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"Cherry", Film mit Tom Holland:Ein Drogendrama, aufgepimpt

Cherry

Absturz eines Irakkriegs-Veteranen in die Drogenhölle: Tom Holland in "Cherry" von den Russo-Brüdern.

(Foto: Apple TV+)

Die Marvel-Erfolgsgaranten Anthony und Joe Russo wollten einen düsteren Problemfilm spannend machen. "Cherry" mit Tom Holland ist aber leider pure Oberfläche.

Von Josef Grübl

Die Woche hat für Anthony und Joe Russo nicht gut angefangen: Erst wurden sie als Macher des erfolgreichsten Films der Welt abgelöst, dann hat man sie auch noch bei den Oscars düpiert. Für die Regie führenden Brüder muss das ein harter Schlag sein, gelten sie doch als Wunderknaben und Könige von Hollywood. Ihr Superhelden-Superblockbuster "Avengers: Endgame" machte 2019 weltweit 2,798 Milliarden US-Dollar an den Kinokassen, mehr als James Camerons "Avatar" aus dem Jahr 2009. Der holte sich den Titel jetzt aber wieder zurück, dank einer erfolgreichen Wiederaufführung in Chinas Kinos.

Aber was sind schon Zahlen, wenn man auch das Storytelling revolutioniert hat? Die Russos inszenierten in fünf Jahren vier Marvel-Superheldenfilme, die sich vor allem durch eine eigenwillige Dramaturgie auszeichneten. Bei ihnen jagt ein Höhepunkt den nächsten, eigentlich sind die Filme ein einziger Dauerhöhepunkt, da fällt die inhaltliche Leere kaum auf. Dazu trägt auch das von ihnen perfektionierte Prinzip des "Supergroupings" bei: Statt eines Superhelden kriegt man mindestens ein halbes Dutzend zu sehen, Iron Man, Thor, Hulk, Black Widow, Hawkeye oder Captain America. Dieser Mehrwert überzeugt scheinbar auch die größten Skeptiker an der Kinokasse.

All das sollte man wissen, wenn man den neuen Film der Russo-Brüder sieht: Mit "Cherry" gönnen sie sich eine Pause vom Superheldenbusiness, nur der "Spider-Man"-Darsteller Tom Holland bringt seine Marvel-Bekanntheit mit. Ihrem cineastischen Credo bleiben die Brüder aber trotzdem treu - statt nur einer Geschichte kriegt man mindestens ein halbes Dutzend zu sehen. Das liegt auch an der gleichnamigen Buchvorlage, einem autobiografischen Roman von Nico Walker. Dem Amerikaner stieß schon in jungen Jahren mehr zu als anderen Menschen in einem ganzen Leben.

Aus Liebeskummer ging er Anfang der Nullerjahre zur Army, da war er noch ein Teenager. Er kämpfte im Irakkrieg, kam als seelischer Krüppel nach Hause, nahm alle möglichen Schmerz- oder Betäubungsmittel und landete bald beim Heroin. Um seine Sucht zu finanzieren, überfiel er Banken, er wurde geschnappt, kam in den Knast und schrieb seine Geschichte auf. Die Russos haben diese ohnehin schon irre Story mit den Mitteln des Blockbuster-Kinos aufgepimpt, mit vollem Materialeinsatz springen sie von einem Genre zum nächsten, von der Teenage-Love-Story zum Kriegsfilm, vom Drogendrama zum Bankräuberthriller zur Knasttragödie.

Wer braucht schon eine geschlossene Story, wenn es lauter Höhepunkte gibt?

Wer braucht schon eine in sich geschlossene Story, wenn ständig etwas passiert, wenn ein Höhepunkt den nächsten jagt? Und wenn zwischendurch doch einmal Ruhe herrschen könnte, kann man sich auf den nimmermüden Stilwillen der Russos verlasen: Dann lassen sie ihre Kamera umkippen oder färben die Bilder blutrot ein, dann experimentieren sie mit Bildformaten oder packen Opernarien auf den Soundtrack. Ein Effekt lässt sich da in der Tat feststellen: Das sieht alles viel besser aus als im Independent-Kino, das für solche Geschichten bisher zuständig war, es ist auch deutlich besser ausgeleuchtet. Vermutlich spendierte der Apple-Konzern (auf dessen Streaming-Plattform der Film gelandet ist) "Cherry" auch deshalb eine Oscar-Kampagne.

Aber ach, Nominierungen gab es trotzdem keine. Was dann wiederum an inhaltlichen Gründen liegen könnte - es wird viel gestreift, aber nichts wirklich vertieft. "Cherry" ist die pure Oberfläche. Bei Superheldenfilmen mag das noch okay sein - bei einem Stoff, der um echte Menschen kreist, um posttraumatische Belastungsstörungen und die Opioid-Krise in den USA, eher nicht. Der Film interessiert sich für alles Mögliche, nur nicht für seine Figuren, da kann sich Tom Holland als Bankräuber-Junkie-Soldaten-Lover noch so sehr ins Zeug legen. Einmal sitzt er am Steuer seines Autos und rammt sich eine Heroinspritze in sein Bein, immer und immer wieder. Doch er spürt nichts. Das ist wohl der Moment, in dem er seinem Publikum am nächsten ist.

Cherry, USA 2021 - Regie: Anthony Russo, Joe Russo. Kamera: Newton Thomas Sigel. Musik: Henry Jackman. Mit: Tom Holland, Ciara Bravo, Jack Reynor. 142 Minuten, Apple TV+

© SZ/kni
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