Süddeutsche Zeitung

"Der Friedhof in Prag" von Umberto Eco:Entgifter verlangt Extra-Studium

Der Schriftsteller der Aufklärung macht es sich zu leicht: Umberto Ecos Schauerstück "Der Friedhof in Prag" über die angeblichen Protokolle der Weisen von Zion ist als Roman bestenfalls ein Fehlschlag von Rang. Denn der historische Hintergrund ist nur mit Begleitliteratur verständlich. Und die eigentliche Geschichte ist langweilig.

Gustav Seibt

In den literaturtheoretischen Debatten der achtziger Jahre steuerte Umberto Eco, damals noch Professor für Semiotik, ein gewichtiges Argument gegen die These bei, Texte seien unendlich ausdeutbar: Mit dieser Behauptung würden Texte mit der Welt verwechselt. Während die Welt tatsächlich grenzenlos, also auch unendlich ausdeutbar ist, können endliche Texte das nie sein. Und so wollte Eco die Grenzen der Interpretation nach Jahrzehnten der Befreiungen neu ziehen: Man solle aufhören, die Welt als Buch zu lesen, aber auch damit, Bücher wie Welten zu behandeln. Einfacher gesagt: Fiktionen sind Modelle, beschränkt und handlich; die Welt, die sie zu begreifen helfen, bleibt immer größer und ungreifbarer als alle Modelle der Fiktion.

Das war ein Appell an die Vernunft. Einer seiner Hintergründe war Ecos langjährige Beschäftigung mit Verschwörungstheorien. Sie nämlich stellen einen Sonderfall des Missbrauchs von Texten als Weltmodellen dar: Sie lesen die Welt als Subtext, als Oberfläche geheimer Machenschaften, die die verwirrende, potentiell unendliche Wirklichkeit auf eine einzige Ursache zurückführen, eben die große Verschwörung, sei es des unterdrückten, aber insgeheim weiterlebenden Templerordens oder anderer Geheimgesellschaften wie Rosenkreuzer, Freimaurer oder Illuminaten.

Davon handelte Ecos großer Zeitgeistroman zum Poststrukturalismus, das "Foucaultsche Pendel", das die Weltgeschichte von Mittelalter und Neuzeit in Dan-Brown-Manier als Produkt okkulter Machenschaften darstellte. Der Hintersinn war in Abwandlung einer Weisheit Chestertons: Wer nicht mehr an Gott glaubt - säkularisiert an das Prinzip der Vernunft -, glaubt bald an alles Mögliche. Ecos Roman-Materialschlacht passte damals gut ins Umfeld der von Korruptionen und "Logen" geprägten Politik Italiens vor der Ära Berlusconi.

In den neunziger Jahren wandte Eco sich der historisch folgenreichsten Verschwörungstheorie zu, den "Protokollen der Weisen von Zion". Dabei enteckte er, dass zu den Quellen der "Protokolle" nicht nur die antijakobinischen Schriften des Abbé de Barruel, der bizarre Antisemitismus des preußischen Schauerromantiker Herrmann Goedsche, alias Sir John Retcliffe, und Maurice Jolys Unterweltdialog zwischen Machiavelli und Montesquieu zählten, sondern auch populäre Erfolgsromane des 19. Jahrhunderts wie Alexandre Dumas' "Giuseppe Balsamo" oder Eugène Sues "Geheimnisse von Paris" oder dessen "Geheimnisse des Volkes". Die Überzeugungskraft der angeblich geheimen Protokolle einer jüdischen Weltverschwörung, die vermutlich am Ende des 19. Jahrhunderts vom russischen Geheimdienst fabriziert wurden, kam, so Ecos abgründig-witziger Befund, aus ihren populären, allgemein bekannten Quellen. Das angebliche Geheimnis erinnerte die alarmierten Leser nur an längst Gehörtes; umso plausibler kam es ihnen vor.

Er dreht die Schraube noch einmal weiter

In seinen Harvard-Vorlesungen zum "Wald der Fiktionen" von 1992/93 dienten Eco diese spektakulären Funde noch einmal zur Warnung vor den Übergriffen der Fiktionen auf die Wirklichkeit. Was so unmittelbar aufs Stammhirn wirkt wie die Schauermärchen der "Protokolle der Weisen von Zion" mit ihrer Schilderung einer angeblichen jüdischen Verschwörung auf einem nächtlichen Prager Friedhof, das kann nicht wahr sein. Der Traubenzucker der Spannungsliteratur, der sofort ins Blut geht, ist ein Dope, den das Gegengift der Erzähltheorie außer Kraft setzen muss. Das war für Eco der aufklärerische Anspruch seiner Disziplin, der die Quellen erst vergleichenden und dann zu strukturellen Mustern ordnenden Literaturwissenschaft. Nebenbei waren Ecos Vorlesungen spannende Geschichtsschreibung, zeigten sie doch, dass zu den Ursachen des Holocaust eben auch schlechte Literatur, der Feuilleton-Roman des 19. Jahrhunderts, gehörte.

Der neue Roman des unermüdlichen Schriftstellers dreht die Schraube noch einmal weiter. "Der Friedhof in Prag" erzählt die Geschichte von der Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" nun als Schauerroman; so holt er sie zurück in die Welt ihrer Quellen. Die wichtigste Leseanweisung steht dabei im Anhang unter der Überschrift "Unnötige Hintergrundinformationen". Sie teilen mit, dass außer der Hauptfigur keine einzige Person des Romans erfunden sei. Davon kann sich jeder Leser, der neben dem Roman einen Laptop mit einer Suchmaschine aufgeklappt hält, Punkt für Punkt überzeugen. Gut beraten ist man auch, wenn man den "Ploetz" zum Nachschlagen vor allem zur italienischen und französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts griffbereit hat.

Erfunden ist also nur die Hauptfigur, ein Mann namens Simonini, ein wahres Monstrum aus Hass gegen Juden, Frauen, Jesuiten und Freimaurer, dessen erotische Insuffizienz durch eine ekelhafte, in Dutzenden von Kochrezepten belegte Gefräßigkeit ausgeglichen wird. Der 1830 in Turin geborene Simonini trägt den Namen des Verfassers eines realen Textes, der aber vermutlich eine Fälschung ist: Ein "Capitaine Simonini" soll 1806 den Abbé de Barruel, der die Französische Revolution als Werk von Freimaurern dargestellt hatte, auf den entscheidenden Einfluss der Juden hingewiesen haben. Möglicherweise wurde dieser angebliche Brief von Fouché fabriziert, um Napoleon vor den Juden zu warnen. Eco macht seinen Simonini zum Enkel dieses antisemitischen Briefschreibers, der ein Turiner Reaktionär gewesen sei.

Von 1855 bis 1900 ist dieser Simonini nun nicht nur bei allen wichtigen Ereignissen des italienischen Risorgimento, später dann der Pariser Geschichte zwischen Napoleon III., Kommune und Dreyfus-Affäre beteiligt, er kommuniziert und korrespondiert auch mit sämtlichen Beiträgern zum Gebräu der "Protokolle der Weisen von Zion": also mit den beiden Dumas, mit Sue, mit Goedsche, mit Joly, mit dem Satanisten Taxil, mit Jesuiten, russischen Geheimpolizisten, preußischen Spionen, zuletzt auch mit den antisemitischen Dreyfus-Gegnern um Edouard Drumont.

Eco schickt seinen scheußlichen Helden auf Garibaldis "Zug der Tausend" nach Sizilien, macht ihn erst zum Spion der Turiner Regierung, später der Sicherheitsapparate Frankreichs. Simonini arbeitet zeitweise auch als Agent provocateur bei italienischen Terroristen; und da sein Hauptberuf das Fälschen von Testamenten ist, lässt Eco ihn auch die Handschrift fabrizieren, mit der Oberst Dreyfus als deutscher Spion überführt werden soll. Und als reiche das nicht, verpasst der Erzähler Simonini auch noch einen klerikalen Doppelgänger, einen Abbé Dalla Piccola, den er erst ermordet, um dann dessen Identität für Aufträge zu übernehmen, die in die Welt der römischen Kirche und der Satanisten führen.

Zum Anschlag mit Frack, Hut und Spazierstock

Die neurotische, schizoide Persönlichkeit, die daraus resultiert, darf zu allem Überfluss auch noch in Kontakt treten zu einem österreichischen Juden, der damals in Paris bei Professor Charcot psychiatrische Studien treibt, einem von Simonini "Dr. Fröide" geschriebenen jungen Gelehrten. Das Umfeld von Hysterie, Psychoanalyse und Satanskulten - Simonini raubt geweihte Hostien zum Weiterverkauf - erlaubt dann auch noch die Ausmalung erotischer Exzesse um ein Medium namens Diana, die den verklemmten Simonini schändet.

Am Ende aber wird es vollbracht: Die russischen Verfasser der "Protokolle" übernehmen das Heft und entnehmen dem von Simonini gesammelten Material vor allem jene Prager Nachtszenen, in denen die Weltherrschaft eines obersten Judenrates imaginiert wird und auch schon vorbereitende Terroranschläge in den soeben überall entstehenden Untergrundbahnen vorhergesagt werden. Die abschließende Szene zeigt Simonini auf dem Weg zur Auslösung eines solchen Anschlags in der Pariser Métro, angetan mit Frack, Hut und Spazierstock.

Ein Leser, der nichts von der Geschichte Europas zwischen 1830 und 1900 wüsste und nichts von den "Protokollen der Weisen von Zion", könnte diesen Roman nur als öde Anhäufung grotesker Unwahrscheinlichkeiten auffassen. Denn für eine wirkliche Ausmalung von Situationen und Charakteren sind selbst die 500 Seiten dieses Wälzers zu kurz. Der Gedanke des Aristoteles, die Poesie müsse als "Nachahmung von Wirklichkeit" das im Prinzip Wahrscheinliche und Mögliche darstellen, die Geschichtsschreibung das Faktische erzählen, auch wenn es unwahrscheinlich ist, wird hier auf den Kopf gestellt: Das Bizarre der erzählten Geschichte lässt sich bis in die Einzelheiten des Pariser Stadtplans verifizieren; auch die in der Fiktion zitierten Texte sind echte Zitate oder allenfalls leichte Abwandlungen realer Quellen.

Was soll das also? Als Roman ist das Buch bestenfalls ein Fehlschlag von Rang, weil seine besten Pointen aus den Quellen stammen; doch um das zu verstehen, wird die Lektüre begleitenden Materials nötig - der Verlag sollte es umgehend auf den Markt werfen. Sobald man sich aber in diese reale Geschichte vertieft, hört der Roman auf, einen zu interessieren. Als Literatur ist er weder besonders spannend noch besonders witzig. Als Historie wiederum krankt er an einem strukturellen Fehler: Er verfährt selbst verschwörungstheoretisch, indem er die "Protokolle der Weisen von Zion" als Produkt eines krankhaften individuellen Geistes darstellt, der für unterschiedlichste Auftraggeber arbeitet. Nur Geldgier und Hass sind hier die Motive.

Damit verfehlt "Der Friedhof in Prag" genau den interessantesten Punkt seines Stoffes: die kollektive Entstehungsgeschichte und dann die kollektive Wirkung der "Protokolle der Weisen von Zion". An diesem furchtbaren Text haben drei Generationen geschrieben, und seine Wirkung hält nun schon mehr als ein Jahrhundert an. Das aber ist, angesichts der Niedrigkeit dieser Schrift, sehr viel unheimlicher als selbst die Pariser Kloake, in die der Mörder Simonini seine Leichen entsorgt. Umberto Eco wollte immer ein Schriftsteller der Aufklärung sein - diesmal hat er es sich zu leicht gemacht.

UMBERTO ECO: Der Friedhof in Prag. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhard Kroeber. Hanser Verlag, München 2011. 524 Seiten, 26,00 Euro.

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SZ vom 08.10.2011/gr
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