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Premiere des Burgtheaters Wien:Mystik, Missbrauch und Machismo

Pelleas und Melisande

Finstere Geschichte: Mélisande (Sophie von Kessel, vorne) gerät in die Fänge des grobschlächtigen Golaud (Rainer Galke) und erfährt auch von ihrer Schwiegermutter Geneviève (Barbara Petritsch) keine Unterstützung.

(Foto: Susanne Hassler-Smith)

Daniel Kramer inszeniert am Wiener Akademietheater "Pelléas und Mélisande" zwischen Traumdeutung und Traumatherapie.

Von Cathrin Kahlweit

Die Geschichte, die Maurice Maeterlinck in seinem vielleicht berühmtesten, 1893 uraufgeführten Theaterstück aufgeschrieben hat, ließe sich in einem Satz erzählen: Frau heiratet Mann und verliebt sich in Bruder. Der Rest des selten gespielten Stücks, das als Schlüsselwerk des Symbolismus gilt und vor allem in der Opernfassung von Claude Debussy bekannt wurde, ist ein Geflecht aus Andeutungen, Träumen, Wiederholungen.

Genau das fand der US-amerikanische Regisseur Daniel Kramer, dessen Inszenierung von "Pelléas und Mélisande" in einer neuen Fassung und in einer Übersetzung von Alexander Kerlin nun im Wiener Akademietheater Premiere hatte, offenbar so faszinierend, so reich an Möglichkeiten, dass er zwei Stunden Traumdeutung und Traumatherapie daraus machte: Da wird die zarte, blonde, verängstigte Mélisande (Sophie von Kessel) vom grobschlächtigen, bärenartigen Golaud (Rainer Galke) im düsteren Wald aufgelesen und in eine Ehe hineingedrängt, die nur Bedrängnis und Gefängnis ist. Die Liebe von Schwager Pelléas (Felix Rech) ist ein Lichtblick in dieser schattenhaften, beklemmenden Welt, aber sie bietet keine Rettung vor dem rasend eifersüchtigen Ehemann, vor den lieblosen Schwiegereltern, vor den wiederkehrenden Albträumen früheren Missbrauchs. Der pädophile, geile Golaud ist ein Haarfetischist und schießwütiger Jäger, zwischen dessen Beinen ein riesengroßer, giftgrüner Penis baumelt, während seine enormen, knorrigen Hände nach Mélisande greifen. Auch Stiefsohn Yniold, der sich als Mädchen fühlt, aber ein Junge sein muss, zerreißt es in dieser beklemmenden Szenerie aus Mystik und Machismo.

Es ist eine Insel des Grauens - mit schwarzem Sand, ausblutendem Wildbret und einem Glücksrad als Teufelszeug

Kramer zeigt diese schwere Kost aus Gewalt und Trauma, Frauenhass und Frauenangst in fast spielerischen Andeutungen, kurzen, ständig wechselnden Bildern, voller schriller Töne und exaltierter Gesten, eingerahmt und durchbrochen von einem Gameshow-Ambiente - das Glücksrad als Teufelszeug, an dessen Ende der Tod steht (Bühne: Annette Murschetz). Mélisande watet auf der Insel des Grauens durch schwarzen Sand, hinter dem sich eine Plexiglaswand erhebt, die mal Schlossmauer, mal Grotte, mal Interieur ist und hinter der Golaud auf erlegtes Wildbret schießt, das zum Ausbluten von der Decke hängt. Die Schwiegereltern (Barbara Petritsch und Branko Samarovski) können und wollen nicht helfen. Intime Momente, in denen sich die Sehnsuchtsbeziehung zwischen Mélisande und Pelléas entfalten könnte, sind rar. Kramers Inszenierung lebt von der Ambivalenz des stetigen Stimmungswechsels, in dem selbst Requisiten beständig ihren Charakter wechseln: Mélisandes Puppe ist mal Spielzeug, mal totes Kind, mal Missbrauchsopfer.

Die Inszenierung lebt von Bildern, die sich allzu oft selbst genügen und zwischen denen die souveränen, eindringlich agierenden Schauspieler bisweilen regelrecht zu ersticken scheinen. Kramer, der im Tanz-und Musiktheater zu Hause ist (zuletzt war er künstlerischer Leiter der English National Opera in London), hat viel gesehen in Maeterlincks Text; in einem Interview spricht er von der Stille und den Geheimnissen, die auch Debussy für seine Oper herausgefiltert habe, und vom "hypnotisierenden Puls" der Sprache. Er selbst hat vielleicht zu viel gewollt und seine Schauspieler mit auf eine Reise genommen, die doch immer wieder in toten Winkeln endet. Die dichte Inszenierung bleibt deshalb trotz aller Einladungen in die Psychologie fremder Seelen seltsam oberflächlich.

© SZ
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