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Comedy auf Netflix:Ich weiß es doch auch nicht

September 28, 2019, Los Angeles, CA, USA: LOS ANGELES - SEP 28: Marc Maron at the Joker Premiere at the TCL Chinese Thea

„Klimakatastrophe? Wir haben doch alles getan, was wir konnten. Wir nutzen wiederverwendbare Einkaufstaschen.“ – Pause – „Ja. Das war’s im Prinzip.“

(Foto: Imago/Zuma Press)

Nur mit Jutebeuteln gegen die große Klimakatstrophe: Marc Maron brilliert als zerknirschter Comedian mit seiner Show auf Netflix. Seine Zeit ist nun unbedingt gekommen.

Stand-Up-Comedy ist eine oft unterschätzte Kunst. Eine Person steht auf der Bühne, bringt Leute zum Lachen; es sieht einfach aus. Die beste Comedy kommt mühelos daher, sie wirkt improvisiert, man unterschätzt, wie sorgfältig Komiker formulieren und timen, wie jedes Stocken entscheidet, ob eine Pointe zündet oder nicht.

Marc Maron ist ein Meister dieser Form. Der 56-Jährige sitzt auf einem Barhocker, stellt Fragen, auf die er keine Antwort erwartet, zögert, zetert und zweifelt, redet sich in Rage über den Zustand der Welt und seine Unfähigkeit und seinen Unwillen, daran etwas zu ändern. Die Schlechtheit der Dinge ist Marons Lieblingsthema - und selten war sein zeitloser Existenzialismus so aktuell.

Sein Special, "End Times Fun", kommt geradezu prophetisch daher. Nur etwas Entsetzliches, ahnt er, könne die Menschen aufwecken. "Was wird dieses schlimme Ereignis sein?", fragt er. Sein Special entstand letztes Jahr, als es noch möglich war, diese Frage in einem ausverkauften Theatersaal zu stellen.

Er malt apokalyptische Szenarien aus, verquirlt in seinem furiosen Finale gar homoerotische Fantasien des aktuellen US-Vize-Präsidenten Mike Pence mit dem Jüngsten Gericht, vermischt das Marvel Universe mit dem Christentum - "Sie sind beide in einem jüdischen Writer's Room entstanden!" - und kommt wieder auf sein zentrales Thema zurück, nämlich die Notwendigkeit, sein Herz an etwas zu hängen, ob es nun Jesus oder Iron Man oder ein Nachrichtensprecher von Fox News sei.

Maron urteilt nicht von oben herab. "Man kann an Dinge glauben, von denen man weiß, dass sie Schwachsinn sind", sagt er und erzählt, wie er panisch nach Hause eilt, wenn er vergessen hat, seine Vitaminpillen einzunehmen, von denen er überzeugt ist, dass sie nichts bringen.

Erst mit seinem Podcast "WTF" wurde er als Stand-Up-Komiker erfolgreich

"I don't know, man" ist das Mantra, mit dem Maron fast jede Nummer beginnt und beschließt. Doch die Ratlosigkeit hat Maron milder werden lassen. Früher kippten seine erratischen Tiraden bisweilen ins Befremdliche, jetzt hat er eine Empathie gefunden, die seinem manchmal nihilistischen Material Herz gibt. Bestimmt hat sein später Erfolg dazu beigetragen. Maron ist seit Mitte der Achtzigerjahre dabei, er war Türsteher im "Comedy Store" in West Hollywood, wo David Letterman und Robin Williams angefangen haben, bis zum eigenen Mainstream-Erfolg hat er knapp dreißig Jahre benötigt. Der kam auch, weil er clever neue Medien genutzt hat: Erst mit der Popularität seines Podcasts "WTF" wurde er als Stand-Up-Komiker wirklich erfolgreich.

Für viele Komiker waren die vergangenen Jahre ein Goldrausch. Comedy ist nun Content, gerade Streaming-Dienste haben eine starke Nachfrage nach neuem Material und finanzieren selbst Anfängern anständig produzierte Programme. "Bei Netflix schmeißen sie jetzt jedem ein Special hinterher", frotzelt etwa der 26-jährige Pete Davidson in seinem eigenen Special, "Alive from New York".

Maron und Davidson verkörpern zwei Stilrichtungen des amerikanischen Stand-Up, das Beobachtende und philosophisch Kommentierende auf der einen Seite (Maron) und das Beichtende, Selbsterniedrigende auf der anderen (Davidson). Die besten Komiker wechseln hin und her, nähern sich über das eigene Versagen tieferen Wahrheiten. Davidson, seit einigen Jahren Mitglied des Ensembles der Sketch-Show "Saturday Night Live", nutzt die Bühne in erster Linie, um in Kontroversen einzusteigen. Interessant ist etwa die Geschichte, wie Louis C.K. - "zu der Zeit ein angesehener Komiker" - versuchte, ihn wegen Marihuanakonsums von der Show zu feuern.

Sicher ist das Sprunghafte, Schlaftrunkene Teil seiner Persona, aber so oft, wie er den Faden verliert, ist es manchmal auch ein wenig mühsam, ihm zu folgen. Noch fehlt die Größe, den autobiografischen Modus mit Härte zu verfolgen. Maron ist ihm dreißig Jahre voraus: Die Konturen einer Bühnenfigur werden über Jahrzehnte geschliffen, die irre Mischung aus Leichtigkeit und Weisheit, Timing und Witzkonstruktion, haben die wenigsten Komiker mit Mitte zwanzig drauf, und viele erlangen sie auch nie, wie eine ganze Reihe von schlechten Specials auf Netflix geradezu peinigend bewusst macht. Auf der Bühne stehen, etwas erzählen, Leute zum Lachen bringen, es ist vermutlich doch das Schwerste überhaupt.

Marc Maron: "End Times Fun" kann über Netflix gestreamt werden

© SZ vom 28.05.2020

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