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Nachruf auf Christa Ludwig:Eine der ganz Großen

Christa Ludwig, 1994

Christa Ludwig als Klytämnestra in der Oper "Elektra", eine Rolle, mit der sie sich 1994 von der Opernbühne verabschiedete.

(Foto: Anne Kirchbach)

Die Lieder- und Opernsängerin Christa Ludwig vereinte mühelos sublimen Höhenflug und Bodenständigkeit. Jetzt ist sie mit 93 Jahren gestorben.

Von Julia Spinola

Christa Ludwig besaß das herrlichste, wundervollste Mezzosopran-Timbre ihrer Zeit. Wirklich groß aber war, wie sie es einsetzte: charakteristisch und klangschön, kultiviert und natürlich zugleich - und in alledem so seelenvoll, sinnlich und erotisch, dass man sich seiner unmittelbaren Wirkung nicht entziehen konnte. "Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen", schrieb Theodor W. Adorno. Eine vergleichbare, leiblich-direkte Unmittelbarkeit des Ausdrucks machte die künstlerische Größe Christa Ludwigs aus, die mit ihrem Gesang ohne aufgesetztes Pathos und mit scheinbarer Leichtigkeit an die Urgründe des Existentiellen rühren konnte. Man muss sich nur einmal ihr strömendes "Erbarme dich" aus Bachs "Matthäus Passion" in der Aufnahme mit Otto Klemperer von 1962 anhören, um das nachzuvollziehen: Die Stimme fließt, demütig eingewoben in das thematische Gewebe des Instrumentalsatzes, im bruchlosesten Legato voran. Zugleich scheint sie mit jeder Faser ihres leuchtenden Klangkerns das Leben zu beschwören, lodert in den Verzierungen leidenschaftlich auf, bittet und fleht und verführt in den süßesten Tönen geradezu zur Gnade.

Jede Zeit habe die Sänger, die sie verdiene, scherzte Christa Ludwig, bereits neunzigjährig, in einem Gespräch anlässlich der Verleihung des Opus-Klassikpreises 2018. Heute aber klängen die Stimmen alle gleich, weil die Sängerinnen kaum mehr Charakter besäßen. Bis ins höchste Alter hinein hat Christa Ludwig als ebenso kluge wie unterhaltsame Gesprächspartnerin die Opernszene verfolgt und dabei auch stets liebevoll kritisiert in ihrem leicht rheinländisch gefärbten, freundlich-melodiösen Plauderton. "Ich will jetzt nicht pathetisch werden", führte sie damals den Vorwurf der Charakterlosigkeit in ihrer Suite im Berliner "Hotel Bristol" weiter aus, "aber wir geben unsere Seele beim Singen. Singen muss ein Verströmen von Liebe sein, sonst ist es nach fünf Minuten langweilig". Sie genehmigte sich ein Glas Whiskey und einen Snack aus der Minibar und fügte hinzu: "Und ein Tenor muss eine sexy Stimme haben. Eine Stimme, die man anfassen kann, die in den Bauch geht oder tiefer". Diese Verbindung von sublimem Höhenflug und Bodenständigkeit war typisch für Christa Ludwig, eine der größten und interessantesten Sängerinnen unserer Zeit.

Aufgewachsen ist sie in einem Sängerhaushalt und saß mit sechs Jahren bereits, wie sie gerne betonte, "dem Karajan auf dem Schoß". Der Vater, Anton Ludwig, war Sänger und Opernintendant, ihre Mutter Eugenie Besalla Altistin und als ihre einzige Gesangslehrerin zeitlebens an ihrer Seite. Die Ratschläge der Mutter, die Christa Ludwig ein Leben lang begleiteten, lassen sich in ihren Memoiren "Ich wäre so gerne Primadonna gewesen" nachlesen. Karajan wirkte damals noch an dem vom Vater geleiteten Aachner Opernhaus, bevor er nach Berlin kam. Dass sie 1928 in Berlin und nicht in Aachen geboren wurde, verdankte Christa Ludwig dem etwas spleenigen Eigenwillen der Mutter, die hochschwanger eigens nach Berlin gereist war, nur um den entsprechenden Eintrag in der Geburtsurkunde zu erhalten. Schon als Kind sei sie opernsüchtig gewesen, bekannte Christa Ludwig, und habe zuhause unter der Obhut der Mutter bald alles nachgesungen, was sie aufgeschnappt hatte: im Alter von acht Jahren zum Beispiel die große Arie der Königin der Nacht. Neben der Schule nahm sie am Konservatorium auch Unterricht in Klavier, Cello, Flöte und Musiktheorie.

Mit 17 Jahren hatte Christa Ludwig ihren ersten öffentlichen Auftritt in Gießen und wechselte ein Jahr später an die Oper Frankfurt, wo sie als Prinz Orlowsky in der "Fledermaus" debütierte. Nach Engagements in Darmstadt und Hannover holte sie Karl Böhm 1955 an die Wiener Staatsoper - zunächst noch prophezeiend, sie werde bei ihm ohnehin nur den Cherubino singen. Aber die klangschöne Naturstimme entwickelte sich bald, Christa Ludwig wuchs aus den Hosenrollen heraus und begann eine Weltkarriere als die wohl vielseitigste Mezzosopranistin ihrer Generation. 43 Opernpartien sang sie allein an der Wiener Staatsoper, um die 70 Partien hat sie sich im Zuge ihrer 50-jährigen Laufbahn insgesamt erarbeitet. Dazu kam ein umfassendes Liedrepertoire. Wenn sie Lieder von Mahler, Schubert oder Hugo mit ihrem unvergleichlichem Klangsinn interpretierte, saß jede Nuance, hatte jede Vokalfärbung ihren genauen Ausdruckssinn. Zugleich strömte diese Stimme scheinbar so natürlich und unmanieriert, als sei die Musik im Moment der Aufführung gerade erst erfunden worden. Christa Ludwig war es auch, die nach Lotte Lehmann Schuberts "Winterreise" für weibliche Stimme neu entdeckte - da war sie bereits fast sechzig Jahre alt. In ihrer Zeit in Frankfurt und Darmstadt war sie außerdem regelmäßig mit neuer Musik bei den Donaueschinger Musiktagen zu hören, sang Werke von Luigi Nono, Pierre Boulez , Bruno Maderna oder Luigi Dallapiccola. Seit ihrem ersten Auftritt bei den Salzburger Festspielen 1955 war sie dort ebenso Stammgast wie bei den Bayreuther Festspielen und bei vielen anderen bedeutenden Musikfestivals. Zwar war sie auch in der Deutschen Oper Berlin, der Grand Opera in Paris oder der Metropolitan Opera in New York zu Hause und absolvierte große Tourneen, ihre künstlerische Heimat blieb jedoch Wien. In Klosterneuburg bei Wien hatte sie bis zuletzt ihren Lebensmittelpunkt.

Christa Ludwig wusste, dass sie nur "zwei wirklich dünne Wollfäden von Stimmbändern" besaß

Eine Karriere mache man mit dem Kopf, nicht mit der Stimme, hat Christa Ludwig immer wieder betont. "Talent und Stimme sind nur die Basis. Obwohl wir Mezzos ja gut dran sind, weil wir von den Hosenrollen als jugendliche Liebhaber über die dramatischen Partien zu den bösen Alten wechseln können." In diesem Sinne hat sie ihre Laufbahn gut aufgebaut und sie hat es in all ihrer Leidenschaft, Neues zu wagen und Grenzen zu überwinden, auch verstanden, keinen Raubbau an ihrer Stimme zu betreiben. Mit den großen hochdramatischen Sopranpartien hat sie lange geliebäugelt, sich aber von den Dirigenten dann doch nicht in jene Partien drängen lassen, die man ihr mehrfach angetragenen hatte. Eine Isolde, eine Brünnhilde oder Elektra hätte ihrer wohlgepflegten Stimme vermutlich irreparable Schäden zugefügt. "Man muss mit der Stimme singen, die man hat, nicht mit der, die man gerne hätte", lautete einer ihrer Devisen. Und Christa Ludwig wusste eben, dass sie nur "zwei wirklich dünne Wollfäden von Stimmbändern" besessen habe. "Die waren freilich gut für Lieder", rekapitulierte sie später, "weil ich damit herrlich modulieren, durch Klang den Sinn des Wortes wiedergeben konnte. Aber an die Hochdramatischen, durfte ich mich nur in Auszügen im Studio wagen".

Die Begehrlichkeiten waren indes groß. Was für eine Isolde Christa Ludwig hätte sein können, davon vermittelt der sinnlich-menschliche Liebestod einen Eindruck, den sie 1962 mit Otto Klemperer aufnahm. Und eine umwerfende Aufnahme des Schlussgesangs der "Götterdämmerung" zeigt, auf welche Brünnhilde Karajan verzichten musste, als Christa Ludwig ihm die Rolle im letzten Moment für die Salzburger Festspiele absagte. Andere Wagner-Partien wie Kundry, Ortrud, Brangäne, Fricka und Waltraute hat sie mit großem Erfolg auf der Bühne gesungen. Aber auch als Dido in Berlioz' "Trojanern", als Claire Zachanassian in Gottfried von Einems Dürrenmatt-Oper "Der Besuch der alten Dame", als Lady Macbeth und als Eboli gelangen ihr eindrucksvolle Rollenportraits. Und der Fidelio-Leonore konnte Christa Ludwig dann doch nicht widerstehen. Sie erfüllte die Partie mit einer beispiellosen stimmdarstellerischen Intensität, die sie fast über ihre Grenzen getrieben hat. Möglich war das nur auf der Basis einer hart erarbeiteten, makellosen Technik. Dennoch sei sie, so erzählt es Christa Ludwig in ihrer Autobiografie, vor jeder Aufführung ihres "Sorgenkinds" Fidelio, das reinste Nervenbündel gewesen und habe einige Male sogar zu Beruhigungstabletten gegriffen.

"Der Bernstein war ein Genie. Man hat gute Dirigenten, gute Lehrer oder gute Bücherschreiber. Aber er konnte alles zusammen."

Von "ihren" drei wichtigsten Dirigenten - Karl Böhm, Herbert von Karajan und Leonard Bernstein - habe sie unglaublich viel gelernt, erzählte sie im Berliner Interview. Von Böhm die Genauigkeit, von Karajan die Disziplin, aber von Bernstein, "das Wichtigste von allem: die Freiheit". "Bernstein war toll", begann sie beinahe mädchenhaft zu schwärmen: "Männlein und Weiblein haben sich in ihn verliebt. Der Bernstein war ein Genie. Man hat gute Dirigenten, gute Lehrer oder gute Bücherschreiber. Aber er konnte alles zusammen. Er war der Einzige, um den ich wirklich geweint habe." Von den zeitgenössischen Dirigenten, so verriet sie damals, bewundere sie vor allem Mariss Jansons.

1993 starb Christa Ludwigs Mutter. Da habe sie nicht mehr gewollt, erzählte sie. Das Reisen sei immer mühsamer geworden und sie habe ihre Schwächen wahrgenommen. "Ich habe mir nie was vorgemacht. Alle Verträge, die ich noch hatte, habe ich damals in Abschiedsabende umgewandelt", sagte sie in einem späteren Interview. Am 14. Dezember 1994 nahm Christa Ludwig nach einer fast fünfzigjährigen Karriere in der Wiener Staatsoper als Klytämnestra ihren Bühnenabschied und zog sich als Sängerin aus der Öffentlichkeit zurück. Als Lehrerin aber, die junge Sängerinnen in ihren Meisterkursen formte, trug sie ihren Erfahrungsschatz weiter.

Sie wünsche sich, einmal "abzugehen wie die lebenskluge Marschallin im "Rosenkavalier", hatte Christa Ludwig einmal erklärt: "mit leichtem Herzen und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen." Diese Leichtigkeit im Tiefsten, diese hoch sublimierte Natürlichkeit war zeitlebens ihr Geheimnis. Jetzt ist Christa Ludwig im Alter von 93 Jahren in Klosterneuburg gestorben.

© SZ/rjb
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