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Buch "Eine Deutschlandreise":Schweinsgesichter im Zauberwald

Korpsstudenten bei einem Kommers, 1933

In seinem Notizbuch hielt Thomas Wolfe fest: „Die Tausende deutscher Studenten, die schlagenden Verbindungen angehören – Der Säbel schneidet in ihre Gesichter“. – Festkommers des Allgemeinen Burschenbundes, 1933.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der germanophile Amerikaner Thomas Wolfe bereiste Deutschland zwischen 1926 und 1936. Jetzt kann man nachlesen, wie seine Faszination umschlug.

Manchmal wünscht man sich, man könnte einen längst schon toten Nicht-mehr-Zeitgenossen kennenlernen, an seinem Humor, seiner Aufgewecktheit und seiner Neugier teilhaben - und ihn präventiv wachrütteln, wenn die magische Mittelaltermärchenwaldmaschine ihn wieder einsaugen will: Forget these Holzwege! Der nicht mehr allzu bekannte amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe, geboren 1900 in North Carolina, gestorben 1938 an Tuberkulose, ist so ein Fall (und nicht zu verwechseln mit Tom Wolfe, dem Mitbegründer des New Journalism). Zwischen 1926 und 1936 reist er sechsmal durch Deutschland, hin und her zwischen München und Berlin, Wiesbaden und Bonn, Frankfurt und Freiburg, Oktoberfest und Schwarzwald, Bars und Museen. Dass all die zaubrischen Landschaften von bierseligen Hunnen bewohnt werden, die wiederum Beethoven und Goethe hervorbrachten, versetzt den kultursüchtigen Amerikaner immer wieder in höchstes Erstaunen.

Aus dieser Geist-versus-Barbarei-Formel speist sich Wolfes Deutschlandsympathie zu einem beträchtlichen Anteil, und sie bringt treffsichere physiognomische Beschreibungen ebenso hervor wie fatale Fehleinschätzungen. Wolfes Notizbucheinträge, Briefe und Erzählungen erscheinen jetzt in einer Auswahl, die den allmählichen Wandel seiner Begeisterung sichtbar werden lässt, bis hin zum ernüchterten, spät vollzogenen Abschied vom Nazi-Deutschland der Stiefeltritte und Eisenhelme. Oliver Lubrich, Literaturwissenschaftler und Herausgeber des Bandes, verweist darauf, dass Wolfes Impressionen nicht nur als Geschichtsdokumente lesbar seien, sondern auch als "individuelles Drama einer Deutschlandliebe in sechs Akten".

Alles beginnt in München: "Der Hunnenchauffeur oder -pförtner mir gegenüber. Die rubinroten, bierfeuchten Lippen tropfend vor ausgerülpstem Bier", notiert Wolfe 1926 im Hofbräuhaus; zwei Jahre später und viele faszinierende Gestalten weiter, besucht er das Oktoberfest und prügelt sich dort sogar (was ihn zur Erkundung der eigenen Tötungslust führt).

In der Erzählung "Oktoberfest" hält die Hauptfigur fest: "Die Esser, schien es mir, waren zum größten Teil massige, schwere Leute, in deren Gesichtern schon etwas von der aufgedunsenen Saturiertheit von Schweinen lag." Der Icherzähler glaubt sich "in einem fremden barbarischen Wald erwacht", fasst aber trotzdem Zutrauen, auch zu sich selbst. Gerade vom Rohen und Archaischen geht eine höchst ambivalente, geradezu "furchtbare Anziehung" aus.

Der physiognomische Blick konzentriert sich auf das Massige, Specknackige, Prallbusige

Die dunklen, alten Wälder durchziehen Wolfes Texte ebenso wie sein Faible für ein Spielzeugland voller spitzgiebeliger Häuser und gotischer Lettern. Über den Schwarzwald heißt es 1930 in einem Brief aus Freiburg an einen New Yorker Freund: "eine Landschaft der üppigen dunklen Melancholie, eine Gegend mit einer schauerromantischen Seele", und: "mein Inneres war wie ein schwarzer Wald, und ich glaube, der Name übte seinen anhaltenden, unbewussten Einfluss auf mich aus". Wolfe erkennt sich in der tiefen deutschen Seele wieder und betreibt gleichzeitig einen Exotismus, der im Fremden die sehnsüchtig gesuchte Wahrheit längst vergangener Zeitalter zurückerobern will. Manchmal erinnert das, nur in anderer Himmelsrichtung, an den irisch-griechischen Schriftsteller Lafcadio Hearn, der um 1900 das reine, unvermischte Japan, ein Land der Feen und Zierfische, glorifiziert hatte.

Nur dass man es hierzulande eher mit übergewichtigen Karpfen zu tun hätte. Wolfe scheint in einer Weise auf deutsches Fett fixiert zu sein, die man heute wohl als Adipositas-Fetisch bezeichnen müsste. Sein physiognomischer Blick konzentriert sich auf das Massive, Specknackige, Prallbusige, auf die Kolosse und Bierleiber. Vom Rheintourismus mit seinen Vergnügungsdampfern behält er die "Kähne voll großer, fetter Fresser und Säufer" im Gedächtnis, die stumpf in die malerische Landschaft glotzen; im Frankfurter Bierkeller notiert er: "Die meisten Gäste waren stämmig und schwer"; in Hannover, wo er sich auf die Suche nach seinen Ahnen macht, stößt ihn der "blödeste, bestialischste Blick" eines Kneipenwirts ab.

Gleichzeitig erweist sich Wolfe als enthusiastischer Ausstellungsbesucher und Museumsgänger, der seiner Geliebten von den entdeckten Dürers vorschwärmt. Dazu kommt, dass der Schriftsteller keine Buchhandlung auslässt und lange Listen mit den vorgefundenen Büchern erstellt (Amerikaner, Deutsche, lebende und tote Autoren). Nicht zuletzt geht es auch um den Erfolg der eigenen Bücher und um die Welle der Sympathie, die dem amerikanischen Autor entgegenschlägt. Mit seinem Verleger Ernst Rowohlt versteht er sich blendend, dessen Sohn Heinz Ledig führt ihn durch Berlin. Ledigs Erinnerungen an Wolfe vermerken auch den Schock beim Anblick einer Porträtskizze, die eine Pressezeichnerin von ihm angefertigt hatte: "Habe ich ein Sweinsgesicht?" fragt er den Verlegersohn entsetzt.

"Die Wälder sind so überaus bezaubernd, die kleinen Städte so ungemein sauber ..."

In den Jahren 1935 und 1936 findet Wolfe in kleinen Schritten zu einer politischeren Sichtweise und zur Ablehnung der deutschen Diktatur. Allerdings schreibt er noch im Mai 1935 einen aufschlussreichen Brief an seinen Lektor. Einerseits ist die Rede von "verdammenswerten" Dingen, die im Land vor sich gehen - und dennoch wirkt es, als ob er voller Trotz an seiner Begeisterung festhalten wolle: "die Wälder sind so überaus bezaubernd, die kleinen Städte so ungemein sauber und die Gesichter der Menschen die freundlichsten, die mir je begegnet sind; was kann man da also sagen?"

Schlimmer noch, ein Jahr später, bei seiner letzten Reise, erstellt er eine Pro-und-Contra-Liste zum Faschismus, hält im Notizbuch fest, dass er "Juden nicht leiden" könne und vermerkt gegen alle amerikanischen Einsprüche zur Diktatur, dass man erst einmal deren gute Seiten verstehen müsse. Doch ihm werden schließlich die Augen geöffnet, was viel mit seinen Berliner Bekannten, vor allem mit Martha Dodd, der Tochter des US-Botschafters, zu tun hat. Wolfe verabschiedet sich für immer von Deutschland und findet vom antisemitischen Ressentiment zur Solidarität mit den Verfolgten, wie Oliver Lubrich mit seiner Interpretation der Erzählung "Nun will ich Ihnen was sagen" zeigt. Auch deshalb sind Wolfes Texte ein unschätzbar wertvolles Wahrnehmungsarchiv: Sie führen vor, wie ein Faszinierter die fatale Verknüpfung von Physiognomie und Landschaft, Völkerpsychologie und Waldesmystik durchtrennt - und die Doppelgesichtigkeit der politischen Barbarei begreift.

Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise in sechs Etappen. Literarische Zeitbilder 1926-1936. Herausgegeben von Oliver Lubrich. Aus dem Englischen von Renate Haen, Barbara von Treskow und Irma Wehrli. Manesse Verlag, München 2020. 416 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 26.05.2020/cag

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