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Cannes-Jurypräsidentin Jane Campion:Weiblicher Blick gegen männliche Dominanz

Jane Campion

Angetan vom europäischen Kino: Jane Campion.

(Foto: dpa)

Jane Campion hat in Cannes als erste Frau überhaupt die Goldene Palme für "Das Piano" gewonnen. Damit setzte das Festival ein emanzipatorisches Statement. In diesem Jahr ist die Neuseeländerin Jurypräsidentin - aus gutem Grund.

Von David Steinitz

Keine andere Frau im Filmgeschäft verdankt ihre Karriere so sehr den Internationalen Filmfestspielen von Cannes wie die neuseeländische Regisseurin Jane Campion. Wenn sie also an diesem Mittwoch für die kommenden zehn Tage den Vorsitz der Festivaljury übernimmt, welche die Goldene Palme vergibt - den wichtigsten Preis der internationalen Festivalszene -, dann ist das für Campion auch eine Rückkehr zu ihren Anfängen und größten Erfolgen als Filmemacherin.

Campion wurde am 30. April 1954 als Tochter eines britischen Künstlerpaars in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington geboren. Ende der Siebzigerjahre studierte sie Regie an der Filmhochschule in Sydney, wohin sie als Jugendliche gezogen war. Noch als Studentin wurde sie 1982 für ihren ersten Kurzfilm, die schräge Familientragikomödie "Orangenschalen", in Cannes ausgezeichnet.

Versöhnliches Signal an die Kritiker

Der ganz große Erfolg an der Côte d'Azur gelang ihr aber elf Jahre später, als sie 1993 für ihr zärtliches Historien-Melodram "Das Piano" mit Holly Hunter und Harvey Keitel in den Hauptrollen die Goldene Palme gewann. Noch nie zuvor war der Hauptpreis von Cannes an eine Frau vergeben worden. Während die meisten ihrer Kollegen sich damals, in den Anfängen des digitalen Kinos, dem Rausch der futuristischen Special Effects hingaben, konzentrierte Campion sich auf eine fast kammerspielartig erzählte Amour fou im ländlichen Neuseeland um 1850.

Für das Festival von Cannes, dem bis heute gerne eine sehr patriarchalische Kulturpolitik vorgeworfen wird - zu viele Männer in den Wettbewerben, zu viele Männer in den Jurys -, war die Auszeichnung Campions aber nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein emanzipatorisches Statement. Diesen Campion-Effekt will das Festival dieses Jahr offensichtlich wieder nutzen. Denn nachdem im vergangenen Jahr der Hollywood-Veteran Steven Spielberg der Cannes-Jury vorsaß und einen abermals recht männlich dominierten Wettbewerb begutachtete, ist die Berufung Campions als versöhnliches Signal an die zahlreichen Kritiker von Festivalchef Thierry Frémaux und seinem Team zu verstehen.

Gemeinsam mit ihren Jurykollegen, unter anderen mit der amerikanischen Independent-Regisseurin Sofia Coppola und dem dänischen Hipster-Filmemacher Nicolas Winding Refn, wird Campion am 24. Mai im glamourösen Palais des Festivals et des Congrès den neuesten Filmjahrgang ehren. Und da sie in den vergangenen Jahren neben ihren Regiearbeiten auch vermehrt als Produzentin und Projektentwicklerin gearbeitet hat - zum Beispiel für die hervorragende TV-Serie "Top of the Lake" -, ist sie eine beflissene Kennerin des internationalen Films.

Besonders angetan hat es ihr vor allem das europäische Kino. Diese Leidenschaft lässt sich deutlich an ihren eigenen Werken ablesen - und vielleicht auch bald an ihrer Entscheidung als Jurypräsidentin in Cannes.

© SZ vom 14.05.2014

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