"Das Ministerium des äußersten Glücks" Erst beim dritten Anlauf findet der Roman auf die Füße

Das Buch beginnt pittoresk mit einer Lebensfeier auf dem Friedhof. Dorthin ist Anjum gezogen, die als der Junge Aftab geboren wurde und auch nach einer Operation zeit ihres Lebens mit dem Mann in ihr Krieg führt. Anjum lebte in einem jener Häuser, in denen Hijras, Transgender-Personen wie sie, in Indien seit Jahrhunderten drittes Geschlecht sein dürfen.

Doch die Nähe bekommt ihr nicht. Erst auf dem Friedhof, wo sie nachts mit aus dem Leichenschauhaus gezapftem Strom alte Vampirfilme anschaut, findet sie ihren Frieden. Erst schläft sie auf Gräbern, dann baut sie sich eine Hütte, schließlich kommt ein Gästehaus hinzu. Ihr Biotop wird bald zum Hafen für Randexistenzen aller Art, darunter ein Mann aus der alleruntersten Kaste, der sich Saddam Hussain nennt, aus Bewunderung für die Tapferkeit, die der Diktator bei seiner Exekution bewiesen habe. Mit ihm, einem ehemaligen Leichenwäscher, Kleinkriminellen und Wachmann, der den Mitgliedern höherer Kasten ihre Kuhkadaver abtransportiert, steigt sie ins Bestattungsbusiness ein.

Ein unschwer zu identifizierendes Alter Ego der Autorin Roy taucht auf

Vom Friedhof führt die Erzählung unvermittelt in eine andere Welt, mit anderen Outcasts: die Gegend um das Observatorium Jantar Mantar, wo Roy uns in das schwindelerregende Wimmelbild einer Antikorruptions-Demo taucht, samt Hungerstreikenden, Müllfahrern, Opfern der Chemiekatastrophe von Bhopal und Verwirrten, aus deren Pamphleten sie seitenlang zitiert. Doch erst beim dritten Anlauf findet der Roman auf die Füße. Vier Studenten lernen sich 1984 an der Universität kennen. Die drei Männer der Clique verlieben sich in Tilo, die einzige Frau, die wir von nun bei ihren wechselnden Beziehungen zu den dreien verfolgen und die zu einer Art Auge des Romans wird. Sie ist unschwer als Alter Ego von Roy zu identifizieren. Nicht nur die Liebe zu Tilo haben die drei jungen Männer gemeinsam: Alle drei sind Jahre später in den Kampf um Kaschmirs Unabhängigkeit verwickelt. Einer ist Journalist und berichtet von dort, einer ist beim Geheimdienst, der dritte ist Musa, der Untergrundkämpfer.

Erst im letzten Viertel des Romans läuft Roy zur alten Form auf. Die Passagen, in denen Tilo und Musa durch die grandiose, wegen der Unruhen menschenleere Bergwelt Kaschmirs streifen, haben eine berückend filmische Qualität, von der Roy bis dahin nur sehr sporadische Proben gab. Auch weiter vorne blitzen immer wieder große literarische Momente auf, doch deren Stärke liegt eher in ihrer bitter-absurden Lakonik. So in der Geschichte von dem toten Steinbrucharbeiter, von dessen Körper beim Verbrennen ein lungenförmiger Klotz übrig bleibt, der sich aus dem Steinstaub gebildet hatte. Sein Bruder zerschlägt ihn mit einer Brechstange, um seine Seele freizulassen, "obwohl er Kommunist war und nicht an Seelen glaubte". Oder die von den Bauarbeitern, die sich an einer Schnellstraße schlafen legen, weil sie der Abgase wegen dort vor den Dengue-Mücken sicher sind, nur um dann von Lastwagen überrollt zu werden.

Eine Metapher gefällt so gut, dass sie 300 Seiten später wieder verwendet wird

Davor jedoch, im ausufernden Mittelteil des Buchs, scheint es streckenweise, als lasse Roy den Autopilot schreiben. Da stürzen erst die Twin Towers ein, dann springen die Leute aus den Fenstern. Da gefällt ihr eine Metapher - der "internationale Supermarkt des Leids" - so gut, dass sie sie nach 300 Seiten ein zweites Mal verwendet. Da "zwinkern" Blechsärge "die Frühjahrssonne an", da haben Straßenköter einen "felsenfesten" Herzschlag, und da fabriziert sie abstruse Sätze wie diesen: "Normalität in unserem Teil der Welt ist so etwas wie ein weich gekochtes Ei: Seine langweilige Oberfläche verbirgt zuinnerst einen Dotter von ungeheuerlicher Gewalttätigkeit."

Was aber vor allem auffällt, ist die Inkonsistenz ihres Tons und ihres Engagements als Erzählerin. Wieder und wieder verstört sie den Leser mit Szenen von fast pornografisch ausgestellter Gewalt - lässt Menschen bei lebendigem Leib verbrennen, in Gullys steckend ertrinken, zeigt Leichen, denen Geier die Gesichter zerhacken oder von denen nur noch "Fleischstücke, Haare, ein paar Zähne" in einer Tüte übrig sind.

Kann man Chaos durch literarisches Chaos wiedergeben?

Dann zieht sie sich plötzlich lakonisch zurück: "Das Leben ging weiter. Es wurde weiter gestorben. Es wurde weiter Krieg geführt." Nur um sich kurz darauf mit Pathossirene zurückzumelden: "Der Tod war überall. Der Tod war alles. Karriere. Begehren. Traum. Poesie. Liebe. Jugend. Sterben wurde zu einer neuen Lebensweise." Oder: "Mit seinen Begleitern ... war ihm die Liebe der heißblütigen Männer gemein, die leichten Herzens ihr Leben füreinander gaben."

Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben - und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.

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