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Spätwerk des Schauspielers:Warum die Welt Bruce Willis noch braucht

Völkermord ist irgendwie sein Ding, aber straight to DVD: Bruce Willis als "Blut-General" in "Cosmic Sin".

(Foto: Dolphin Medien)

Und zwar, obwohl er einfach weiterballert und prügelt in B-Movies. Über die alten Geschichten von weißer, männlicher, amerikanischer Überlegenheit und Paranoia.

Von Philipp Stadelmaier

Da steht der Mann, der auf einer weit entfernten Kolonie im Weltall auf einen Schlag 70 Millionen Rebellen ausgelöscht hat, an einer Bar irgendwo in Nordamerika und trinkt Whiskey. Selbstverständlich hat er nur seine Pflicht getan und die Menschheit gerettet, abzüglich der durch eine Quantenbombe annihilierten 70 Millionen Individuen, die sich allzu rebellisch gegen den Rest der sogenannten Allianz aufgelehnt hatten. Der planetare Genozid hat den Mann seine Karriere als General gekostet; aber die Gewissensbisse sind offenbar nichts, was sich nicht mit ein paar Gläsern Whiskey hinunterspülen ließe.

Neben dem Ex-Militär, der allen unter dem Spitznamen "The Blood General" bekannt ist, steht einer seiner ehemaligen Soldaten. "Die Welt braucht Sie", raunt der Soldat ihm zu. "Die Welt braucht irgendwas", raunt der Blut-General zurück. "Aber sie hat deutlich gemacht, dass das, was sie braucht, nicht ich bin."

Wir schreiben zwar das Jahr 2524, doch scheint die pessimistische Aussage des Generals ebenso für unsere Gegenwart zu gelten, die dieses B-Movie namens "Cosmic Sin" hervorgebracht hat, und für den Schauspieler, der den Schlächter der Galaxis verkörpert: Bruce Willis.

Seinen Durchbruch hatte er 1988 in "Die Hard - Stirb langsam", mit der Rolle des wortkargen, lakonischen, nur auf sich selbst vertrauenden John McClane, der ein Hochhaus von Terroristen befreite. Auch in seinen späteren großen Erfolgen der Neunzigerjahre hat Willis viel notwendige Schmutzarbeit geleistet, als Zeitreisender ("12 Monkeys"), Asteroidensprenger ("Armageddon") oder unersetzlicher Helfer im Kampf gegen das Böse ("The Fifth Element") - stets im Dienste der gesamten Menschheit.

Was nicht verstanden wird, ist vermutlich feindselig und gehört vernichtet

Mittlerweile ist Willis' Ruhm jedoch verblasst und die Rolle des kahlköpfigen, weißen, stets schussbereiten Cis-Mannes allgemein in Verruf geraten. So ballert und prügelt sich der alternde Star heute durch austauschbare B-Movies, von denen dieser Tage neben "Cosmic Sin" von Edward John Drake auch "Hard Kill" von Matt Eskandari in Deutschland auf DVD und Blu-ray erscheint. Zwei Direct-to-Video-Filme unter zahllosen anderen, von denen man nie gehört hat und nie wieder hören wird, die man sieht und sofort vergisst. Was braucht die Welt von heute? Sicher nicht mehr solcher Filme. Sicher nicht noch einen Blood General. Sicher nicht noch einen Bruce Willis. Oder?

In "Hard Kill", der sich schon dem Titel nach nicht viel von "Die Hard" entfernt hat, kämpft Willis gegen einen Terroristen im Apokalypse-Rausch. Der will in den Besitz einer Quanten-KI gelangen, dessen Passwort von Willis' Figur verwahrt wird. Der Film ist die monotone, filmgewordene Version eines Shooter-Spiels, in dem sich zwei gegnerische Söldnerteams in einer alten Fabrikhalle gegenseitig ausschalten. Willis hat eher eine Nebenrolle, dient nur als "Lockvogel", um die Bösen anzulocken. Auf die Frage "Warum Willis?" kann man hier lediglich antworten: Weil es auch in der heutigen überkomplexen Welt offenbar jemanden braucht, der einem "Canterbury Tales" zitierenden "Prediger" in knappen Worten erklärt, dass er bei allem schlauen Geschwätz doch nur ein saudummer Terroristenarsch ist.

In "Cosmic Sin" braucht die zukünftige Menschheit (oder eher die zukünftige Form der USA, um genauer zu sein) den General mit Genoziderfahrung dann doch aus einem existenzielleren Grund: Der erste Kontakt mit einer unbekannten, allem Anschein nach feindseligen Alien-Spezies ist eher ungut verlaufen, nun heißt es: "Wir oder sie". So bittet das Militär den Blut-General, ein Team zu begleiten, das mit einer weiteren Quantenbombe die kosmische, jedoch unerlässliche Sünde begehen wird, eine gesamte Zivilisation auszulöschen. So legt er sich einen scheppernden Raumfahrer-Blechanzug an und reist in fremde Welten, um den Kampf aufzunehmen. Die gute alte Paranoia des Westens: Was nicht verstanden wird, ist vermutlich feindselig und gehört vernichtet; Verhandlungen sind da ebenso fehl am Platze wie mit Terrorärschen, die Chaucer gelesen haben.

Der Film hat diese Paranoia mit der letzten Pore aufgesaugt, er ist wirklich Trash, aber die Rolle des Blut-Generals ist ambivalenter. Der weiß genau, dass er auf der falschen Seite der Geschichte steht und von den Menschen "nicht mehr auf dieselbe Art angeschaut wird wie zuvor". So macht Willis seinen Blutgeneral zum schlechten Gewissen des Films und der weißen Zivilisation, der er selbst angehört und deren Sünden er wiederholt: Wer einmal eine Quantenbombe schmeißt, wird es wieder tun.

Diesen moralischen Pragmatismus muss man sich als Schauspieler erst einmal leisten können. Mit Willis drehen sich in diesen B-Movies die alten Mythen und Glaubenssätze der Vergangenheit weiter, der Männer, der Weißen, der Amerikaner, die er in seinen Rollen ausfüllt und mit denen er dennoch nicht gleichzusetzen ist: Er begleitet sie heute eher, von Film zu Film, als Nebenfigur.

Denn ebenso, wie er weiter dreht, werden auch die in diesen Filmen perpetuierten Glaubenssätze und Ideologeme aus unserer Welt nicht einfach verschwinden, auch wenn ihre Zeit längst abgelaufen ist. Solange der Schauspieler mit dem zerfurchten, ironischen Gesicht noch dreht, wird es zumindest jemanden geben, der für die Vergangenheit vor der Kamera geradesteht - und Abbitte leistet. Deswegen braucht es Willis, braucht es sein Opfer. Und für die verbleibenden Gewissensbisse gibt es ja Whiskey.

Cosmic Sin (Regie: Edward John Drake) und Hard Kill (Regie: Matt Eskandari) sind auf DVD und VOD erschienen.

© SZ/kni
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