bedeckt München 23°

Nachruf auf eine Legende der "Greatest Generation":Der Knaller

Was ist schon ein Rippenbruch, wenn die Pflicht ruft: Chuck Yeager im Jahr 1947, nachdem er die Schallmauer durchbrochen hatte.

(Foto: AFP)

Im Zweiten Weltkrieg schoss Chuck Yeager deutsche Jagdflieger ab, danach durchbrach er als Testpilot die Schallmauer. Mit 97 Jahren ist er nun gestorben. Als Romanheld lebt er fort.

Von Andrian Kreye

Chuck Yeager ist tot. Flieger-Ass, Romanfigur, Draufgänger, Testpilot und einer der letzten Helden, die noch eine Pionierleistung der Wissenschaft auf dem Planeten Erde vollbringen konnten, bevor die Wendepunkte der Geschichte ins All und in die Mikrokosmen der Informatik, Biologie und Teilchenphysik verschwanden.

Am 14. Oktober 1947 kletterte der 24-jährige Captain Charles "Chuck" Yeager hoch über der Mojave-Wüste in Kalifornien im Bombenschacht einer B-29 Superfortress ins Cockpit eines Raketenflugzeuges Typ Bell X-1. Kurz darauf ließ er sich damit aus der B-29 wie eine Bombe abwerfen. Nach wenigen Minuten erreichte er in einer Höhe von 13,7 Kilometern die Schallgeschwindigkeit von Mach 1. Niemand wusste, ob die neuneinhalb Meter lange, orange lackierte Blechröhre es aushalten würde, durch die Stoßwellen der Schallmauer zu stoßen. Vielleicht würde der Druck das Flugzeug ja in tausend kleine Teile zerfetzen und seinen Piloten dazu.

Auch lange nachdem er 1975 mit allergrößten Ehren und im Rang eines Brigadegenerals aus der US Air Force ausgeschieden war, liebte Yeager es, die Geschichte wieder und wieder zu erzählen. Daheim in Penn Valley, zweieinhalb Autostunden nördlich von San Francisco in den Wäldern am Fuße der Sierra Nevada, empfing er Gäste in seinem prächtigen Ranchhaus, vor dem er seinen Sportwagen geparkt hatte. Eine Chevrolet Corvette natürlich. Das amerikanischste aller Traumautos.

"Wenn es das Flugzeug zerrissen hätte, hätte ich das eh nicht gespürt."

Er schien sich über jedes Foto, jede Trophäe, jeden Orden noch einmal zu freuen, die die Wände und Regale überfüllten. Und auch die Standardfrage nach der Angst beantwortete er - vermutlich zum zigtausendsten Mal - im Soldatenton. "Das war unsere verdammte Pflicht", sagte er dann in seinem gummiartigen Dialekt, den er sich aus seiner Kindheit auf einem ärmlichen Hof in den Appalachen von West Virginia bis ins Alter bewahrt hatte. Diese Pflicht nahm er sehr ernst.

Fast hätte er den Flug gar nicht antreten können. Zwei Tage vor dem Start war er vom Pferd gefallen. Zwei Rippen hatte er sich gebrochen. "Verdammt, davon wollte ich mich echt nicht abbringen lassen", erzählte er. "Hab' niemand was gesagt." Nur seiner Frau und einem Pilotenfreund. Ein ziviler Arzt klebte ihm einen Verband. Der Freund bastelte ihm aus einem Besenstiel eine Vorrichtung fürs Cockpit, sonst hätte Yeager unter den Schmerzen die Luke nicht schließen können.

Todesangst war sein geringstes Problem. "Wenn es das Flugzeug zerrissen hätte, hätte ich das eh nicht gespürt." Aber so kam es ja nicht. "Das ging durch wie Butter", erzählte er. Unten am Boden erschütterte der Überschallknall die Wüste. Oben saß Yeager in seinem Cockpit und sah, wie die Nadel immer höher kletterte. Bis auf Mach 1,06. 14 Minuten nach dem Abwurf setzte er die X-1 sanft auf dem Wüstenboden auf.

Das Durchbrechen der Schallmauer war seine größte Heldentat. Das war eine siegreiche Schlacht im Kalten Krieg, ein entscheidender Schritt im Wettrennen gegen die Sowjets ins All. Tom Wolfe machte ihn später in seinem Reportageroman "The Right Stuff" (Die Helden der Nation) über das Astronautenprogramm Mercury 7 zu einer Hauptfigur. Aber ein Held war Yeager schon, als er die Schallmauer durchbrach.

Über Frankreich wurde er getroffen. Er rettete sich mit dem Fallschirm

1941 hatte er sich zur Air Force gemeldet. Auf der George Air Force Base nicht weit von Los Angeles diente er als Mechaniker. Das war ihm nicht genug. "Die Piloten hatten die schönsten Mädchen. Und immer saubere Hände." Sein erster Flug lief nicht so gut. Ein Offizier nahm ihn auf einen Testflug in einer Maschine mit, die Yeager gerade gewartet hatte. "Ich hab' mich von oben bis unten vollgekotzt", erinnerte er sich. Doch Yeager war ein Naturtalent. Sein extrem scharfes Sehvermögen, seine starken Nerven und sein Gespür fürs Fliegen brachten ihn erst ins Training. Und dann nach Europa.

Yeager wurde in England stationiert. Er flog eine Mustang P-51, einen silberfarbenen Jäger mit vier Maschinengewehren in den Flügeln. Am 4. März schoss er als Schutzbegleiter einer Bomberstaffel auf dem Weg nach Berlin seine erste deutsche Messerschmitt ab.

Yeager

Chuck Yeager im Jahr 1987 vor seinem eigenen Denkmal in Hamlin, West Virginia.

(Foto: Steven Wayne Rotsch/AP)

Am nächsten Tag erwischten ihn die Deutschen. Über Frankreich musste er abspringen. Zwei Tage versteckte er sich verletzt im Wald. Dann fand ihn ein Bauer, der ihn zur Résistance brachte. Die schmuggelte ihn und einen schwer verletzten amerikanischen Bombenschützen nach Spanien. Bitterkalt war der Weg über die verschneiten Pyrenäen, sie übernachteten in Höhlen. Deutsche Aufklärer kreisten über ihnen. Yeager musste den verletzten Kameraden teils tragen. Doch sie schafften es nach Madrid. Von dort brachte ihn das amerikanische Konsulat nach England zurück.

Eigentlich durften Piloten nach einem Abschuss nicht mehr in den Kampfeinsatz. Yeager wandte sich an General Eisenhower persönlich. Der genehmigte seine Rückkehr zum Geschwader. Und so wurde Yeager zur Legende. Über Bremen holte er in einem einzigen Luftkampf gleich fünf deutsche Jäger vom Himmel. Am Tag darauf noch einmal vier. Wenige Wochen später schoss er zwischen Oldenburg und Osnabrück als einer der ersten alliierten Piloten einen der gefürchteten neuen ME-262-Düsenjäger der Nazis ab. 13 deutsche Flieger hatte Yeager am Ende des Krieges erledigt.

In Vietnam flog er 127 Einsätze in einem Bomber

Seinen deutschen Gästen erzählte er davon mit vorsichtigem Respekt. Sprach von "Germans", nicht von Krauts, auch wenn "Kraut" und "Jap" für seine Generation nie rassistische Schimpfworte, sondern eben Feinde waren. Die jungen Deutschen, die er an jenem Sommernachmittag mit frisch gepresster Limonade bewirtete, waren ja eher der Beweis, dass sich der Kampf gelohnt hatte. Denen hatte er als Befreier ihrer Eltern und Großeltern den Weg in diese goldenen Jahre bereitet, in denen ihr Land aus den Trümmern zum Wirtschaftswunderland und Zentrum eines friedlichen Europas aufsteigen konnte.

Was es seinen deutschen Gästen etwas schwer machte, seinen Stolz zu schlucken, mit dem er von seiner Zeit in Vietnam erzählte. Nach seiner Zeit als Testpilot hatte er Astronauten ausgebildet, Fliegerstaffeln in Deutschland, Frankreich und Spanien kommandiert. 1966 übernahm er das Kommando eines Jagdfliegerverbandes auf den Philippinen, die von dort aus nach Vietnam rotierten. 127 Einsätze flog Yeager in Vietnam, die meisten in einem taktischen Bomber gegen Versorgungswege der Vietcong.

Als Chuck Yeager 1975 in den Ruhestand ging, war er der höchstdekorierte Pilot in der Geschichte der US Air Force. Mit Wolfes Roman, der 1979 erschien, wurde er zum Superstar. Er verdiente viel Geld als Berater, Ausbilder, Werbefigur. Am Montag ist er in einem Krankenhaus in Los Angeles gestorben. Amerika trauert nun um eine letzte Legende seiner "Greatest Generation". Der Rest der Welt um den Mann, der das Tor zum All um einen ersten Spalt geöffnet hat. Er wurde 97 Jahre alt.

© SZ/rn
Zur SZ-Startseite
Korpsstudenten bei einem Kommers, 1933

Buch "Eine Deutschlandreise"
:Schweinsgesichter im Zauberwald

Der germanophile Amerikaner Thomas Wolfe bereiste Deutschland zwischen 1926 und 1936. Jetzt kann man nachlesen, wie seine Faszination umschlug.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB