China: Nach der Festnahme von Ai Weiwei Angst vor der "Kunst der Aufklärung"

Die Sonnenblumenkerne aus Porzellan liegen gerade in der Tate Modern in London. Für diejenigen im Publikum, die bereits wissen, dass an der Außenwand des Londoner Museums seit ein paar Tagen groß der Schriftzug "Release Ai Weiwei" prangt, wirken Schulze Altcappenbergs Dias wie ein verklausuliertes Bekenntnis zu dem Künstler. Ob es so gemeint ist, bleibt offen. Eine Ausstellung der Werke Ai Weiweis, die der Galerist Ochs und andere zu Beginn der Planung für die Zeit des Salons angeregt hatten, war von den drei deutschen Museumsmachern der "Kunst der Aufklärung" abgelehnt worden.

Nervöse deutsche Veranstalter

"Es wäre unfair, diese Salons mit der Legitimation der Aufklärungsausstellung am Platz des Himmlischen Friedens zu überfrachten", sagt der Galerist Alexander Ochs. Zu Recht, denn Dialog ist immer noch besser als kein Dialog, auch wenn diesmal nur etwa 60 Personen gekommen sind, darunter mehr Deutsche als Chinesen. Die Chinesen hatten entweder Angst bekommen, weil die "Kunst der Aufklärung" inzwischen zu einem Politikum wurde, oder sie waren gar vor dem Besuch des Salons gewarnt worden.

Die deutschen Veranstalter, allen voran die Stiftung Mercator, wirken nervös. Dem Galeristen Ochs haben sie vorsichtshalber geraten, nicht zu viel mit der Presse zu plaudern. "Ich habe ihm nur die Galerie gezeigt", sagt Ochs scherzhaft zu Michael Schwarz von Mercator, als der ihn in Begleitung eines deutschen Journalisten antrifft.

Der zu Beginn als "Spiritus Rector" der Salonreihe gerühmte Sinologe Michael Lackner aus Erlangen blieb gleich daheim. Er entschuldigte sich mit gesundheitlichen Problemen. Allzu traurig scheint er allerdings nicht darüber zu sein, dass er nicht kommen konnte. Von daheim aus, am Telefon, hatte er über die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" nebst Begleitprogramm nicht mehr viel Gutes zu sagen. "Wir Deutschen sind da doch gerade vorgeführt worden wie ein Vasallenstaat. Die Vasallen durften früher in China immer ihre Pelze abliefern und dann wurden sie am Ende abgewatscht, um ihnen ihre Grenzen zu zeigen." Der Mann weiß, wovon er redet. Er beschäftigt sich schon seit langem wissenschaftlich mit dem chinesischen Tributsystem.

Nebenan, im Atelier von Ai Weiwei mit der Nummer 258, bleiben die Mitarbeiter des Künstlers an diesem Tag unter sich. Erst am Vortag war wieder die Polizei da und hat sie verhört. Die kommunistische Führung suche offenbar nach Material für einen möglichen Schauprozess, sagen sie. Immer wieder geht einer von ihnen zu dem Spalt am Tor und lugt nach draußen, ob das Auto von der Staatssicherheit gerade wieder vor dem Haus steht.