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Kunsthandel und Nationalsozialismus:Ein deutscher Schatzmeister

Der Sammler Cornelius Gurlitt ist tot. Seine Sammlung soll an eine Institution im Ausland gehen.

Von Kia Vahland, Catrin Lorch, Hans Leyendecker, Georg Mascolo, Jörg Häntzschel

Cornelius Gurlitt ist tot. Damit endet einer der größten Kunstskandale der deutschen Nachkriegszeit. Damit endet vermutlich auch der Fall Gurlitt. Er soll ein Testament hinterlassen haben, in dem er einen Verein im Ausland als Alleinerben der Sammlung eingesetzt hat. Seine wenigen Verwandten werden höchstens finanziell abgefunden.

Es ist das Ende einer Geschichte, die den Deutschen gezeigt hat, dass ihre Vergangenheit noch nicht vorbei ist. Im Verborgenen hatte der Sohn und Erbe eines von Adolf Hitler begünstigten Kunsthändlers jahrzehntelang mehr als tausend bedeutende Werke der Moderne und Vormoderne in seiner Münchner sowie seiner Salzburger Wohnung gehortet. Im vergangenen November wurde bekannt, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft die Bilder aus München beschlagnahmt hat - sie vermutete ein Steuervergehen.

Seither lagern die Arbeiten, inzwischen mit Gurlitts Zustimmung, in einem Depot bei München; ein international zusammengesetztes Expertenteam erforscht, welche verschlungenen Wege diese Bilder in der NS-Zeit nahmen. Was wurde verfolgten jüdischen Familien abgepresst? Was enteignet, was mussten Emigranten zu Spottpreisen verkaufen? Und was geschah in den besetzten Gebieten, vor allem in Frankreich, wo Gurlitts Vater Hildebrand in den Kriegsjahren für die Nazis und im eigenen Auftrag Handel trieb? Welche Bilder stammen aus deutschen Museen und wurden von den Nazis verkauft, weil sie als zu modern, als "entartet" galten?

Nun ist Cornelius Gurlitt im Alter von 81 Jahren gestorben, und eine Frage drängt sich vor alle anderen: Was geschieht mit seinen Kunstwerken? Denn noch sind die Nachfahren der drangsalierten jüdischen Sammler nicht entschädigt, auch wenn Gurlitt das versprochen und eine Vereinbarung dazu mit dem deutschen Staat unterschrieben hat. Was mit den Hunderten ehemals als "entartet" diffamierten modernen Werken aus deutschen Museen passieren soll, drang in den vergangenen Monaten nicht aus Gurlitts Krankenzimmer.

Der Fall Gurlitt führte die Behörden an ihre Grenzen

Der Fall Gurlitt führte nicht nur die Kunstwelt, sondern auch die Rechtsbehörden an ihre Grenzen. Ihr Instrumentarium reicht nicht bis in die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte zurück, es ist gemacht für die Gegenwart. Gurlitt aber lebte ein Stück weit in der Vergangenheit.

Dass Cornelius Gurlitt fast ebenso unsichtbar sein konnte wie die Bilder in seiner Wohnung, ist umso erstaunlicher, als er aus einer Dynastie namhafter Künstler und Wissenschaftler stammt. Die Figur, die das Leben von Cornelius Gurlitt bis zum letzten Moment prägte, war sein 1895 in Dresden geborener Vater Hildebrand.

Der Kunsthistoriker verstand früher als viele andere die Bedeutung von Künstlern wie Max Pechstein, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff. Zwischen 1925 und 1928, als er Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau war, widmete er ihnen große Ausstellungen. Doch in Zwickau kam sein fortschrittliches Kunstverständnis nicht an, er wurde abgesetzt. Dass er als "jüdisch versippt" galt, kostete ihn später seinen Posten als Direktor des Hamburger Kunstvereins.

Dennoch wurde Hildebrand Gurlitt wenige Jahre später einer der offiziellen "Verwerter" für in deutschen Museen beschlagnahmte "entartete Kunst". Beauftragt wurde er außerdem, im besetzten Frankreich Kunst für das geplante Führermuseum in Linz zu kaufen. Nach dem Krieg amtierte er noch einige Jahre lang als Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins. 1956 starb er bei einem Verkehrsunfall. Seine Sammlung, so hatten er und seine Frau stets beteuert, sei beim Dresdner Feuersturm 1945 vollständig verbrannt.

Gurlitt - bis zu seinem Tod eine Chiffre

Bis zu seinem Tod blieb Cornelius Gurlitt eine Chiffre. Geboren wurde er 1932 in Hamburg. Später, während des Kriegs, zog die Familie nach Dresden. Er besuchte die Odenwaldschule und studierte Kunstgeschichte in Köln. Doch das Studium brach er ab. Was in den vielen Jahrzehnten seither geschah, weiß niemand. Bekannt ist nur so viel: Der Auftrag seines Vaters, nach dem Tod der Mutter 1968 die Bilder zu hüten, wurde für ihn zur Lebensaufgabe.

International sorgt der Fall Gurlitt nach wie vor für Aufregung. Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, meinte, bei Bildern wie denen, die in seiner Schwabinger Wohnung und im Salzburger Haus gefunden wurden, handele es sich um die "letzten Kriegsgefangenen".

Dass kürzlich mit "The Monuments Men" ein Spielfilm angelaufen war, der von der Jagd amerikanischer GIs nach versteckten Nazischätzen handelte, erschien in der öffentlichen Diskussion passend: War das, was der sonderliche alte Mann einsam hortete, nicht so etwas wie der Ablass, der das historische Gewissen als Einmalzahlung beruhigen konnte?

Denn was den in alle Welt zerstreuten Nachfahren meist jüdischer Sammler gehörte, war ihnen in der Nachkriegszeit ausgerechnet von denen vorenthalten worden, die sie enteignet, ausgeraubt, umgebracht hatten: und auch wenn Cornelius bei Kriegsende gerade einmal zwölf Jahre alt war, pappte man ihm das Etikett "Nazisohn" an, wo es eigentlich um die Klärung verwickelter Eigentumsverhältnisse ging.

Besitzansprüche ließen sich nur schwer rekonstruieren

Als die Entdeckung des "Bilderschatzes" durch die Medien ging, wurde unreflektiert gefordert, man solle Gurlitt doch schnellstmöglich enteignen. Dass sein Vater Hildebrand Gurlitt zudem auch Kunst gesammelt hatte, die er aufkaufte und ersteigerte, als sie als "entartet" in deutschen Museen abgehängt und verramscht wurde, führte erstmals in der Nachkriegszeit zu einer öffentlichen Diskussion auch über den Verbleib jener Werke, die nach dem Krieg nicht zurückgegeben wurden.

Denn nicht nur waren juristisch viele Besitzansprüche längst erloschen - auch ließen sie sich häufig nur schwer rekonstruieren und einwandfrei absichern. Die schleppende Aufarbeitung der Sammlung Gurlitt wurde fast zur Staatsaffäre, als nicht nur die Rechtsanwälte der Erben jüdischer Vorbesitzer, sondern auch Vertreter jüdischer Opfer-Organisationen Kritik an der langsamen Arbeit der doch sonst so effizienten deutschen Behörden übten. Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach persönlich Abhilfe und ließ eine "Task Force" unter der Leitung von Ingeborg Berggreen-Merkel aus dem Kulturstaatsministerium einberufen.

Die war zwar vor allem mit Interessensvertretern und nur wenigen Wissenschaftlern besetzt, entwickelte sich allerdings zum machtvollen politischen Gremium, das zuletzt in der Öffentlichkeit eher wie ein Verhandlungspartner von Gurlitt auftrat, denn wie ein wissenschaftlich um akribische Klärung von Einzelfällen bemühtes Symposium. Vieles, was in der Vergangenheit versäumt worden war - wie beispielsweise die Etablierung von Forschungsstellen zur Raubkunst, die Förderung von Archiven, konnte nun tatsächlich umgesetzt werden und auf dauerhafte Förderung hoffen.

Viele Rätsel nimmt Gurlitt mit in den Tod

Es gibt viele Rätsel, die Gurlitt mit in den Tod nahm und nur wenige Gewissheiten. Er wollte den Schatz, den die Eltern hinterlassen hatten, unter allen Umständen schützen. Die Mutter hatte 1968 ein Testament ohne Unterschrift hinterlassen. Gleichberechtigte Erben waren Gurlitt und seine Schwester Benita. Der Bruder, das stand fest, sollte die Sammlung zusammenhalten.

Benita, die 2012 starb, war ihm nahe. Soweit man das bei einem menschenscheuen Mann wie Gurlitt sagen kann. Bei ihr hatte er einige Zeit gelebt und eigentlich, so sagen Insider, habe er sein ganzes Leben mit ihr verbringen wollen. Doch Benita Gurlitt hatte 1968 geheiratet, und zu ihrem Mann, einem Kunstkenner, pflegte Gurlitt ein höfliches, aber distanziertes Verhältnis.

Man siezte sich. Von dem großen Erbe des Cornelius Gurlitt habe der Schwager "keine Ahnung" gehabt und seinen Münchner Verwandten auch nie besucht, sagte er. Cornelius Gurlitt wollte nicht, dass Fremde seine Wohnung sahen, und selbst ein Verwandter, den er vielleicht mochte, war für ihn ein Fremder.

Gurlitt war schon eine Weile schwer herzkrank und konnte kaum gehen. Die Bilder und die Termine bei einem Internisten bestimmten seinen Alltag. Im Dezember vergangenen Jahres, als die ganze Welt hinter ihm her war, wurde er in eine Klinik gebracht. Nur gelegentlich empfing er Besucher wie seinen vom Gericht gestellten Betreuer oder auch seinen Anwalt Tido Park. Oft auch den Schwager, der schon in den Achtzigern ist.

Keinen Vertrauten mehr in der Familie

Gurlitt soll im Februar oder März in dem Krankenhaus einen Notar empfangen haben, mit dem er sein Testament gemacht haben soll. Bei dieser Gelegenheit soll angeblich der Verbleib der Bilder fest geregelt worden sein. Wie die Regelung im Einzelnen aussieht, war am Dienstagnachmittag noch Spekulation.

Fest steht: Gurlitt hatte in der Familie niemanden mehr, der ihm wirklich vertraut war. Schon deswegen war nicht zu erwarten, dass er die Bilder an einen Verwandten vererben wollte. Die jetzige Lösung, sie einer Institution zu vermachen, spricht dafür, dass die Sammlung zusammenbleiben wird, was Gurlitt ja stets als seinen Auftrag verstanden hatte.

Gurlitt war bis zuletzt in der Lage, die Verhandlungen seiner Anwälte mit der bayerischen Regierung über den Umgang mit Restitutionsforderungen und die mögliche Rückgabe seiner Sammlung zu verfolgen. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit war er vor Wochen schwer krank in seine Schwabinger Wohnung zurückgekehrt. Dort sorgten sich Pfleger um ihn, während ein Privatdetektiv ihn abschirmte. Meist soll er im Bett gelegen haben. Anfang April hat er schließlich die Verfahrensvereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland, Bayern und ihm selbst unterzeichnet, in der auf sechs Seiten festgelegt wurde, was zu seinen Lebzeiten mit den Bildern passieren sollte: Er unterwarf sich den sogenannten Washingtoner Prinzipien, die sonst nur für öffentliche Sammlungen und Museen gelten, und die weitestmögliche Restitution von "verfolgungsbedingt entzogener" Kunst vorsehen.

Offen ist nun die Frage, von wem und unter welchen Bedingungen die laufenden und etwaige weitere Restitutionsverhandlungen weitergeführt werden. Eine Sprecherin des Justizministeriums sagte am Dienstagabend, dass die geschlossene Vereinbarung auch für die Erben bindend sei.

Im April war klar, dass das Ermittlungsverfahren gegen Gurlitt eingestellt werden sollte. Grundlage der geplanten Regelung war Paragraf 153, ohne Auflagen. Die Einstellung des Verfahrens, die auch ein Triumph für ihn gewesen wäre, hat er nicht mehr erlebt. Obwohl die Beschlagnahme damals aufgehoben worden war, hat er seine Bilder nie wieder gesehen.

© SZ vom 07.05.2014/pak
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