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Klassik:Neue Maßstäbe

Schaghajegh Nosrati, Pianistin

Sie versucht immer ein sehr persönliches Verhältnis zum Werk zu entwickeln: Die Pianistin Schaghajegh Nosrati.

(Foto: Irene Zandel)

Die Pianistin Schaghajegh Nosrati spielt jetzt Anton Rubinstein. Und weckt damit Entdeckerfreuden.

Von Helmut Mauró

Auch die musikalische Welt besteht nicht nur aus echten und falschen Genies sowie überdurchschnittlichen Talenten, sondern ebenso aus sehr guten Musikern und Musikerinnen. Zum Beispiel der iranischstämmigen Bochumer Pianistin Schaghajegh Nosrati, die immer ein bisschen in der zweiten Reihe steht und für die meisten kaum sichtbar mit den Armen wedelt. Vor sechs Jahren machte sie mit einer bemerkenswerten Aufnahme von Johann Sebastian Bachs "Die Kunst der Fuge" auf sich aufmerksam. Da holten sie ein paar Kritiker mal kurz nach vorne. Und dann? Spielte sie ein paar Konzerte im In- und Ausland und nahm vier CDs auf: neben Bachs "Kunst der Fuge" auch dessen Klavierkonzerte BWV 1052 bis 1054, Beschauliches und Virtuoses von Charles Valentin Alkan und jüngst nun Anton Rubinsteins zweites und viertes Klavierkonzert.

Dieser Komponist, 1829 in Transnistrien geboren, ist ein Phänomen. Jeder Pianist kennt den Komponisten, Pianisten - Namensvetter des 1887 geborenen Artur Rubinstein -, den Dirigenten, Gründer des Sankt Petersburger Konservatoriums, Sohn eines Bleistiftfabrikanten und einer wohlerzogenen Breslauerin, die selbstredend hervorragend Klavier spielte, aber in den Konzertsälen dieser Welt ist er praktisch ausgestorben. Kein Laut von ihm nirgends. Warum? Wenn man diese CD hört, versteht man es wirklich nicht. Eine These erklärt es so, dass Rubinstein sich quasi selbst im Wege stand. Er war als Pianist - vergleichbar dem etwas älteren Franz Liszt - zu legendär, um als Komponist ernst genommen zu werden. Solcherlei Phänomene gibt es, Leonard Bernstein gehört an prominenter Stelle dazu. Immerhin spielt man dessen "West Side Story", von Rubinstein dagegen nichts. Er selbst dachte sich das einst so: Er konzertiere, um zu leben, und lebe, um zu komponieren.

Die neue Rubinstein-CD, erschienen bei CPO.

Nun kommt auf dieser CD endlich beides zusammen, und die Entdeckerfreude wird für die meisten Menschen groß sein. Denn das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nimmt die Sache ebenso ernst wie freudig, blüht auf und steigert sich zu euphorischen Höhepunkten unter der Leitung von Róbert Farkas, der über eine urwüchsige Musikalität verfügt, die Rubinsteins symphonische Träume großräumig erfüllt. Und mittendrin Schaghajegh Nosrati mit ihrem vampirischen Klangzauber und ihrer spielerischen Leichtigkeit, die zunächst so gar nicht zu dem russischen Hochromantiker Rubinstein zu passen scheint. Aber gerade diese leicht ambivalente Haltung bildet am Ende doch die Brücke von Leningrad nach Hannover, von Teheran nach Bochum.

Dieses Spiel ist eher intim als hallenfüllend gedacht

Es zeichnet die Pianistin Nosrati aus, dass sie - vielleicht auf Kosten eines starken Eigenprofils - nicht in jedem Stück gleich klingt, sondern sich hineinarbeitet in eine Epoche, einen Klangstil, aus dem heraus sie dann ihre musikalische Auffassung entwickelt. Es ist ein komplexes Wechselspiel, das sie mehr zu inspirieren als zu belasten scheint. Nosrati steht dabei keineswegs für unverbrüchliche Tradition, sie tritt nicht an, um etwa eine jahrhundertelange Rezeptionsgeschichte wie die der "Kunst der Fuge" fortzuschreiben, neue Maßstäbe zu setzen. Schon eher geht es ihr darum, ein sehr persönliches Verhältnis zum Werk zu entwickeln, nicht übertrieben subjektivistisch, aber doch eher intim als hallenfüllend gedacht. Das gelingt ihr ausgerechnet bei Bach besonders gut, der als eher unnahbar gilt, dessen Werke so sehr für sich stehen, dass man sich den Komponisten dahinter oft auch nur als Abstraktum denkt.

Und auch die symbolistisch-verträumten Stücke des französischen Romantikers Charles Valentin Alkan nimmt Nosrati eher neblig-stimmungsgeladen, das spieltechnisch Brillante steht an zweiter Stelle. Sie versteht diese Musik sehr, sehr persönlich: Alles für mich geschrieben, ich muss das, was ich darin höre, anderen hörbar machen. So scheint ihr selbst gestellter Auftrag zu lauten. Dabei emanzipiert sie sich spielerisch von ihren Vorbildern und Anregern: Rainer Klaas, ihrem Lehrer an der Musikhochschule Hannover, ihrem Bruder Shafagh und dem Kollegen Marc-André Hamelin. Man hört etwa bei Alkan Beschleunigungskurven sehr persönlicher Erregung, man lauscht ihren verschlungenen Klangwegen nach, durchs romantische Unterholz am glucksenden Bächlein entlang - und man folgt ihr ebenso willig in Anton Rubinsteins fremdartig vertraute Gefilde.

© SZ/jsl
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