Debüt-Roman von Andrea Sawatzki Geschichte einer Überforderung

Schauspielerin Andrea Sawatzki setzt mit "Ein allzu braves Mädchen" in der eigenen Kindheit an: Auch sie pflegte als Mädchen ihren kranken Vater, auch sie ist rothaarig, fragil - wie ihre Romanfigur. Wie die meisten Autoren lehnt sie jeden persönlichen Bezug zum Buch ab. Dabei ist er die eigentliche Stärke ihres Debüt-Romans.

Von Claudia Fromme

Wenn ein Roman erscheint, gibt es das Ritual, dass der Autor jeden persönlichen Bezug zum Buch brüsk zurückweist. Nein, die Kunst imitiert nicht das Leben mit all seinen Banalitäten, Eitelkeiten und Rückschlussmöglichkeiten. Die Kunst, die seichte wie die schwere, steht und wirkt doch für sich!

Andrea Sawatzki zieht dieses Register zumeist gespielter Empörung selbstredend auch. Die Schauspielerin, die in Frankfurt als "Tatort"-Kommissarin wirkte, hat ihren ersten Roman geschrieben. Autobiografisch sei ihr Buch "Ein allzu braves Mädchen" nicht, erklärte sie mehr als einmal, und sie schien nachgerade verwundert zu sein, wie jemand überhaupt darauf kommen könne. Hernach erklärte sie, dass ihr eigenes Leben vielleicht der Ausgangspunkt der Geschichte sein könnte.

Es geht um eine Frau, rothaarig, fragil, großäugig, aufgewachsen in Bayern, der Vater Journalist, an Alzheimer erkrankt. Sie pflegt ihn als Kind oft allein, weil ihre Mutter arbeiten muss, leidet unter seiner Wesensveränderung, fühlt sich emotional vernachlässigt, bis der Vater stirbt, als sie Teenager ist. Soweit das Leben der Protagonistin Manuela Scriba - und das von Andrea Sawatzki. Das dürfte mancher Leser wissen, sofern er auch Zuschauer ist. Auch im "Tatort" hatte Sawatzki als Ermittlerin einen dementen Vater. Das ist das Fundament des Kurzromans und der Seelenlage Manuela Scribas. Es ist weniger der Ausgangspunkt der Geschichte als das strukturierende Element, und am Ende vielleicht so etwas wie: die Antwort auf alle Fragen.

Zwei Geschichten werden im Verlauf des Romans zu einer. Zum einen wird im Wald eine verstörte junge Frau aufgegriffen, im Paillettenkleid, die Arme um die nackten Beine geschlungen. Zum anderen liegt ein alter Mann mit offenem Schädel in seiner Villa im feudalen Münchner Vorort Grünwald. Der Mann landet in der Pathologie, die Frau in der Psychiatrie, in der sie einer Therapeutin dort, Dr. Minkowa, ihr ambivalentes Seelenleben ausbreitet, das in dem schönen Satz beschrieben ist: "Sie hob den Kopf und beobachtete die kleine Fliege, die nun an der Zimmerwand hochlief. Sie rückte näher an das Tier heran, es schien geschwächt zu sein und zeigte keine Reaktion. Sie nahm es behutsam zwischen zwei Finger und zerquetschte es."

Alter Mann mit zu viel Geld, der seine Perversionen auslebt. Junge Frau mit zu wenig Liebe in ihrer Kindheit, die versucht, sich zu rächen. Die Opfer des Machtanspruchs ihres Vaters war und als Prostituierte versucht, sich einzureden, dass sie es nun ist, die Männer benutzt. Eine Psychiaterin, die als Ermittlerstellvertreterin und Mutterersatz einem sogenannten dunklen Geheimnis auf den Grund geht und durch weibliche Intuition Zugang zu ihrer Klientin findet, den das System nie finden kann.