Buchmarkt Die Hammer-Meldung

Der größte und wichtigste deutsche Buchgroßhändler hat in dieser Woche Insolvenz angemeldet. In der Branche fürchten viele nun Zahlungsausfälle und Versorgungsengpässe.

Von Thomas Jordan

Nachdem die Verhandlungen mit einem Investor gescheitert sind, hat Deutschlands wichtigster Buchgroßhändler, die Koch, Neff & Volckmar Gmbh (KNV) mit Sitz in Stuttgart und Erfurt, Donnerstagfrüh Insolvenz beantragt. Die Nachricht kam für viele Buchhändler und Verleger überraschend und sorgt in der Branche für hohe Verdienstausfälle, Lieferunsicherheiten und große Ungewissheit, wie es in Zukunft weitergeht. Der Geschäftsführer der Bonnier-Mediengruppe, Christian Schumacher-Gebler, zu der unter anderem der Münchner Piper-Verlag gehört, warnt vor "Versorgungsengpässen" bei kurzfristigen Buchbestellungen im Handel.

"Ein riesiges Branchenbeben" nennt Stefan Weidle, Inhaber des gleichnamigen Belletristik- und Sachbuchverlags die Nachricht vom Insolvenzantrag des 1829 gegründeten Traditionsunternehmens KNV. Das Unternehmen, das 1800 Mitarbeiter beschäftigt, hält nach eigenen Angaben knapp 600 000 Buchtitel von 5000 Verlagen ständig auf Lager. Wer in einer Buchhandlung ein Buch bestellt, bekommt es am nächsten Tag in vielen Fällen aus dem Lager von KNV. Der Buchgroßhändler bildet damit, zusammen mit den Konkurrenten Libri und Umbreit, das Scharnier zwischen Buchproduktion und Buchverkauf in Deutschland.

Etwa die Hälfte seines Umsatzes macht der Kleinverleger Stefan Weidle nach eigenen Angaben mit Verkäufen an KNV. Seit der Nachricht von der Insolvenz steht das Geschäft mit dem Buchgroßhändler still. "Die Einnahmen der letzten zwei Monate werden nicht ausbezahlt", sagt der Bonner Kleinverleger. Für viele Kollegen von Weidle ist das besonders schmerzlich, weil damit auch die Einnahmen des Weihnachtsgeschäfts des vergangenen Jahres auf dem Spiel stehen. Bücher, die Verleger vor Weihnachten an KNV geliefert haben, sind noch nicht bezahlt. "Das wird einige kleinere Verleger in den Tod reißen", befürchtet Weidle. Auch die vorbestellten aktuellen Neuerscheinungen seines Verlages schickt der Kleinverleger nun nicht mehr an den insolventen Großhändler.

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Aber nicht nur kleine, sondern auch viele große deutsche Publikumsverlage dürfte die Insolvenz vor massive Probleme stellen.

"Viele deutsche Verlage haben ziemlich viel Geld verloren", sagt Christian Schumacher-Gebler, Geschäftsführer der Bonnier-Mediengruppe. Offene Rechnungen würden von der KNV nicht mehr bezahlt, die Verleger seien jetzt Gläubiger der Insolvenzmasse des Buchgroßhändlers, betont der Bonnier-Chef.

Unklar ist auch, wie es mit der Auslieferung von Titeln von Verlagen wie Suhrkamp, dtv und den Häusern der Bonnier-Mediengruppe weitergeht. Diese Verlage haben bisher ihre Neuerscheinungen über KNV an die Buchhändler liefern lassen. Denn neben dem Großhandel war das Unternehmen auch als Buchlogistiker tätig. Christian Schumacher-Gebler zeigt sich in diesem Punkt zuversichtlich, dass die Auslieferung trotz der Insolvenz weiterläuft. "Meines Wissens nach arbeiten die alle", sagte er der SZ, die Personalkosten übernehme nach einer Insolvenz der Staat für drei Monate, so Schumacher-Gebler.

Große Probleme sieht der Medienmanager allerdings, was das sogenannte Barsortiment angeht. Das sind jene Titel, die KNV ständig auf Vorrat gehalten hat, um "Über-Nacht"-Bestellungen von Kunden im Buchhandel zu bedienen. Der Großhändler KNV hat hier knapp die Hälfte des Marktes bedient. "Wenn plötzlich etwa 40 Prozent des Marktes an Barsortimenten nicht mehr leistungsfähig wäre, dann bestünde ein großer Versorgungsengpass im Buchhandel", sagt Schumacher-Gebler. Kein anderes Unternehmen könne das auf die Schnelle ausgleichen, so der Bonnier-Chef.

Für Buchhändler wie Michael Lemling von der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl war die Nachricht von der KNV-Insolvenz eine "Hammer-Meldung". Lemling hatte den Buchgroßhändler mit Sitz in Stuttgart und Erfurt stets als "too big to fail" eingeschätzt: als zu groß, als dass er sich hätte vorstellen können, dass "das Ganze den Bach runtergeht", wie er es formuliert. Lemlings Buchhandlung bezieht einen Großteil der kurzfristigen "Über-Nacht"-Bestellungen vom Konkurrenten Libri. Bei fehlenden Beständen versuche er jetzt, sich direkt an die Verlage zu wenden, um alle gewünschten Bücher zu bekommen. Für Kollegen, die Exklusivverträge mit KNV hatten, könnte es eng werden mit dem Büchernachschub.

Lemlings Hoffnung ruht darauf, dass sich noch ein neuer Investor findet, der KNV am Leben erhält. In Branchenkreisen gilt Amazon als einer der möglichen Käufer für die Insolvenzmasse von KNV. Der Online-Versandhändler aus den USA ist aber zunächst einmal selbst von der KNV-Insolvenz betroffen. Denn auch der amerikanische Versandriese sei bisher auf die Lieferlogistik von KNV angewiesen gewesen, sagt der Verleger Stefan Weidle.

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