Debüt-Album von Sänger Dagobert Schlager mit Anspruch

Der 30-Jährige meint die Sache mit dem Schlager vielmehr durchaus ernst. Genau da drängt sich natürlich die Frage auf, was genau diese Musik ist, die weder wirklich Schlager noch richtig Pop sein will, sondern irgendwie beides gleichzeitig?

Der Künstler selbst sagt: "Ich will Musik machen, die einfach ist und die jeder versteht: Schlager mit Anspruch." Heraus kommt dabei ein Sound zwischen Schlager und Kuschel-Pop: Mal klingen die Songs nach Hump-ta-Hump-ta-Schunkelmusik ("Ich bin zu jung"), dann wieder nach Retro-Synthie-Pop ("Die ganz normale Liebe"). Mal leiern jaulende Orgelsounds ("Ich bin verstrahlt"), mal säuseln Hintergrundchöre La-la-la-Melodien ("Für immer blau").

Musik, bei der man an Samtsofas und rosafarbenes Briefpapier denkt, an Tortenspitze und Cocktailschirmchen. Und dazu singt Dagobert in seinem watteweichen, leicht vernuschelten Schweizer Akzent über denkbar altmodische Phantasien vom Hausbau bis zum Kinderwunsch: "Du bist viel zu schön um auszusterben/ Lass unsere Kinder deine Schönheit erben" ("Hochzeit").

Musikalisch sozialisiert wurde der Wahlberliner mit den Scorpions, Chris Isaak und den Flippers - so jedenfalls erzählt er selbst die Geschichte. Angeblich habe "Wind of Change" den damals Achtjährigen "dermaßen geflasht", dass er anfing selbst Musik zu machen: "Das war vielleicht das Beste, was ich bis dahin erlebt hatte. Vorher gab es nur Mickey Maus." Sein Hang zur weichgespülter Musik der Neunzigerjahre, das Groteske, das Eigenbrötlerische - all das gehört zur Figur Dagobert.

Es ist Teil der Legende, die ihn nach depressiver Schulzeit, Vagabunden-Dasein in Proberäumen und Bahnhofstoiletten und fünf Jahren völliger Abgeschiedenheit in einer Schweizer Berghütte, nach Berlin getrieben hat, wo er anfangs "wie immer völlig pleite" im Hinterzimmer eines Cafés gehaust haben soll. Der brotlose Musiker, der Lebenskünstler, der Anarchist - ob die Biografie nun authentisch ist oder nicht, ist aber letztlich gleichgültig. Denn das Bild, das sich daraus ergibt, ist vollkommen stimmig - und innovativ. Dagobert hat ein neues Pop-Genre erfunden: den Indie-Schlager.

Das macht Dagoberts Musik zu einer Art optischer Täuschung für das Publikum: Im Videoclip sieht man einen seltsam apathischen Dandy, in der Biografie einen Punk im Geiste. Hören allerdings tut man tatsächlich Schlager. Für Liebesfolklore braucht es im Patch-Work-Zeitalter Brüche. Und Dagobert erreicht offenbar moderne Großstadtbewohner, die sich lieber einen Finger abhacken würden, als im Musikantenstadl mit zu schunkeln, weil er die Liebesfolklore in deren Zeichensysteme übersetzt. In der Überblendung der vielen einzelnen, popkulturellen Signale - Schmusesänger, Sonderling, Synthie-Nostalgiker - hat Dagobert einen Weg gefunden, der Gefühlsduseligkeit für eine junge urbane Generation wieder zeitgemäß macht. Sie muss eingängig sein, aber vielschichtig. Was für ein Manöver.