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Krieg in Syrien:Twitternde Siebenjährige aus Aleppo in Sicherheit gebracht

Mit Kurznachrichten aus der umkämpften syrischen Stadt wurde Bana al-Abed weltbekannt. Sogar Machthaber Assad kam nicht umhin zu reagieren.

"Please save us now" - Bitte, rettet uns jetzt. Das war die letzte Nachricht, die die siebenjährige Bana al-Abed aus der syrischen Stadt Aleppo am Freitag auf ihrem Account @AlabedBana an ihre mittlerweile mehr als 320 000 Follower schickte. Das russische Verteidigungsministerium erklärte an diesem Tag die Evakuierung Aleppos für abgeschlossen. Doch Rebellen, Hilfsorganisationen und der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura widersprachen: Zehntausende Menschen säßen noch in der Stadt fest.

Unter ihnen befanden sich offenbar auch Bana und ihre Familie. "Bitte, bitte, bitte, macht, dass diese Waffenruhe funktioniert und bringt uns hier heraus", twitterte noch am Sonntag auf dem gleichen Account die Mutter des Mädchens, Fatemah. Jetzt scheint die Familie in Sicherheit zu sein.

Bana und viele andere Kinder seien auf dem Land außerhalb von Aleppo angekommen, twitterte Ahmad Tarakji, Präsident der Syrian American Medical Society am späten Sonntagabend, zusammen mit einem Foto des Mädchens. Die in den USA beheimatete Hilfsorganisation SAMS organisiert Hilfsmissionen mit medizinischem Personal und Ausrüstung in Syrien und den angrenzenden Staaten.

Auch die türkische Hilfsorganisation IHH Humanitarian Relief teilte vor Kurzem via Twitter mit, Bana sei zusammen mit ihrer Familie aus Aleppo gerettet worden, schreibt darin allerdings als Zeitpunkt "heute Morgen". Bana halte sich derzeit im Gebiet Raschidin auf, sagte ein IHH-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP. Wahrscheinlich werde sie mit ihrer Familie in ein Camp in der Region Idlib gebracht.

Die Evakuierung Aleppos ist offiziellen Angaben zufolge Montagfrüh wieder in Gang gekommen - nach 48 Stunden Pause. Inzwischen sollen mit fast 50 Bussen etwa 3000 oder sogar mehr Menschen aus der Stadt gebracht worden sein. Ähnliche Informationen, wenn auch mit leicht variierenden Zahlen, haben die UN, Hilfsorganisationen und die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte veröffentlicht.

Zudem sollen in zehn Bussen die ersten Zivilisten aus den beiden von Rebellen belagerten Orten Fua (Al-Fu'ah) und Kafraja (Kafriya) im Nordwesten Syriens gebracht worden sein. Die Evakuierungen aus den Ortschaften bei Idlib waren eine Bedingung der syrischen Regierung für die Evakuierung Aleppos.

Wie Assad auf Banas Tweets reagierte

Die siebenjährige Bana al-Abed war in den vergangenen Wochen und Monaten durch ihre Tweets aus der umkämpften Stadt weltweit bekannt geworden. Sie berichtete von heftigen Bombardierungen, vom Tod einer Freundin, die unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses begraben wurde, davon, wie das eigene Haus zerstört und ihr Vater verletzt wurde. Und von der offenbar immer stärker werdenden Angst, bald sterben zu müssen.

Doch sie postete auch Fotos von sich beim Lesen, als Baby oder - Alltag so vieler Siebenjähriger in der Welt - von ihren großen Zahnlücken nach dem Ausfallen weiterer Milchzähne.

Je mehr die Welt an dem Schicksal von Bana und ihrer Familie Anteil nahm, desto mehr wuchsen auch die Anfeindungen gegen sie. Selbst Syriens Machthaber Baschar al-Assad sah sich in einem Interview mit der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana genötigt, sich zu dem Fall zu äußern - und stellte das Mädchen dabei in eine Reihe mit "Terroristen und ihren Unterstützern". Es sei ein "Propagandaspiel, ein Spiel der Medien", sagte er.

Auch wurden Zweifel daran laut, ob eine Siebenjährige imstande sei, derart professionell einen Twitteraccount zu führen und ob sie tatsächlich aus Aleppo schreibe, ja ob sie überhaupt existiere. Das Recherche-Netzwerk Bellingcat ist diesen Fragen nachgegangen. Es hat Geodaten berücksichtigt, Fotos und Videoaufnahmen abgeglichen und die Tweets von Bana und ihrer Mutter analysiert.

Bellingcat kommt zu dem Schluss, dass Bana al-Abed tatsächlich ein siebenjähriges Mädchen in Aleppo ist. Der Account werde von dort aus geführt, jedoch weniger von Bana selbst als von ihrer Mutter, einer ausgebildeten Journalistin. Da dieses Verfahren transparent gemacht werde, sei dies legitim. @AlabedBana sei insofern mehr ein Account über Bana als von ihr (hier mehr zu den Bellingcat-Recherchen).

Unabhängig von politischen Interessen, schreibt Bellingcat, sei es jedoch "unmöglich, die Wahrheit zu leugnen, dass es ein kleines Mädchen namens Bana gibt, das wegen des Konflikts in Aleppo unter Todesangst leidet, ein Schicksal, das von vielen anderen Kindern in diesem Konflikt, egal auf welcher Seite, geteilt wird".

(Mit Material der Agenturen AP, AFP und dpa)

© SZ.de/AP/AFP/dpa/dit/mane
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