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Comic-Festival:Zeitreise auf der Titanic

Eine satirische Ausstellung im Valentin-Karlstadt-Musäum lässt 40 Jahre deutscher Humorgeschichte Revue passieren

(Foto: Comicfestival München)

Viele Babyboomer, also Angehörige der starken Sechzigerjahre-Jahrgänge, haben humoristisch eine ähnliche Sozialisation durchlaufen: Als Teenager sind sie mit MAD - der denkbar unvernünftigen "vernünftigsten Zeitschrift der Welt" - aufgewachsen, als Twen dann auf das erwachsenere Satiremagazin Titanic umgestiegen. Auch bei Heiner Lünstedt war das so, vielleicht sogar prägender als bei anderen. Hat der Hamburger doch sein da erworbenes Faible für Karikaturen und Comics, generell die Verschränkung von Wort und Bild durch künstlerische Mittel, wie sie beide Magazine wesentlich ausmachen, am Ende sogar zum Beruf gemacht. Nach 13 Jahren bei der Deutschen Bahn - der Job beim Forschungs- und Technologiezentrum in Freimann hatte ihn nach München geführt - schmiss er hin und widmete sich ganz dieser Leidenschaft, als Fachautor und -journalist und nicht zuletzt als Leiter des jetzt wieder anstehenden biennalen Comicfestivals München.

Dabei kuratiert Lünstedt auch die das Festival umrahmenden Sonderausstellungen. Für das im Valentin-Karlstadt-Musäum platzierte Ausstellungsflaggschiff kamen zwei Jubiläen zur nahtlosen Präsentation der eingangs erwähnten bundesrepublikanischen wie ganz persönlichen Humorgeschichte wie gerufen: Vor zwei Jahren feierte das deutsche MAD seinen 50.Geburtstag, was Lünstedt mit der entsprechenden Schau auffing, heuer nun begeht Titanic seinen 40. Jetzt kann man nun unter dem Titel "Hier lacht der Betrachter" bis zum 9. Juli die besten Zeichnungen aus den über 450 Heften und damit ein beachtliches Kapitel deutscher Humorgeschichte anhand von Originalen Revue passieren lassen.

Der den Titanic-Machern schon bald verliehene Titel "Neue Frankfurter Schule" spielte nicht ohne Grund auf den Philosophenzirkel um Adorno und Horkheimer an, die am Institut für Sozialforschung entstandene Frankfurter Schule eben. Es waren ja ebenfalls zumeist eher links zuzuordnende Intellektuelle, die sich jetzt gleichzeitig verspielt und ernsthaft dem Humor und seiner Theorie widmeten. Viele von ihnen hatten schon beim Vorgänger pardon gearbeitet, waren aber den esoterischen Anwandlungen des Herausgebers Hans A. Nikel verprellt worden. Schon in der ersten Titanic-Ausgabe vom November 1979 bezogen sie neu Stellung, schrieben in den heute zur Kultrubrik gewordenen "Briefen an die Leser" den "lieben Genossen vom KBW", es ginge ihnen nur um den "Reibach" und "Riesenkohle"und den "lieben Freunden im Unternehmer-Verband" ein "Nieder mit der Macht des Kapitals! Den kritischen Intellekt als Faustpfand gegen Imperialismus undsoweiter einsetzen!" Und sie ließen das politische Führungspersonal kopulieren, wenn auch in Anzügen.

Angefangen mit Hilke Raddatz' Vignetten von prominenten Briefempfängern - bis heute erscheinen eisern fünf Stück pro Heft, 19 Originale mit bayerischem Personal wie Franz Beckenbauer, Lisa Fitz oder Markus Söder sind in der Ausstellung zu sehen - spielten Illustrationen, Karikaturen, Cartoons und Comics von Anfang an eine ebenso wichtige Rolle wie Texte, zumal ja ungewöhnlich viele Titanic-Mitarbeiter wie F.K. Waechter, Robert Gernhardt oder F.W. Bernstein ausgesprochene Doppelbegabungen waren. Titanic wurde zum vielleicht wichtigsten deutschen Organ für im weitesten Sinne komische Zeichner. Nicht nur für heimische, Titanic machte auch später berühmte internationale Künstler wie Jean-Marc Reiser, Gary Larson oder Manfred Deix erstmals dem deutschen Publikum bekannt. Ein Füllhorn also, aus dem Lünstedt auswählen musste. Über den langjährigen Münchner Titanic-Zeichner Rudi Hurzlmeier - der auch das Ausstellungsplakat entwarf und stets den Freundeskreis hervorhebt, der sich durch die Titanic zusammengefunden hat - nahm er Kontakt zu vielen anderen Zeichnern auf. Und zum neuen Chefredakteur Moritz Hürtgen, nicht nur dem mutmaßlich jüngsten, sondern auch erstem Münchner in diesem Amt, der dementsprechend auch zu Eröffnung kam und in die Ausstellung einführte. Schließlich half auch das Frankfurter Karikatura Museum mit, das gerade eine große Hans-Traxler-Ausstellung zu dessen 90. zeigt.

(Foto: Comicfestival München)

So sind bei den gut 100 Originalen die wichtigsten Zeichner wohl eingeordnet vertreten, nach Rubriken wie etwa Bernsteins "Hessen nimmt Abschied"-Nachrufen. Nach Stilen wie den atemberaubend absurden Zeichnungen von Eugen Egner, oder den skurrilen Pendants von Michael Sowa, Ernst Kahl oder Rattelschneck. Nach Münchner Zeichnern wie Hurzlmeier und Niko Burger oder nach Gespannen wie Greser und Lenz; und auch der fest angestellte Redaktionszeichner Leo Riegel kommt nicht zu kurz. Selbst Otto spielt eine Rolle, war der Blödelbarde doch nicht nur als Zeichner für Titanic aktiv, sondern umgekehrt waren die Titanic-Autoren Bernd Eilert, Peter Knorr und Robert Gernhardt für seinen Erfolg mitverantwortlich. Umrahmt wird all dies von Artefakten wie der Nummer 1 - Urausgabe oder einem originalen, nach der Titanic-Figur benannten "Sondermann"-Comicpreis und zwei Videoständen, über die mit dem Genschman-Trailer und dem legendären Wetten-Dass-Buntstiftlutscher-Auftritt vom damaligen Chefredakteur Bernd Fritz zwei auflagentechnische Titanic-Sternstunden flimmern. Auch da lacht der Betrachter.

Hier lacht der Betrachter - Die besten Zeichnungen aus "Titanic", bis Dienstag, 9. Juli, Mo., Di. und Do. 11.01 Uhr bis 17,29 Uhr, Fr. und Sa. 11.01 Uhr bis 17.59 Uhr ,an jedem ersten Freitag im Monat bis 21.59 Uhr, Valentin-Karlstadt-Musäum, Im Isartor, Tal 50