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Bürgerkrieg in Syrien:Sie starb, weil sie auf mich wartete

Doch als ich an der Reihe war, entschieden sie, mich gegen einige ihrer Soldaten auszutauschen. Da ihnen aber niemand geben wollte, was sie verlangten, blieb ich im Gefängnis. Niemand war dort so lange wie ich. Normalerweise töten sie ihre Gefangenen nach ein, zwei Monaten oder sie lassen sie laufen. Ich hatte großes Glück, sechs Monate am Leben zu bleiben und amnestiert zu werden, so dass ich nach Hause zurück konnte.

Als ich von Daesch gefasst wurde, wusste niemand, was mit mir passiert war. Einige Leute sagten, ich sei tot, andere sagten, ich sei festgenommen. So blieb meine Mutter für den Fall, dass ich nach Hause komme. Doch als ich nach Aleppo zurückkam, erfuhr ich, dass meine Mutter bei einem Fassbombenangriff getötet worden war. Sie starb, weil sie auf mich wartete. Daran denke ich auch jetzt jeden Tag. Ich mache Daesch verantwortlich, es macht mich sehr wütend.

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Einen Monat später dann wurde meine Tante getötet. Sie hatte nicht geheiratet, und ich war wie ein Sohn für sie. Sie starb durch Granatbeschuss des Regimes, als sie die Straße entlangging. Ich habe sie mit meinen eigenen Händen begraben. Meine Mutter konnte ich nicht begraben, weil sie erst nach einem Monat unter den Trümmern gefunden wurde, doch ich begrub meine zweite Mutter. Ich kann noch immer ihr Blut an meinen Händen riechen.

Ihr Tod hat mich gebrochen

Ihr Tod hat mich gebrochen, und drei, vier Monate konnte ich nichts tun. Mein Vater ging in dieser Zeit aus Aleppo fort nach Ägypten zum Arbeiten, weil er im Krieg nicht leben konnte. Als er ein Jahr später auf die Westseite Aleppos zurückkehrte, nahm das Regime ihn fest. Sie wollten wissen, wo ich bin, doch mein Vater sagte, er wisse es nicht. So ließen sie ihn laufen. Heute lebt er in Aleppo. Er weiß, wo ich bin, doch fürchtet er, mich zu kontaktieren.

Ich habe in diesen Jahren nie daran gedacht, Aleppo zu verlassen. Ich war an die Gefahr gewöhnt, an das Adrenalin, an die Luftangriffe. Ja, ich wollte am Leben bleiben, doch ich wollte Aleppo nicht verlassen und in einer anderen Stadt leben. Wenn sie mich ließen, würde ich noch heute nach Aleppo zurückkehren. Natürlich ist sie sehr verändert, doch in meinen Augen ist es noch immer eine schöne Stadt.

Vor dem Krieg lebten Sunniten und Alawiten in Syrien normal zusammen. Ich hatte viele alawitische Freunde, und jedes Jahr fuhr ich nach Latakia ans Meer. 2012 änderte sich dann alles. Ich konnte nicht mehr nach Latakia, weil mich die Alawiten dort umgebracht hätten. Auch meine alawitischen Freunde sprachen nicht mehr mit mir, weil ich gegen das Regime war. So hat sich alles geändert.

Im Osten Aleppos waren wir vielleicht fünf oder sechs professionelle Fotografen, doch im letzten Jahr unter der Belagerung gab es nur einen von Reuters und mich. Niemand kann unter der Belagerung leben. Doch ich hatte sie kommen sehen und daher eine Menge Essen gekauft. Ich hatte genug für mich für ein ganzes Jahr. Als aber die Armee mein Viertel eroberte, musste ich meine Wohnung verlassen und hatte nichts mehr.

Die Schabiha und die Armee hätten am liebsten alle getötet

Als die Stadt im Dezember von der syrischen Armee und den Schabiha-Milizen besetzt wurde, plünderten ihre Kämpfer alle Häuser. Die russischen Soldaten hatten dagegen etwas Menschlichkeit, sie hielten ihre Versprechen, sie töteten wenigstens nicht Frauen und Kinder. Sie willigten dann auch ein, die verbliebenen Zivilisten aus dem Ostteil Aleppos wegzubringen. Die Schabiha und die Armee hätten am liebsten alle getötet.

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Am Ende waren nur noch 30 000 Menschen übrig. Der Großteil Aleppos war da bereits leer, die meisten waren vor den Angriffen geflohen und wegen des Hungers. Inzwischen sind einige zurückgekehrt, aber nicht viele. Meine Freunde sagen mir: Die Straßen in der Stadt sind leer, die meisten Häuser auch, du kannst leben, wo du willst. Es gibt nur keinen Strom, kein fließendes Wasser.

Hier in Istanbul gehe ich nun jeden Morgen durch die Straßen, runter ans Meer. Es gibt hier alles, Strom, Wasser. Das Leben ist sehr einfach, du musst nur einen Knopf drücken und alles funktioniert. In Aleppo musstest du weit gehen, um aus einem Brunnen Wasser zu holen, das du zuerst filtern musstest, um es trinken zu können. Strom kam nur von Generatoren, und es gab so wenig, dass es jeweils nur für eine Glühbirne oder zum Laden eines Handys reichte.

Doch in Istanbul habe ich jede Nacht Albträume. Nachts wache ich auf, wenn ich ein Flugzeug höre; ich denke dann, es sei eine Militärmaschine. Wenn du in Aleppo ein Flugzeug hörst, heißt es, dass es einen Angriff in deiner Nähe geben wird. In Istanbul hört man alle 30 Sekunden ein Flugzeug über die Stadt zum Flughafen fliegen. Die erste Woche hatte ich Angst, konnte nicht schlafen. Nun gewöhne ich mich daran.

Ich hatte ein wunderbares Leben dort

Ich habe das Gefühl, meine Seele in Aleppo gelassen zu haben. Ich erinnere mich jeden Tag an die Straßen Aleppos. Ich schaue mir die Bilder an, und manchmal weine ich, es bricht mir das Herz. Ich habe meine Augen in Aleppo geöffnet, ich hatte ein wunderbares Leben dort vor dem Krieg, ich hatte sehr gute Freunde. Sie sind nicht länger dort, nur ein Freund ist heute noch in Aleppo.

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Mein Plan ist es nun, in Frankreich Journalismus zu studieren. Vor dem Krieg hatte ich in Aleppo zwei Jahre Jura studiert, was mir aber nicht besonders gefiel. Ich will nun meine Fähigkeiten als Fotograf und Journalist verbessern, einen Abschluss an der Universität machen, um dann weiter als Kriegsfotograf zu arbeiten. Ich weiß, wie man im Krieg lebt, wie man mit Luftangriffen lebt. Ich weiß, was bei Beschuss zu tun ist. Ich kann mit der Gefahr umgehen.

Doch nach Syrien, nach Aleppo werde ich nicht zurückkehren können - erst wenn das Regime fort ist. Wie wird es dann sein? Der Osten Aleppos ist nicht mehr zu retten, alles ist komplett zerstört. Und ich glaube auch, dass das Regime die Stadt gar nicht wieder aufbauen will. Es will, dass die nächste Generation die Augen in dieser Zerstörung öffnet und nicht wagt, eine weitere Revolution zu machen. Wie Homs. Sie bauen Homs auch nicht wieder auf.

Ich hoffe, die Syrer werden einander einmal vergeben können. Aber nicht in naher Zukunft. Es wird hundert Jahre brauchen, damit Sunniten und Alawiten wieder zusammenleben können. Zu groß war das Blutvergießen.

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