Theater:Als zöge ein Spuk vorbei

URTEILE (REVISITED) - NACH DEM PROZESS

"Urteile" ist ein Stück über die Opfer, über deren Familien, Freunde, Angehörige. Von links: Delschad Numan Khorschid, Thomas Reisinger, Myriam Schröder auf der Bühne des Residenztheaters.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Christine Umpfenbach zeigt am Münchner Residenztheater die Neufassung ihres Doku-Stücks "Urteile" über die Opfer des NSU.

Von Egbert Tholl

Am Ende sieht man den Bruder des Ermordeten im Video. Gavriil Voulgaridis hätte gerne auch mitgespielt in dieser Produktion, aber da diese von nun an zum Repertoire des Münchner Residenztheaters gehört und die vielen Spieltermine sich schlecht mit dem Leben eines Nichtschauspielers vereinbaren lassen, gibt es diesen Behelf, aufgenommen vor wenigen Wochen. Voulgaridis erzählt von seinem Eindruck des Ausgangs des NSU-Prozesses, davon, dass man ihnen, den Angehörigen der Opfer, lückenlose Aufklärung versprochen habe und noch so vieles offen sei, dass eine schwarze Wolke über den Jahrzehnten seines Lebens in Deutschland hänge. "Wir wollen hier nur in Frieden leben."

Zwischen 2000 und 2007 ermordete der NSU zehn Menschen in Deutschland, 2011 flogen zwei Mitglieder des Verbrechertrios mit ihrem Wohnmobil in die Luft. Spätestens da wurde offensichtlich, was viele Behörden, Ermittler, was Justiz und Polizei lange nicht wahrhaben wollten: dass es in Deutschland eine rassistisch und neonazistisch motivierte Mordserie gegeben hatte. 2014 reagierte darauf als eine der Ersten im Theater die Regisseurin Christine Umpfenbach und brachte im Marstall des Residenztheaters ihr Stück "Urteile" heraus, geschrieben und recherchiert von ihr und Azar Mortazavi. Es war ein Stück über die Opfer, über deren Familien, Freunde, Angehörige.

Die Regisseurin baute Vertrauen auf bei den Hinterbliebenen

Am 11. Juli 2018 endete der NSU-Prozess am Oberlandesgericht München nach 438 Verhandlungstagen. Ein Urteil ist gesprochen, aufgearbeitet ist wenig. Grund für Christine Umpfenbach, ihr Stück zu überarbeiten. "Urteile (revisited) - Nach dem Prozess" basiert zu drei Vierteln auf dem Material von 2014, entstanden in vielen Gesprächen mit den Hinterbliebenen, in denen Umpfenbach vorsichtig das Vertrauen aufbaute, dass diese nach ihren Erfahrungen mit Polizeiverhören und sensationsgierigen Reportern verloren hatten. Ein Viertel ist neu, reflektiert den Prozess und die Folgen. Die Enttäuschung der Rechtsanwälte, des Bruders, der Freundin der Witwe.

"Urteile (revisited)" ist eine perfekte, ins Szenische der Marstallbühne eingepasste, sehr viele Aspekte beleuchtende Reportage. Ihre Uraufführung steht in einem großen Zusammenhang, dem des Festivals "Kein Schlussstrich", das von 21. Oktober bis 7. November in 15 deutschen Städten stattfindet. In allen Städten, in denen der NSU mordete, in denen er sich konstituierte und später untertauchte. Vor allem in denen, in denen die Opfer lebten. Jonas Zipf, der 2011 ans Theaterhaus Jena kam und seit 2015 Kulturdezernent der Stadt ist, der vor seinem Amtsantritt der Stadt, in der das Kern-Trio des NSU geboren worden war, klarmachte, in seiner Amtszeit werde es sicherlich ein NSU-Projekt geben, gab den Anstoß. 18 Institutionen in 15 Städten schlossen sich zusammen, gründeten einen Trägerverein, erhielten Bundesmittel.

Eins eint die Theater: Sie stellen die Opfer in den Mittelpunkt

Das Festival ist zu vielgestaltig, um hier auch nur ansatzweise das Programm wiederzugeben. Eines eint die vielen Häuser, die mehrheitlich Neuproduktionen beitragen: Die Opfer stehen im Mittelpunkt. Und die vielen Fragen, die auch nach dem Urteil noch offen sind. Zwei Projekte fassen die einzelnen Orte zusammen: Die Ausstellung "Offener Prozess", die in allen beteiligten Städten zu sehen ist, und das Oratorium "Manifest(o)", eine modulare Komposition in sieben Teilen, von denen Einzelperformances in allen 15 Städten stattfinden und drei integrale Aufführungen in Jena und Nürnberg, bei welchen die nicht live aufgeführten Teile aus anderen Städten per Video zugeschaltet werden. Vor 60 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen für Gastarbeiter verabschiedet, vor zehn Jahren flog der NSU auf. Das zeigt die ganze Ambivalenz der Jubiläen, die den zeitlichen Anlass für "Kein Schlussstrich!" jetzt bilden.

Am 29. August 2001 wurde in der Bad-Schachener-Straße in München-Ramersdorf Habil Kiliç in seinem Lebensmittelladen erschossen. Am 15. Juni 2005 richteten die Täter des NSU Theodoros Boulgarides (die unterschiedliche Schreibweise seines und des Nachnamens des Bruders entnehmen wir dem Programmheft) am Tresen seines frisch eröffneten Schlüsseldienstes in der Trappentreustraße im Münchner Westend hin. Die anderen acht Opfer verschweigt Umpfenbach nicht, aber ihre Aufführung dreht sich um Boulgarides und Kiliç, um deren Freunde, Verwandte, Kollegen. Drei Ensemblemitglieder, Myriam Schröder, Delschad Numan Khorschid und Thomas Reisinger sind Umpfenbachs Stellvertreter für die vielen Figuren, deren Worte sie wiedergeben. Ihr Spiel bleibt offen, es gibt, mit ein paar Kostümteilen, kleine Anverwandlungen, die letztlich nur die Plastizität erhöhen; die drei werden nicht zu den Figuren, die sie hier auf der Bühne vertreten, sie stehen für sie.

Ein wenig dunkle Streichermusik von Azhar Naim Kamal separiert die Szenen, mehr braucht es nicht, um den Charakter eines Requiems anzudeuten. Über der Spielfläche wechseln zwei Fotos der Straßen, in denen die Morde stattfanden, Alltagsszenen, mal grobkörnig, mal falsch belichtet, fast keine Farbe, aber ein eigenartiges Changieren, als zöge sich ein Spuk hindurch.

Ein Tableau entsteht, ein Relief, das man glaubt mit Händen greifen zu können. Die endlosen, immer wiederkehrenden Verhöre, hatte ihr Mann eine Geliebte, eine Lebensversicherung, verkaufte er Drogen. Sicherlich beginnen Mordermittlungen immer im nächsten Umfeld. Aber es dauerte mehr als zehn Jahre nach dem ersten Mord, bis man den wahren Hintergrund erkennen wollte. Man erfährt von Alltagsrassismus, dem - fassungslos machenden - institutionellen Rassismus bestimmter Behörden, dem Versagen des Verfassungsschutzes, dem Schweigen der V-Leute, von Boulevard-Journalisten, die die "Döner-Morde" erfanden, von komplett enttäuschten Anwälten. Der damalige Leiter der Ermittlungen rief, als die Wahrheit nicht mehr zu übersehen war, bei der Familie an. Es war die einzige Entschuldigung. Übrig blieben viele versehrte Leben.

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