Nachruf:Primaballerina des Volkes

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Nachruf: "Die Leute behandeln mich wie ihre Freundin": Carla Fracci 2017 in Mailand

"Die Leute behandeln mich wie ihre Freundin": Carla Fracci 2017 in Mailand

(Foto: Luca Bruno/AP)

Herzensdemokratin und unprätentiöse Diva: Zum Tod der legendären italienischen Tänzerin Carla Fracci.

Von Dorion Weickmann

Auf einer ihrer zahllosen Tourneen landete die Primaballerina Carla Fracci in Paestum, wo sie samt ihrer Kompanie unter freiem Himmel tanzen sollte. Es gab weder Garderoben noch Toiletten, die Bühne erwies sich als rutschiges Provisorium und Publikum war auch nicht in Sicht. Entnervt schlug Fraccis Mann und Manager Giuseppe Menegatti vor, den Auftritt zu canceln. Plötzlich strömten jedoch von allen Seiten Zuschauer herbei, also krempelte Italiens berühmteste Tänzerin die Ärmel hoch: "Wir kippten Cola über die Bühne, damit die Spitzenschuhe Halt fanden, und orderten Wahlkabinen, in denen wir uns umzogen." Die Vorstellung war ein voller Erfolg, und La Fracci hatte einmal mehr unter Beweis gestellt, was sie unter Ballett verstand: "Eine nahbare Kunst, die allen gehört, die für alle zugänglich sein muss - keine elitäre Veranstaltung!"

Diese Überzeugung verdankte die 1936 in Mailand geborene Ballerina ihrer Herkunft. Die Tochter einer Arbeiterin und eines Straßenbahnfahrers blieb zeitlebens eine Herzensdemokratin, für die kulturelle Teilhabe so wichtig war wie die tägliche Portion Pasta. Fraccis Karriere begann denn auch nicht im Ballettsaal, sondern in der väterlichen Tram, wo sie die Fahrgäste mit Phantasietänzchen unterhielt. Entdeckt wurde die Zehnjährige in einer Tangobar, in der die Eltern regelmäßig schwoften - und dann ging alles sehr schnell. Carla Fracci kam an die Ballettschule der Scala, wurde 1954 vom Fleck weg als Solistin an das berühmte Haus engagiert. Wenig später hatte sie sich an die Spitze getanzt - und blieb jahrzehntelang die unprätentiöse Diva des italienischen Tanzes.

Ungemein berührend, betörend und mit sagenhafter Leichtfüßigkeit gestaltete sie vor allem die lyrischen Partien des klassischen Repertoires, von "Giselle" bis "Schwanensee". Zugleich behauptete sich Fracci in Erzählkreationen des 20. Jahrhunderts, leuchtete beispielsweise als John Crankos Julia wie ein langsam verlöschendes Gestirn. Sie glänzte an der Seite männlicher Superstars von Vladimir Vasiliev über Rudolf Nurejew bis Mikhail Baryshnikov und als Gast bei führenden Kompanien der Alten wie der Neuen Welt.

Eine zweite, moderatere Karriere gelang Carla Fracci als Schauspielerin, bevor sie mit Fortune die Leitung der Ballettensembles von Neapel und Rom übernahm. Experimente waren ihre Sache eher nicht, dafür trug sie den Tanz aus dem Theater hinaus - auf Plätze, Straßen, in Schulen und Zirkuszelte "von Carpi bis Catania", wie sie sich später erinnerte. Trotz ihrer egalitären Vorlieben stand Fracci jenseits der Bühne Kunstaristokraten wie Luchino Visconti oder Eugenio Montale nah. Zugleich genoss sie immense Popularität, die sie weit über das Ende ihrer Laufbahn hinaus begleitete. "Die Leute behandeln mich wie ihre Freundin", sagte sie, als sie sich längst mit ihrem Mann nahe Florenz niedergelassen hatte. Enkelkinder, Gartenbeete, ja selbst die Pflichten einer Hausfrau waren die Freude ihrer späten Jahre.

Nun haben die Italiener diese Freundin verloren, und die Tanzwelt beklagt den Verlust einer Jahrhundertballerina. Im Alter von 84 Jahren ist Carla Fracci am 27. Mai in Mailand gestorben.

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