"We Are Who We Are" bei Starzplay:So einfach ist das nicht mit den Geschlechtern

we are who we are

Fraser (Jack Dylan Grazer) und Caitlin (Jordan Kristine Seamón) sind auf der Suche nach sich selbst, und im Hintergrund steht immer jemand stramm.

(Foto: HBO/Yannis Drakoulidis)

Nach seinem Erfolgsfilm "Call Me By Your Name" hat Luca Guadagnino eine Serie gedreht. "We Are Who We Are" erzählt großartig vom Jungsein, von der Liebe und von Identität.

Von Elisa Britzelmeier

Man kennt diese Momente, in denen alles plötzlich ganz klar scheint, man kennt sie aus Nächten mit langen Gesprächen und viel Alkohol. So einen Moment erlebt Caitlin, als Fraser sagt: So einfach ist das nicht mit den Geschlechtern. Die beiden liegen nebeneinander, scrollen auf Fotos herum, er sagt: "Uns wurde seit Ewigkeiten erzählt, dass wir entweder männlich oder weiblich sind. Transgender zu sein bedeutet, dass du mit diesem Bullshit einfach Schluss machen kannst. Es gibt nicht nur A oder B." Und sie sagt: Wow.

We Are Who We Are erzählt davon, dass es in so ziemlich allen Lebensbereichen mehr gibt als A oder B. Es ist die erste Serie des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino, der für seinen Film "Call Me By Your Name" 2017 vollkommen zu Recht gefeiert wurde. Auch jetzt geht es ums Jungsein und Erwachsenwerden, um Liebe, Selbstfindung, sexuelle Orientierung und Identität. Und, ja, wieder gibt es eine gut ausgeleuchtete italienische Kulisse zu sehen, Tanzszenen zu Achtzigerjahre-Songs und lange, sehr lang Blicke, die alles sagen.

Nicht richtig Italien, nicht richtig Amerika

Fraser (Jack Dylan Grazer) ist 14 und kommt von New York nach Norditalien auf eine US-Militärbasis, wo seine Mutter (Chloë Sevigny) als Kommandantin antritt. Caitlin (Jordan Kristine Seamón) lebt schon länger hier, mit einer Reihe anderer, ebenso wunderbar gespielter Teenager (allen voran Francesca Scorsese - ja, die Tochter von Martin).

Fraser trägt blondierte Haare, knallige Outfits und lackierte Fingernägel. Caitlin zieht manchmal Männerhemden an, versteckt ihre Haare unter einem Basecap, spricht mit tiefer Stimme und flirtet heimlich mit Mädchen, dann nennt sie sich Harper. Als kleines Kind wollte sie Wolverine sein und er Lady Gaga. Die beiden werden Freunde, und die anderen nennen das Ganze "Dating", weil sie nicht wissen, wie sonst.

Im Hintergrund macht immer irgendwer Liegestütze oder steht stramm. Die Militärbasis, umgeben von Chioggia (einer Art Venedig ohne Touristen, dafür mit Arbeiterklasse), ist ein Raum, der nach eigenen Regeln funktioniert. Nicht richtig Italien, nicht richtig Amerika, abgeschlossen nach außen, Ort militärischer Strenge und jugendlichen Ausbruchswillens zugleich. Für diese Art Raum hat Michel Foucault den Begriff Heterotopie entwickelt, was sich ausgerechnet nicht auf sexuelle Orientierung bezieht, sondern darauf, dass diese Orte das Andere sind, Gegenräume, Kliniken etwa, Gefängnisse oder Schiffe. "Orte außerhalb der Orte." Das spiegelt natürlich das Thema: Kein Kind mehr zu sein und nicht richtig erwachsen. Nicht richtig schwul, nicht typisch Frau. Wer aufs Militärgelände will, muss den Ausweis vorzeigen, identification, wie es auf Englisch treffenderweise heißt.

Auch die Musik ist hier, wie fürs Jungsein immer, immens wichtig, und der Soundtrack ist geschickt generationenübergreifend angelegt: Blood Orange, Frank Ocean, die Smiths, die Rolling Stones. Klar, es geht um Fragen, die sich alle stellen, nicht nur Jugendliche. "Ich weiß gar nicht mehr, wer ich wirklich bin", sagt Caitlins Mutter irgendwann. Nicht nur gender, auch race spielt hier mit rein, und es ist womöglich die einzige Schwäche der Serie, dass sie bei Caitlins Bruder und Vater ins Stereotyp des schwarzen Manns mit unterdrückten Aggressionen verfällt. Das ändert aber nichts an ihrer Kraft und Vielschichtigkeit. Am Ende ist in We Are Who We Are alles doch anders, als man denkt. Eben nicht nur A oder B.

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© SZ/hy
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