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Kanneh-Mason im Porträt:Und dann auch noch so mühelos

Cello Spielen muss kein harter Kampf sein: Sheku Kanneh-Mason am Instrument.

(Foto: John Davis, Universal)

Sheku Kanneh-Mason ist 20 und schon eine Ausnahmeerscheinung. Ein singender Erzähler, dem das Cello nur Hilfsmittel ist. Die Klassikwelt hat ihn bitter nötig.

Das dreigestrichene A ist ein hoher Ton, er liegt noch ein Stück über jenem höchsten Ton, den die meisten Königinnen der Nacht bei Mozart gerade so erreichen. Der 20-jährige Sheku Kanneh-Mason aber ist keine Sopranistin, sondern ein Cellist, und sein Instrument gehört zur Bassgruppe. In Edward Elgars "Cellokonzert", in Takt 97 des zweiten, rasend schnellen Satzes, muss er bis zu diesem Astral-A hinauf. Doch an diesem Punkt werden viele Hörer schon längst völlig trunken vor Glück sein und gar nicht mehr merken, wie lässig, beiläufig und grandios dieser Künstler diese Stelle wegspielt, als sei das eine seiner leichtesten Übungen. Und vielleicht ist dem auch so.

Wer sich Star-Cellisten wie Pablo Casals oder Jacqueline du Pré, die dieses Stück populär gemacht hat, mit diesem Satz und diesem Hochton anhört, der erlebt großes Cellospiel im harten Kampf mit den Tonrepetitionen und den immer wieder in die höchsten Diskantlagen entschwindenden Kantilenen. Bei Sheku Kanneh-Mason dagegen erlebt der Hörer - kein Cello. Sondern einen Musiker, der dieses bei seinen großen Vorgängern hörbar anstrengende Stück einfach singt. Das Cello wird bei ihm zu einer lockenden Stimme, die mühelos die Regionen von der Bass- bis zur Koloratursopranlage durchmisst.

Sheku Kanneh-Mason stammt aus Nottingham, aus einer Familie mit sieben Kindern, sie alle spielen konzertreif Instrumente. Der Vater stammt aus Antigua, die Mutter aus Sierra Leone, beide haben Instrumente gelernt. Shekus Begabung fiel früh auf, er kam als Neunjähriger schon an die legendäre Royal Academy of Music. Bald wurde das Fernsehen auf ihn aufmerksam. Eine erste CD erschien vor zwei Jahren bei Decca mit Dmitri Schostakowitschs erstem Cellokonzert, und dann kam der 19. Mai 2018. Da sahen ihn plötzlich Millionen Menschen im Fernsehen, als er bei der Hochzeit von Prince Harry und Meghan Markle spielte: Maria Theresia von Paradis, Gabriel Fauré und das unverwüstliche "Ave Maria".

Er spielt Edward Elgars berühmtes Cello-Konzert, ohne vor Anstrengung zu keuchen

Auf Youtube kann man sehen, wie Sheku Kanneh-Mason sich die Aufnahme seines Hochzeitauftritts ansieht und sie kommentiert. Dieser junge Mann ist ideal für das darbende Klassik-CD-Geschäft. Das Cover der Elgar-CD zeigt ihn mit Turnschuhen, Jeans, dunkler Jacke. Der Vorname steht dick drauf und verführt dazu, ihn kurzerhand sehr vertraut Sheku zu nennen. Ein Junge wie so viele, der zufällig klassische Musik macht, suggeriert das Cover. Und der im Gegensatz zu vielen Musikerinnen, die in mehr oder minder ausgeschnittenen Abendkleidern für ihre Cover posieren müssen, im Jugendalltagslook auftritt.

Das lässt die alten Berührungsängste mit der Hochkulturklassik gar nicht erst aufkommen. Zudem ist Sheku Schwarzer. Während es durchaus etliche schwarze und sogar berühmte Sängerinnen und Sänger gibt, sind nicht-weiße Instrumentalisten in der Klassik noch immer sehr selten. Das alles ist gut fürs Marketing.

Was Sheku aber wirklich besonders macht, ist seine Art zu musizieren. Er spielt, ohne vor Anstrengung zu keuchen und ohne sein Spiel zu einem titanischen Kampf gegen die Tücken des Cellos zu inszenieren. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung. Dabei führt die Leichtigkeit seines Spiels nie zu einer Veräußerlichung, zu einer gefühllosen Demonstration von Virtuosität. Im Elgar-Konzert gibt es vor allem Kantilenen, aber gelegentlich auch rasante Läufe, die sich bei Sheku genauso wenig in den Vordergrund drängen wie rasante Akkordzerlegungen. Solche Stellen begreift er einfach als Zierrat, als Girlanden, als Hauch.

Sheku Kanneh-Mason ist ein singender Erzähler und das Cello ist ihm dabei nur ein Hilfsmittel. Bei Elgar liegt ihm daran, dieses einhundert Jahre alte Konzert so zu spielen, als würde es darin ausschließlich um die Träume, Erwartungen und Sorgen heutiger Jugendlicher gehen. Das hat einen ungeheuren Reiz.

Diese unangestrengte Heutigkeit unterstreichen der Dirigent Simon Rattle und sein London Symphony Orchestra. Da wird keine abgelebte Romantik beschworen, sondern die Freude an Rhythmen, an chromatisch verschraubten Paradiesen, an der Trunkenheit unendlicher Melodien. Diese durch und durch britische CD ist die schönste Begleiterscheinung des Brexit, der Wirklichkeit wurde, als sie herauskam.

© SZ vom 13.02.2020/sikt
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