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Freizeit in der Stadt:Verweilgebot

Auch in RAL-Grün 6018, so wirbt der Katalog des Herstellers, ist die Jugendbank wie gemacht zum Chillen.

(Foto: contiparkbanksysteme.de)

Die "Jugendbank", bei der man auf der Lehne sitzen kann, ist das Parkmöbel der Saison. Es gibt auch das seniorenfreundliche Rollator-Modell. Was ist da los zwischen den Generationen im Park?

Von Gerhard Matzig

Davor stehend begreift man erst nicht, um was es sich handelt. Zumal als älterer Mensch. Dessen Sehgewohnheiten aber ohnehin gern "unterlaufen" werden. Demnach könnte es sich um eine Kunstaktion im öffentlichen Raum handeln. Auch denkbar: Es ist der Rest eines Mikadospiels, aber dann müssten die Mikadospieler maßstabsgerecht ungefähr 18 Meter groß sein. Ist es etwas, wo man Pferde anbinden soll? Eine Stufenbarren-Variante? Das Ding gibt Rätsel auf.

Wer noch älter ist und sich mit Grausen an die Normandie erinnert, der wird womöglich an die "Hemmbalken" im "Gürtel aus Bollwerken" denken, die errichtet wurden, um die Alliierten am Betreten des großdeutschen Reiches zu hindern. Eine Variante des Hemmbalkens, der "Rommelspargel", taucht im Roman "Die Blechtrommel" von Günter Grass auf. Ansonsten sitzen im Roman die meisten Menschen halbwegs artgerecht - sogar auf Bänken. Die eh immer was Poetisierendes haben. Verweile doch ...

Das Verweilen geht mindestens seit Goethe so: Mit dem sogenannten Gesäß ruht man auf der sogenannten Sitzfläche. Man nennt den Vorgang auch "sitzen" . Anatomisch ist das Sitzen nur auf Dauer ungesund. Ungefährlich ist es, das Feuilleton auf der Bank zu lesen, sich zu verlieben oder ein Kästner-Gedicht auswendig zu lernen: "Die Pärchen meiden nachts das Licht. / Sie hocken Probe auf den Bänken / in den Alleen, wobei sie denken: / Raus mit die Gefühle / oder rin mit die Gefühle / oder nicht?"

Die Beine lagern auch beim Probesitzen auf dem Boden. Das ist praktisch. Der Boden ist manchmal schmutzig, die Schuhe sind es dann auch. Und so befindet sich der Staub beim Staube, wo er auch hingehört im Universum. Sofern eine Lehne vorhanden ist: Die dient dem Rücken zur Entspannung. Im letzten Frühjahr, als im ersten Lockdown die Parkbank zur Kontaktbörse der Seuche und zum Ort des Verbrechens wurde, hat man den Parkbankhersteller Runge in Osnabrück angerufen.

Zu hören war: "Das Interesse an Corona ist sehr gering." Bis heute ist das der schönste Satz, den man je gehört hat. "Corona" ist eine Parkbank. Die anderen von der Firma Runge heißen auch immer was mit "a" am Ende: "Estiva", "Floria", "Corona". Corona, zwei Meter lang, 84 Kilo schwer, ein Viersitzer, der sich durch eine "bequeme Sitzposition" auszeichnet, ist sogar in Tannengrün ein Ladenhüter. Die Leute haben angeblich die modernen Design-Varianten lieber. Aus Gründen der Ergonomie ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht.

Die "Jugendbank" gibt es bald öfter als eine Filiale der Deutschen Bank

Andererseits ist Ergonomie unter Jugendlichen, die eine neue Zielgruppe der Bankbranche markieren, ohnehin nicht so gefragt. Die "Jugendbank", die bald öfter zu sehen ist als eine Filiale der Deutschen Bank und die sich nach Angaben des Herstellers Conti gut verkauft, kommt praktischerweise ohne Ergonomie aus. Das heißt: Es ist eher ein Turngerät als etwas zum Verweilen. Wobei man das Herumlungern nicht unterschätzen sollte. Zum Chillen ist die Jugendbank wie gemacht.

Nämlich so, dass man auf der Lehne, die jetzt der Sitz ist, "sitzt". Angeblich machen das die jungen Menschen so. Wobei die Beine samt Füßen und Schuhen, die ausschauen, als habe sie der Besitzer gerade aus der Mülltonne gezogen (in Wahrheit sind es ultimative Distinktionsmittel zum Preis von Mittelklasseautos), auf der normalen Sitzfläche ruhen. Die im Fall der Jugendbank ein Mittelklasseautoabstellbalken ist. "Speziell für die Sitzgewohnheiten von Jugendlichen wurden unsere Jugendbänke konstruiert", heißt es bei Conti im "familienfreundlichen" Berglen bei Stuttgart.

Die Familienfreundlichkeit, die neuerdings das Bankwesen auszeichnet, rührt auch daher: Es gibt nicht nur Bänke, die den Sitzgewohnheiten von Junioren entgegenkommen, sondern auch solche, die denen von Senioren gerecht werden. Schon vor Jahren wurde die "Gröbenzeller Seniorenbank" bekannt, mit hohen Armlehnen zum Festhalten, großen Sitzflächen (nicht für Schuhe geeignet) und fast geraden Lehnen. Für den Rollator gibt es in der Mitte der Bank eine kleine Parkbucht.

Im Grunde ist es schön, dass die Parkverwaltungen mit Jugend- und Seniorenbänken generationsübergreifend Gutes tun. Junge Menschen sitzen offenbar gern auf der Lehne. Ältere Menschen sehen das ebenso offenbar nicht so gern. Weil sie dann dort sitzen, wo die Sneaker vom Staub des Universums künden. Was einen irritiert: Ist es denn dann so, dass links im Park die Senioren sitzen - und rechts im Park die Nichtsenioren? Schade, denn früher waren Parkbänke auch mal dazu gedacht, Leute zusammenzubringen, die sich scheinbar sehr fremd sind.

Der Begriff "Bank" ist ein germanisches Wort. Der "Bankert" (gezeugt auf der Schlafbank der Magd und nicht im Ehebett) ist noch eine Erinnerung daran. Wie auch der "Bänkelsänger". Im Mittelalter nahmen auf den Bänken nur Personen Platz, die einander gleichgestellt waren. Da sind wir jetzt wieder angekommen mit unseren Jugend- und Seniorenbänken: im Mittelalter.

© SZ
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