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"Das achte Kind" von Alem Grabovac:Ein beinahe friedlicher Moment

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Mit den Eltern vor dem Fernseher kommt der Ungeist in der deutschen Gemütlichkeit zutage in Alem Grabovacs Roman "Das achte Kind".

(Foto: Hulton Archive/Getty Images)

Alem Grabovacs subtiler Roman "Das achte Kind" über das Aufwachsen in Deutschland mit zwei Paar Eltern und mehr als einer Herkunft.

Von Fritz Göttler

Der Junge malt den Mitschülerinnen Panzer in ihre Poesiealben, und der Mutter schenkt er einen zum Muttertag. Französische, britische, amerikanische, sowjetische, am liebsten aber deutsche Wehrmachtpanzer, Brummbär oder Sturmhaubitze 42. Zu Besuch bei seinen Verwandten in Jugoslawien, die Mutter ist Kroatin, der Vater in Bosnien geboren, überreicht er auch seinem Großvater einen: "Opa besah sich mein Bild, fluchte, zerriss es vor meinen Augen, warf es auf den Boden und spuckte darauf ... 'Scheiß auf die Deutschen, scheiß auf die Nazis. Wir haben gegen dieses Dreckspack gekämpft, und jetzt malt mein eigenes Fleisch und Blut ihre verfickten Panzer.'''

Alem Grabovac heißt dieser Junge, Verfasser und Hauptfigur des Romans "Das achte Kind". Am Beispiel der Kindheit und Jugend eines Sohnes damals sogenannter "Gastarbeiter" in Deutschland, von den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts bis heute, erforscht dieses Buch, was verallgemeinerbar und was einzigartig ist in diesem Leben, das sich aus verschiedenen Familien und Gesellschaften, Nationen und Identitäten zusammensetzt. Wie sich Normalität in der Nachkriegsgesellschaft erst langsam entwickelt hat und wie man davon erzählen kann. Keine Autobiografie, tatsächlich ein Roman - aus der Differenz der Genres bezieht das Buch seine Spannung.

Die Erzählung beginnt Ende der Sechziger, da findet die junge Smilja, Alems Mutter, das Inserat einer Schokoladenfabrik in Würzburg, die Arbeitskräfte sucht. Von einem Job in Deutschland, dem Wohlstand dort träumen viele Mädchen in Jugoslawien. Smilja schafft es, wird gemustert und angestellt, geht nach Würzburg, lernt Deutsch, mietet eine kleine Wohnung, ist einsam in der Fremde, weint viel. Innerhalb weniger Wochen hat sie sich an der Schokolade überfressen.

Der Erzähler urteilt nicht retrospektiv oder besserwisserisch über das Geschehen

"Das Buch Smilja" heißt der erste Teil des Romans, in dem die Geschichte der Mutter als Teil der eigenen erzählt wird, lakonisch, ohne Pathos oder Geringschätzung. In all ihrer spießigen Widersprüchlichkeit entwickelt da eine deutsche Heimeligkeit ihre eigene Aura. Die Geschichte der Mutter schließt auch die des Vaters ein, Emir Grabovac. Er kann charmant sein, aber oft ist er brutal und unbeherrscht. Ein Taschendieb, der mit anderen Frauen schläft. Weil sie den kleinen Alem nicht allein mit ihm lassen will, gibt Smilja ihn die Woche über zu einer deutschen Pflegefamilie, Robert und Marianne Behrens. Die haben sieben Kinder, und nehmen dazu Pflegekinder auf. Als Smilja nach Frankfurt zieht, um beim Automobilzulieferer VDO Tachometer zusammenzumontieren, bleibt Alem als achtes Kind der Familie Behrens zurück.

So stehen die zwei Welten in diesem Roman nah und fremd nebeneinander, die bundesdeutsche und die jugoslawische, die bürgerlich urbane und die agrarische des Karst, und unsere Wohlstandsgesellschaft bekommt etwas Archaisches. Wenn er seine Mutter besucht, tut Alem sich in Frankfurt mit anderen zusammen, die in einer ähnlichen Situation sind - der junge Besitzer einer Videothek, mit den Eltern geflohen vor der islamischen Revolution in Iran, oder Svetozar, ein junger Macho, der in Frankfurt auftaucht, weil Smilja seinen Vater Dušan heiraten will. Beide Jungen werden von diesem Vater brutal behandelt.

Der Erzähler Alem Grabovac steht nie retrospektiv oder besserwisserisch über dem Geschehen, ohne Moral oder Erklärung folgt Episode auf Episode. "Es gibt nichts", heißt ein Satz von Walter Benjamin, "was Geschichten dem Gedächtnis nachhaltiger anempfiehlt als jene keusche Gedrungenheit, welche sie psychologischer Analyse entzieht."

All die Liebe, soll sie "eure ganze Mitläuferscheiße" kompensieren?

Emir landet schließlich in Goli Otok, dem berüchtigten jugoslawischen Gefängnis. 1980 besucht ihn Smilja dort, er ist renitent und aggressiv, schimpft auf den Sozialismus: "Scheiß auf Tito. Hört ihr: Scheiß auf Tito!" Smilja bricht den Kontakt zu ihm ab, klärt Alem erst nach Emirs Tod über dessen Existenz auf. Da lebt Alem schon als Journalist in Berlin, nach einem Soziologiestudium, mit seiner Frau und seinem Sohn. Er hatte nie eine Chance, sich von seinem Vater selbst ein Bild zu machen. Das ist der Punkt, an dem der zweite Teil beginnt, das Buch Alem.

Grabovac, der in seinen journalistischen Arbeiten die deutsche Wirklichkeit analysiert und ihre Tendenzen, auch ihren Ruck nach rechts, deutlich kritisiert, schreibt als Erzähler gegen die Versuchung an, die Situation der Gastarbeiter und Einwanderer von vornherein als desolat und bemitleidenswert zu klassifizieren, sie zu Opfern zu stilisieren oder als Außenseiter zu heroisieren. Er verzichtet auf den Bonus einer zu billigen Lesesolidarität, spielt lieber subtil mit unseren Vorurteilen.

Sein Roman "Das achte Kind" handelt auch von dem deutschen, dem Pflegevater Robert, der Soldat in Russland war und jetzt als Redakteur bei einer Motorradzeitschrift arbeitet. Robert, das ist für Alem der herbe Duft des Rasierwassers Old Spice oder eine Fahrt auf einer brandneuen Honda Gold Wing. Aber auch der Geist der Nazizeit: "Für einen Juden eigentlich ganz witzig", sagt der zweite Vater, als er sich mit Alem "Dalli Dalli" mit dem Moderator Hans Rosenthal ansieht. Die Entfremdung wächst. All die Liebe der Pflegeeltern für die angenommenen Kinder, soll sie "eure ganze Mitläuferscheiße" kompensieren?

Alem Grabovac: Das achte Kind. Roman. Hanserblau, München 2020. 256 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Hanserblau)

Es tun sich Risse auf in der Bürgerlichkeit - bewegend, wenn Alem bei Marianne, die so cool und selbständig ist, Angst spürt vor dem Alleinsein, dem Älterwerden, dem Tod. "Ach, ihr beiden", stöhnt er. "Das ist alles ziemlich verrückt. Ich verstehe es einfach nicht." Die Perspektive bleibt kindlich, auch wenn Alem aus seiner späten Jugend erzählt. Bei seinem letzten Besuch in Kroatien, kurz vor dem Ausbruch von Nationalismus und Bürgerkrieg, trägt er den bettlägerigen Großvater noch einmal ins Freie vors Haus. Dort raucht der eine Pfeife und trinkt ein Glas Sliwowitz und gibt Alem den Rat: Hüte dich vor den falschen Wünschen.

Ein fast friedlicher Moment. In der Rückbesinnung auf seine Wurzeln liegt die Möglichkeit einer Versöhnung der Gegensätze, für Alem und auch für seine Mutter. Und so kommt es noch zu einem dritten Teil, dem Buch Emir, über den wiedergefundenen Vater. Alem legt Rosen auf dessen Grab und zieht fünf Fotos aus der Tasche, die die Mutter ihm gegeben hat: "Schau, das ist alles, was ich von dir hatte."

Alem Grabovac: Das achte Kind. Roman. Hanserblau, München 2020. 256 Seiten, 22 Euro.

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