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"Der letzte Wolf" im Kino:Vernichtung der Wölfe

Kinostart - ´Der letzte Wolf"

Chen Zhen (Shaofeng Feng) kommt aus der Großstadt Peking und ist begeistert von der Klugheit der Wölfe.

(Foto: Wild Bunch/dpa)

Von Jeeps aus werden die Wölfe abgeknallt: Jean-Jacques Annaud hat einen Abenteuerfilm mit ökopolitischem Appell gedreht.

Bereits für seinen Debütfilm "Sehnsucht nach Afrika" hat der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud 1977 einen Oscar gewonnen, für den besten fremdsprachigen Film. Eingereicht wurde die Kolonial-Satire damals nicht von seiner Heimat Frankreich, sondern vom Produktionsland Elfenbeinküste. Auch bei seinem neuen Film "Der letzte Wolf" wäre nun gern wieder ein anderes Land mit dem Franzosen ins Oscar-Rennen gestartet: China. Doch die Oscar-Jury disqualifizierte Annauds spektakuläres Epos bereits vorab als chinesischen Beitrag - mit der Begründung, dass die Mehrzahl des kreativen Personals keine Chinesen seien. Der Witz dabei: Die chinesischen Produzenten wollten ursprünglich einen englischsprachigen Film mit berühmten chinesisch-amerikanischen Darstellern. Es war Annaud, der darauf bestand, "Der letzte Wolf" mit chinesischen Darstellern, die Mandarin und Mongolisch sprechen, zu realisieren.

Stilistisch ist das Werk ein lupenreiner Annaud-Film, der die Steppenlandschaft, wilde Wolfsrudel und packende Jagddramen im Schneesturm mit grandiosen 3D-Bildern einfängt. Seine Wildnis-Märchen "Der Bär" und "Zwei Brüder" fortschreibend, weitet Annaud hier die Perspektiven und verknüpft das Tier-Abenteuer mit Realhistorie und Öko-Fabel. Basierend auf dem chinesischen Bestseller "Der Zorn der Wölfe" von Lü Jiamin erzählt er von Chen Zhen, einem Studenten aus Peking, der 1967, also zur Zeit der beginnenden "Kulturrevolution", zu mongolischen Nomaden geschickt wird.

Der uralte Konflikt von Nomaden und Sesshaften bricht auf

Er soll ihnen die Segnungen des Fortschritts vermitteln. Aber das Gegenteil geschieht: Chen Zhen wird selbst zum Lernenden und öffnet die staunenden Augen. Unter Anleitung des Clan-Ältesten entdeckt er die Schönheit, spirituelle Tiefe und komplexe Mensch-Natur-Balance der vermeintlich primitiven Nomadenkultur. Er lernt den Umgang der Mongolen mit dem als Totem-Tier verehrten Wolf kennen, ist fasziniert von der Klugheit der Wolfsrudel, ihrer raffinierten Jagdstrategien.

Die Direktive der Parteizentrale aber lautet: Vernichtung der Wölfe. Denn im Namen des Fortschritts sollen in der bislang unberührten Landschaft Bauern angesiedelt werden. Der uralte Konflikt von Nomaden und Sesshaften bricht auf, wobei die Bauern hier mit ihren Traktoren und Sprengladungen als Protagonisten der übermächtigen technisch-industriellen Welt in Erscheinung treten. Von Jeeps aus knallen sie die Wölfe ab und rollen gnadenlos über die Nomadenwelt hinweg.

Annaud stellt die Welten nicht plakativ gegenüber. Eine Episode zeigt, dass es schon gut ist, wenn die moderne Medizin Penicillin bereitstellt, aber das Vorgehen der Politik gegen die Wölfe und die nomadische Lebensform insgesamt wird als blindwütiger Raubzug geschildert. In dieser Form gerät der von den Offiziellen verheißene Fortschritt zur Verwüstung. Annauds Anrufung von Wildnis und Wölfen ist ein visuell prächtiger Abenteuerfilm, der sich in eine ökopolitische Elegie verwandelt und als Appell "gegen den rücksichtslosen Umgang mit Natur und Tieren" (Annaud) verstanden werden will.

Le Dernier Loup, China/Frankreich 2015 - Regie: Jean-Jacques Annaud. Buch: Alain Godard, Annaud, John Collee, nach dem Roman von Lü Jiamin. Kamera: Jean Marie Dreujou. Mit: Shaofeng Feng, Shawn Dou, Ankhnyam Ragchaa, Basen Zhabu. Wild Bunch, 119 Minuten.

© SZ vom 31.10.2015/khil

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