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Bachmannpreis:Was Dichter von Wrestlern lernen können

Literaturtage in Klagenfurt - Bachmann Preis

Der österreichische Autor Clemens J. Setz spricht bei der Eröffnung der 43. Tage der deutschsprachischen Literatur in Klagenfurt.

(Foto: Gert Eggenberger/dpa)

Der Schriftsteller Clemens Setz eröffnet in Klagenfurt die Literaturtage mit einem Appell an seine Kollegen. Es könnte sein, dass seine Rede schon der beste Text des Festivals war.

Von Felix Stephan

In Klagenfurt sind soeben die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur mit einer Rede von Clemens Setz eröffnet worden. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese Rede schon der beste Text des Festivals gewesen sein könnte. Setz sprach über die Erzähltheorie des Wrestlings. Der zentrale Begriff dieser amerikanischen Bühnendisziplin laute "Kayfabe", ein Wort ungeklärten etymologischen Ursprungs, das die goldene Wrestling-Regel bezeichne, niemals aus der Rolle zu fallen und die vierte Wand stets aufrechtzuerhalten.

Im Wrestling bekommen die Kämpfer am Anfang ihrer Karriere von den Scriptwritern der Liga eine Identität als Held oder Bösewicht verliehen. Über die Jahre durchlaufen sie dann verschiedene Scripts und sind aufgefordert, ihre Identitäten auch im Privatleben zu verkörpern, im Idealfall sogar, wenn sie allein und völlig unbeobachtet sind. "Hat man sein Auge einmal dafür sensibilisiert, sieht man die blühende Kayfabe plötzlich überall", so Setz: bei K-Pop-Bands, deren Mitglieder sich mit ihren Partnern heimlich treffen müssen, oder bei Kevin Spacey, der auf Missbrauchsvorwürfe einmal mit einem Video reagiert hat, in dem er nicht als er selbst sprach, sondern als "Frank Underwood", seine berühmte Figur aus der Serie "House of Cards".

Setz wird oft als Sonderling beschrieben

Setz hat die Macht des Kayfabe am eigenen Leib erlebt. Als junger Mann habe er keine Romane gelesen, sagte Setz in Klagenfurt, sondern vor allem Verschwörungstheorien über die Bilderberger, Freimaurer und einige andere. Er sei damals auf das Gefühl aus gewesen, stets ein bisschen mehr zu wissen als die gewöhnlichen Menschen. Nach einer gewissen Zeit aber habe er gemerkt, dass er vor allem die Figur des Agenten Fox Mulder aus der Serie "Akte X" nachspielte.

Clemens Setz wird selbst von jenen, die es gut mit ihm meinen, gewohnheitsmäßig als Sonderling beschrieben, weil sein Werk den Realismus oft so genau nimmt, dass er schon wieder ans Magische rührt. Dass er deshalb als absonderlich gilt und nicht als singulär, sagt über die Vermarktungsfloskeln der Gegenwartsliteratur mehr aus als über das Werk von Clemens Setz.

Seine Botschaft an die vor ihm aufgereihten Kandidaten des Wettlesens lautete deshalb, die Kayfabe-Regeln der deutschsprachigen Literatur erstens zu erkennen und zweitens dringend zu meiden: "Etwa die Ansicht, dass man sich monatelang wegsperren müsse, um schreiben zu können. Dass 'der Dichter', störungsängstlich wie der Boden eines Unibibliothekslesesaals, vom Lärm der Welt bewahrt werden müsse etc. (...) Als wäre es nicht lebensnotwendig, bei allen Tätigkeiten regelmäßig von der Menschheit unterbrochen zu werden."

© SZ vom 28.06.2019/che
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