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Bildband über Kulissen:Wo das US-Militär den Krieg übt

Christopher Sims
The Pretend Villages
Inside the U.S. Military Training Grounds

"Wenn nicht geprobt wird, spielen viele einfach weiter." - Obstverkäuferinnen und andere Statisten in einer Dorfkulisse auf einem amerikanischen Truppenübungsplatz.

(Foto: Christopher Sims/Kehrer Verlag)

Sieht aus wie Afghanistan oder Irak, ist aber Louisiana oder Kalifornien: Christopher Sims hat die Kriegskulissen des US-Militärs fotografiert.

Von Julia Rothhaas

SZ: Herr Sims, wie sind Sie eigentlich auf die künstlichen Dörfer des amerikanischen Militärs gestoßen?

Christopher Sims: Ich lebe in North Carolina, dort gibt es gleich zwei große Stützpunkte des Militärs. 2005 war ich in Fort Bragg, um eine ganz andere Geschichte zu fotografieren, und stand plötzlich mitten in einem dieser Kulissendörfer, das gerade umgebaut wurde: Aus einer zentralamerikanischen Szenerie wurde der Nahe Osten, aus einer Kirche machten sie eine Moschee, und sämtliche spanische Wörter wurden mit arabischen Schriftzeichen übermalt. Dafür hat das Militär sogar Filmsetbauer aus Hollywood beauftragt. Ich war sofort fasziniert von diesem Schattenreich.

Fake-Kriegsschauplätze haben im US-Militär eine längere Geschichte.

Ja, das Dorf in Fort Polk in Louisana etwa ist das älteste, es wurde schon während des Vietnam-Kriegs genutzt, um Gefangenencamps zu imitieren. Dafür haben sie sogar eine Art Dschungel angelegt. 1993 erfolgte mit der Schlacht von Mogadischu der erste Umbau, seit den Balkan-Kriegen wurden auch Schauspieler eingesetzt, damit die Soldaten lernen, wie man sich verhält, wenn Zivilisten da sind. 2008 gab es noch zwölf Dörfer, mit über 80 Schauspielern und 2000 Soldaten, da war richtig was los. Über die Jahre und mit jeder neuen Präsidentschaft haben sich die Orte verändert, und damit auch die Vorstellung, was diese Länder ausmacht und wer der Feind eigentlich ist. In den vergangenen Jahren wurde es deutlich ruhiger. Die Dörfer beginnen zu verfallen. Das gibt dem Ganzen natürlich noch einmal einen ganz besondere Atmosphäre.

War es schwer, Zugang zu bekommen?

Ich musste viel Vorarbeit leisten, bis man mir vertraute. Ich habe insgesamt 15 Jahre an dem Projekt gearbeitet. Das Militär verstand irgendwann, dass ich diese Dörfer fotografisch archivieren wollte, auch weil es Krieg einmal aus einer ganz anderen Perspektive zeigt. Die meiste Zeit habe ich an den Standorten in Lousiana und Kalifornien verbracht, dort war ich sogar mal einen Monat lang Praktikant und durfte mitspielen. Ich war Kriegsreporter für den fiktiven Sender ZNN.

Christopher Sims

Christopher Sims arbeitet am Center of Documentary Studies an der Duke University in North Carolina und als freier Fotograf. Zuvor war er Bildarchivar am U. S. Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C.

(Foto: Duke University)

Mitspielen?

Damit es echt wirkt, werden Menschen engagiert, die Rebellen spielen oder Zivilisten, die sich auf dem Markt treffen oder in der Moschee. Zum Teil sind das dann Leute aus der Umgebung des Stützpunkts, hauptsächlich aber tatsächlich Geflüchtete aus dem Irak oder Afghanistan. Es gibt verschiedene Szenen, die in diesen Dörfern durchgespielt werden, manche haben sogar ein richtiges Skript.

Was für Szenen werden konkret geprobt?

Anfangs üben die Truppen vor allem marschieren, im Sand robben, solche Sachen, das kennt man natürlich. Dann wird es spezieller, sie lernen etwa, wie man einen Konvoi durch eine Stadt lotst, in der man jederzeit angegriffen werden kann, oder wie eine Menschenmenge friedlich aufgelöst wird. Oder wie man sich verhält, wenn der Militärübersetzer einen anderen Dialekt als der Bürgermeister spricht und man nicht weiterkommt mit Verhandlungen. Oder wie man mit einem afghanischen Warlord korrekt Tee trinkt.

Wie muss man sich unter diesen Bedingungen eine Kampfübung vorstellen?

Die Soldaten nutzen ihre echten Waffen, aber sie schießen nur mit einem Laser. Deswegen tragen alle Beteiligten Westen am Körper, die wie beim Lasertag-Spiel anzeigen, ob man getroffen wurde oder nicht. In der Weste steckt auch eine kleine Karte mit der Info, wie es weitergeht: Kann der Getroffene reden oder gehen, ist man nur verletzt oder wurde man getötet. Die Verantwortlichen überlegen sogar, noch einen Schritt weiter zu gehen und künftig auch Gerüche einzusetzen - von verbranntem Gummi, Erbrochenem, Verwesung.

Und wie empfinden die Geflüchteten es, in Kulissen ihrer Heimat zu stehen und sich erschießen zu lassen?

Schwer zu sagen. Zwei Männer haben mir mal erzählt, dass sie ihren Job so mögen, weil ihnen ihre Heimat so fehlt und sie auf dem Truppenübungsplatz das Gefühl haben, kurz mal zurückkehren zu können. Und dann habe ich mal eine junge Frau getroffen, deren Familie aus Afghanistan stammt. Sie selbst war nie dort, sie ist in den USA geboren. Für sie war es schön, endlich auch mal in "Afghanistan" zu sein. Was ich aber interessant finde: Wenn nicht geprobt wird, spielen viele einfach weiter.

Christopher Sims: The Pretend Villages - Inside the U.S. Military Training Grounds. Kehrer Verlag, Heidelberg 2021. 120 Seiten, 35 Euro.

Wie bitte?

Manche fangen an, kleine Gärten anzulegen und Gemüse zu ziehen. Sie gehen einkaufen mit selbstgebasteltem Geld, kochen zusammen und bringen Sachen von daheim mit, um die Dörfer zu verschönern. Das klingt nach Märchenwald, doch tatsächlich ist es ein harter Job. Es kann sehr heiß werden, in Kalifornien liegt das Dorf in einem Wüstengebiet nahe Death Valley. Die Menschen sitzen den ganzen Tag draußen herum, ohne Klimaanlage. Und ihr Handy müssen sie daheim lassen.

Christopher Sims: "The Pretend Villages. Inside the U.S. Military Training Grounds", Kehrer Verlag, 120 Seiten, 35 Euro.

Christopher Sims arbeitet am Center of Documentary Studies an der Duke University in North Carolina und als freier Fotograf. Zuvor war er Bildarchivar am U. S. Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C.

© SZ/crab
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