Jazzkolumne:Freuden des Exils

Lesezeit: 3 min

Dexter Gordon Film: Round Midnight (1988) Director: Bertrand Tavernier 12 September 1986 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY

Dexter Gordon im Film "Round Midnight" ("Um Mitternacht").

(Foto: imago images/Mary Evans)

Viele US-Jazzmusiker der 1960er- und 1970er-Jahre lebten in Europa. Einige Aufnahmen aus dieser Zeit erscheinen erst jetzt. Und zeigen den Ausdruck einer neuen transatlantischen Kultur.

Von Andrian Kreye

Manchmal findet man seine wahre Heimat erst später im Leben. Für viele amerikanische Jazzer der Sechziger- und Siebzigerjahre war das Europa. Die Liste der Musiker, die für Jahre oder auch immer dort hängenblieben, würde diese Kolumne mehr als füllen. Der Pianist Bud Powell lebte zum Beispiel so ein Leben in Paris. Das war so exemplarisch mit seiner Kluft zwischen den Dämonen der eigenen Vergangenheit und den Befreiungsmomenten der französischen Metropole, dass Bertrand Tavernier viele Jahre später den wahrscheinlich besten Spielfilm über Jazz daraus machte. Die Hauptrolle in "Round Midnight" spielte damals der Saxofonist Dexter Gordon, der wiederum viele Jahre in Kopenhagen lebte.

Jazzkolumne: Dexter Gordon: "A Day in Copenhagen"

Dexter Gordon: "A Day in Copenhagen"

(Foto: MPS)

Das Befreiungsmoment war für die schwarzen Musiker zunächst, ohne den langen Schatten des Rassismus leben zu können, dem sie selbst in vermeintlich progressiven Städten wie New York, Detroit oder San Francisco nicht entkamen. Gordon formulierte aber den eigentlichen Reiz Europas. "Ich hatte keine Ahnung, wie sehr der Jazz in Europa geschätzt wird", sagt er seinem Biografen. "Das war eine regelrechte Offenbarung. All diesen Respekt zu spüren, als Musiker, als Künstler. Man trifft all diese Menschen, die alles kennen, was man je gemacht hat. In Schweden, Dänemark, Italien, England, Belgien. Überall."

In letzter Zeit sind viele der Aufnahmen dieser Exilanten und Expats wieder oder erstmals aufgelegt worden. Die Platten aus den Sechzigerjahren unterscheiden sich beim ersten Anhören nicht groß von denen, die in Amerika aufgenommen wurden. Das ist der gleiche brillante Hard Bop, mit dem die Musiker damals die nervöse Energie des Be Bop herunterkühlten. Nur wenn man genau aufpasst, sind da diese Momente, in denen sich das Glück, in Europa zu leben, manifestiert.

"A Day in Copenhagen" (MPS), das Dexter Gordon 1969 mit Slide Hampton an der Posaune und einer Rhythmusgruppe mit amerikanischen Expats aufnahm, die aus Paris angereist waren, klingt exakt genau so, wie man sich das vorstellt. So musste das sein, wenn sich alte Freunde an einem Ort trafen, der so wunderschön und entspannt ist wie die Stadt am Øresund. Man muss sich nur das Stück "What's New" herausgreifen, um zu verstehen, was für eine Last da von ihnen abfiel im skandinavischen Frühjahr.

Jazzkolumne: Dexter Gordon: "One Flight Up"

Dexter Gordon: "One Flight Up"

(Foto: Blue Note)

Man kann das auch direkt mit einem Album vergleichen, das Dexter Gordon fünf Jahre zuvor in Paris aufgenommen hatte, wo er sich wie die meisten Exilanten eigentlich niederlassen wollte, weil die Stadt, die mit ihrer Energie und ihrer Subkultur dem New York ihrer Zeit am ehesten nahekam. Auf "One Flight Up" (Blue Note) spielt dieselbe Rhythmusgruppe, Kenny Drew am Klavier, Art Taylor am Schlagzeug. Aus Kopenhagen hatte er das Bass-Wunderkind Niels-Henning Ørsted Pedersen mitgebracht. Trompete spielte Donald Byrd. Die Souveränität, mit der Gordon da über drei ungewöhnlich lange Strecken hinter den Beat fällt, den Taylor mit lodernder Aggressivität vor allem über die Snare Drum rollen lässt, gehört zu seinen besten Momenten.

Jazzkolumne: Ronnell Bright Trio

Ronnell Bright Trio

(Foto: Sam Records)

Überhaupt Paris. Wer schon mal dort war, kann sich in der Regel an das Hochgefühl erinnern, das einen immer wieder erfasst, wenn man dort ankommt. Dann versteht man auch diese überschäumende Spielfreude, mit der Ronnell Bright ein Album einspielte, das zu diesen Ausreißern unter den unzähligen Klaviertrioplatten gehört, die damals einen Pianisten normalerweise zum Star machten. Bright war eigentlich nur auf Durchreise als Begleiter von Sarah Vaughan. Irgendwie ging das Album damals unter.

Jazzkolumne: John Lewis: "Afternoon in Paris"

John Lewis: "Afternoon in Paris"

(Foto: Sam Records)

Das Leidenschaftslabel Sam Records hat es nun wieder herausgebracht, das schon so einige grandiose Expat-Platten aus den Pariser Archiven geborgen hat. Von Chet Baker zum Beispiel, vom notorisch unterschätzten Saxofonisten Nathan Davis. Oder herrliche Begegnungen zwischen Einheimischen und Exilanten wie auf "Jazz Sur Seine", das der Pariser Ausnahmesaxofonist Barney Wilen mit Kenny Clarke und Milt Jackson aufgenommen hat. Oder "Afternoon in Paris", auf dem der Pianist John Lewis und der Gitarrist Sacha Distel so in einer letztlich glücklichen Melancholie zueinanderfanden.

Jazzkolumne: Don Cherry: "Summer House Sessions"

Don Cherry: "Summer House Sessions"

(Foto: Blank Form Editions)

Später dann gab es nicht nur persönliche, sondern auch musikalische Befreiungsmomente. Don Cherry war in seinem schwedischen Exil das Paradebeispiel für einen Musiker, der in Europa nicht nur zu sich, sondern zu neuen Wegen fand. Die "Summer House Sessions" (Blank Form Editions) sind ein herrlich anarchisches Dokument dieser Zeit. Da traf er sich im Sommer 1968 mit schwedischen Musikern im Sommerhaus eines Freundes im Stranddörfchen Kummelnäs und ließ den Ideen einen freien Lauf, die in seiner World Music kulminierte.

Jazzkolumne: Mal Waldron: "Free At Last"

Mal Waldron: "Free At Last"

(Foto: ECM)

Solche Experimente gab es sicher auch in Amerika. Doch es ist kein Zufall, dass der Pianist Mal Waldron das allererste Album des neu gegründeten Münchner Labels ECM 1969 "Free At Last" nannte. Endlich frei hieß das, war aber keineswegs Free Jazz. Es war der Aufbruch in eine Zeit, in der Europa nicht nur ein Traumziel war, sondern mit den schon bald zahlreichen von Enthusiasten geführten Plattenfirmen ein Zentrum, in dem der Jazz zum Ausdruck einer neuen transatlantischen Kultur reifte.

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