Bühne Ein ehrenwertes Haus

300 Jahre Markgrafentheater Erlangen: Die Jubiläumsspielzeit startet mit einem redenreichen Festakt, einer Ausstellung im Stadtmuseum und Brechts Gangster-Parabel "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"

Von Florian Welle

Wahrlich, ein altes Haus! Vor 300 Jahren öffnete das auf Geheiß des Markgrafen Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth errichtete Erlanger Theater seine Türen. Damals noch nicht als Markgrafentheater - eine Bezeichnung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt -, sondern als "Hochfürstliches Opern- und Comoedienhaus". Heute ist das Schmuckkästchen das älteste bespielte Barocktheater Süddeutschlands.

Am Wochenende läutete man mit einem umfangreichen Programm die Jubiläumsspielzeit ein. Dazu gehört auch die große Ausstellung "Was für ein Theater!" im Stadtmuseum, die einen bis 3. März mit Plakaten, Kostümen, Inszenierungsfotos und vielem mehr auf eine Reise durch die wechselvolle Historie der Spielstätte nimmt. Des Öfteren stand das Markgrafentheater schon unmittelbar vor dem Aus. So debattierte man 1956 über den Abriss wegen Baufälligkeit, entschied sich dann aber doch für die Generalsanierung.

Den Auftakt der Feierlichkeiten bildete am Freitag eine Festveranstaltung mit viele Reden, im Publikum war auch Politprominenz, etwa Innenminister Joachim Herrmann. Anschließend feierte der Brecht-Klassiker "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" in der Regie von Annette Pullen Premiere. Oberbürgermeister Florian Janik hob in seinem Grußwort vor allem die Tatsache hervor, dass das Theater seit vielen Jahrzehnten fester Bestandteil der Erlanger Stadtgesellschaft ist. Ein Verdienst, der auf den 1876 gegründeten "Gemeinnützigen Theater- und Konzertverein Erlangen" zurückgehe, dem es einst mit neuer Bestuhlung, Gasbeleuchtung und einer Dampfheizung gelang, wieder Publikum in das unrentabel gewordene Haus zu locken. Das Theater wurde 1818 von Ludwig I. der Universität vermacht, die es zwanzig Jahre später an die Stadt verkaufte.

Erlangens schmucker Kasten: Der Innenraum des ältesten bespielten Barocktheaters in Süddeutschland, hier beim Schlussapplaus von "Biedermann und die Brandstifter".

(Foto: Jochen Quast)

Ulrich Khuon, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, weitete in seiner Festrede das Thema ins Allgemeine aus und plädierte für ein Theater, das keine Antworten gebe - schon gar keine "besserwisserischen" -, sondern das die Gegenwart künstlerisch befrage, für ein offenes Land eintrete und Gesicht zeige. Genau hier sei das Markgrafentheater unter der seit 2009 amtierenden Intendantin Katja Ott gut aufgestellt, gehe es doch hinaus in die Stadt und erobere sich dort neue Spielstätten wie etwa die Hugenottenkirche. Und, gilt es zu ergänzen, es versucht immer wieder, die Bürger miteinzubeziehen. Dass man im April unter dem Titel "Bed and Breakfast" gemeinsam eine Schlafgemeinschaft auf der Bühne bilden wird, verwundert da überhaupt nicht. Wie fidel, experimentierfreudig und am Puls der Zeit das Haus ist, konnte man in den vergangenen Spielzeiten bei Inszenierungen wie "Wut" von Elfriede Jelinek, "Paradies spielen (Abendland, ein Abgesang)" von Thomas Köck und jüngst in der Theaterfassung von Salman Rushdies Roman "Golden House" sehen.

Ein Rundgang durch die Ausstellung im Stadtmuseum, der für alle Altersgruppen etwas bietet, lehrt einen überdies, dass das Erlanger Theater schon immer für Überraschungen gut war. Was hat die Spielstätte in ihrer 300-jährigen Geschichte nicht alles erlebt? Von "Mademoiselle Mariani", die "auf dem Draht ganz neue, hier noch nie gesehene Aequilibrien" zeigte, über eine um alles "Anstößige" entschärfte Fassung von Schillers "Räubern" bis zur ersten Aufführung von Borcherts "Draußen vor der Tür" in Bayern nach dem Krieg. Dann kam Roberto Rossellini in seinem Ferrari angebraust, um im Theater Szenen seines Films "La paura" zu drehen, und Jean Cocteau bemalte einen Spiegel mit einer Vogelfigur und hinterließ das Statement: "Ihr Theater ist aus Holz gebaut, man kann in ihm spielen wie auf einer Stradivari, alle Musik des Herzens zum Tönen bringen".

Arturo Ui (Martin Maecker, l.) weiß, was er will; Ernesto Roma (Enrique Fiß) erledigt es für ihn.

(Foto: Jochen Quast)

Das sahen im weiteren Verlauf nicht alle so. 1968 enterten Studenten unter dem denkwürdigen Motto "Napalm in Vietnam (...) und ihr macht hier Kunsthonig in Erlangen" die Bühne. Und als Theaterleiter Andreas Hänsel 1989 "Hänsel und Gretel" unter dem Titel "Da Hänsel! Da Gretel! Da, Da" neu bearbeitete, hatten auch die Erlanger endlich ihre Debatte um das Für und Wider des Regietheaters. Nur dass sie hier angeführt wurde von den ganz Jungen. "Lieber Herr Oberbürgermeister!", beklagte sich ein Drittklässler, "ich erkannte das Märchen kaum wieder. Mir hätte es besser gefallen, wenn es so wie in den Büchern beschrieben gespielt worden wäre. Nach der 1. Hälfte bin ich dann rausgegangen."

Ein Regie-Streitfall ist Annette Pullens Inszenierung von Brechts bereits 1934 erstmals angedachter, 1941 geschriebener, aber erst nach seinem Tod uraufgeführter Parabel auf Hitlers Aufstieg nicht geworden. Ihr "Arturo Ui" erzählt sehr geradlinig die in Chicago angesiedelte Gangster-Geschichte in 15 Bildern. Allerdings hat sie alle direkten Anspielungen Brechts auf Hitlers Weg zur Macht gestrichen. Die Aufführung zielt auf Trump und Co. ab, ohne sie zu nennen. Sie sind die "neuen Paten": ein Begriff, der auf Jürgen Roths gleichnamiges Buch zurückgeht und im Programm ausführlich Erläuterung findet.

Martin Maecker ist dieser neue Pate, kommt aber rein äußerlich wie James Dean in "Rebel Without a Cause" daher, eher er sich wandelt. Der Unterschied: Dieser Ui weiß genau, was er tut. Maecker ist großartig als gewiefter Charmeur und Verführer. Fürs Schmutzige hat er seinen Leutnant Ernesto Roma, den Enrique Fiß als lispelnde Ledertunte gibt und der hier zu gefährlicher Größe mit ungemeiner Lust am Töten findet. Das Duo trägt die gesamte vor Glitzervorhängen spielende Inszenierung, die, nach einem Durchhänger im Mittelteil, in dem nur der Knalleffekt regiert, am Ende zu einer Schmierenkomödie im bösesten Sinne geworden ist.