"Der Friedhof in Prag" von Umberto Eco Zum Anschlag mit Frack, Hut und Spazierstock

Die neurotische, schizoide Persönlichkeit, die daraus resultiert, darf zu allem Überfluss auch noch in Kontakt treten zu einem österreichischen Juden, der damals in Paris bei Professor Charcot psychiatrische Studien treibt, einem von Simonini "Dr. Fröide" geschriebenen jungen Gelehrten. Das Umfeld von Hysterie, Psychoanalyse und Satanskulten - Simonini raubt geweihte Hostien zum Weiterverkauf - erlaubt dann auch noch die Ausmalung erotischer Exzesse um ein Medium namens Diana, die den verklemmten Simonini schändet.

Am Ende aber wird es vollbracht: Die russischen Verfasser der "Protokolle" übernehmen das Heft und entnehmen dem von Simonini gesammelten Material vor allem jene Prager Nachtszenen, in denen die Weltherrschaft eines obersten Judenrates imaginiert wird und auch schon vorbereitende Terroranschläge in den soeben überall entstehenden Untergrundbahnen vorhergesagt werden. Die abschließende Szene zeigt Simonini auf dem Weg zur Auslösung eines solchen Anschlags in der Pariser Métro, angetan mit Frack, Hut und Spazierstock.

Ein Leser, der nichts von der Geschichte Europas zwischen 1830 und 1900 wüsste und nichts von den "Protokollen der Weisen von Zion", könnte diesen Roman nur als öde Anhäufung grotesker Unwahrscheinlichkeiten auffassen. Denn für eine wirkliche Ausmalung von Situationen und Charakteren sind selbst die 500 Seiten dieses Wälzers zu kurz. Der Gedanke des Aristoteles, die Poesie müsse als "Nachahmung von Wirklichkeit" das im Prinzip Wahrscheinliche und Mögliche darstellen, die Geschichtsschreibung das Faktische erzählen, auch wenn es unwahrscheinlich ist, wird hier auf den Kopf gestellt: Das Bizarre der erzählten Geschichte lässt sich bis in die Einzelheiten des Pariser Stadtplans verifizieren; auch die in der Fiktion zitierten Texte sind echte Zitate oder allenfalls leichte Abwandlungen realer Quellen.

Was soll das also? Als Roman ist das Buch bestenfalls ein Fehlschlag von Rang, weil seine besten Pointen aus den Quellen stammen; doch um das zu verstehen, wird die Lektüre begleitenden Materials nötig - der Verlag sollte es umgehend auf den Markt werfen. Sobald man sich aber in diese reale Geschichte vertieft, hört der Roman auf, einen zu interessieren. Als Literatur ist er weder besonders spannend noch besonders witzig. Als Historie wiederum krankt er an einem strukturellen Fehler: Er verfährt selbst verschwörungstheoretisch, indem er die "Protokolle der Weisen von Zion" als Produkt eines krankhaften individuellen Geistes darstellt, der für unterschiedlichste Auftraggeber arbeitet. Nur Geldgier und Hass sind hier die Motive.

Damit verfehlt "Der Friedhof in Prag" genau den interessantesten Punkt seines Stoffes: die kollektive Entstehungsgeschichte und dann die kollektive Wirkung der "Protokolle der Weisen von Zion". An diesem furchtbaren Text haben drei Generationen geschrieben, und seine Wirkung hält nun schon mehr als ein Jahrhundert an. Das aber ist, angesichts der Niedrigkeit dieser Schrift, sehr viel unheimlicher als selbst die Pariser Kloake, in die der Mörder Simonini seine Leichen entsorgt. Umberto Eco wollte immer ein Schriftsteller der Aufklärung sein - diesmal hat er es sich zu leicht gemacht.

UMBERTO ECO: Der Friedhof in Prag. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhard Kroeber. Hanser Verlag, München 2011. 524 Seiten, 26,00 Euro.