicht sonderlich klug in einer Zeit wie heute, in der bei den politischen Bewegungen weltweit das physische Wir neu im Vordergrund steht. Die Versammlung, der aufständische Flashmob, weniger die pure Repräsentation.

Für Musik, die stellvertretend Meinungen produziert, besteht da kein Bedarf - eher für Stimmen, die aus den alten Formaten herausstechen, die eine Art der direkten Ansprache finden. Für, und da kommt man um den unbeliebten, missbrauchten Begriff nicht herum, die Illusion von Authentizität. Wie beim schwäbischen Hardcore-Punktrio Die Nerven, das mit dem neuen Album "Fun" ein großartiges Epos spätadoleszenter Unsouveränität geschaffen hat. Oder Desiree Klauekens, eine 28-jährige Kfz-Mechanikerin aus Duisburg, die ihre ersten Songs damals semi-anonym auf der Plattform MySpace veröffentlichte und in diesen Tagen "Wenn die Nacht den Tag verdeckt" herausbringt, eine außergewöhnliche Sammlung von Liebesliedern, die sich zwischen allen Klischees hindurchbewegt, sie manchmal zwar berührt, sich aber dennoch nie ins modische Nuscheln rettet. Dem Hörer also nichts von dem erspart, was im professionellen Schlager retouchiert wird. Wenn man so will: Herzschmerz-Schlachtrufe.

Es gibt noch ein anderes deutsches Popvideo, das vor kurzem im Netz für Heiterkeit und Verunsicherung sorgte. Ein unscharfer Handyfilm, man schaut in ein bürgerliches Wohnzimmer, sieht drei Kinder im Vorschulalter, die aufgebracht Karaoke singen, dazu umherhüpfen, am Schluss vor lauter Euphorie sogar eine Schlacht mit Sofakissen beginnen. Das Stück, das sie so ausgesprochen textsicher zusammen schmettern, heißt "Die Diktatur der Angepassten", im Sommer 2001 veröffentlicht von der Hamburger Band Blumfeld, damals ein absichtlich in die ironielastige Prä-9/11-Zeit hineinplatzierter Protestsong, eine Suada über die mörderischen Folgen des Kapitalismus und die blinde Bereitschaft, ohne Nachfragen mitzuspielen.

"In den Städten und den Dörfern leben sie und ihre Lügen, Lügen, Lügen, Lügen." Die Kinder singen es mit grenzenloser Begeisterung. Subtil ist das nicht. Aber vielleicht kann es ja so wieder was werden mit dem politischen Popsong.

© SZ vom 01.02.2014/mkoh
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