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Brexit-Kolumne:EU-Bürger sind politische Jetons in Theresa Mays Brexit-Roulette

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Das sieht man unter anderem auf dem Rasen der Nordlondoner Kinderliga. Die zeigt die ganze Vielfalt des Schmelztiegels London. Und die Ängste.

In diesem Monat will die britische Regierung die Ausstiegsverhandlungen mit der EU eröffnen. Der London-Korrespondent des Feuilletons berichtet ab sofort täglich davon, wie der bevorstehende Brexit sich jetzt schon in allen Lebensbereichen spürbar macht.

Jeden Sonntag treten die "Under Tens" des örtlichen Fußballclubs gegen andere Neunjährige aus der Harrow Youth League an. Wenn der eigene Sohn mitspielt, ist das eine erstaunlich aufregende Angelegenheit.

Man hat überhaupt reichlich Gelegenheit, sich aufzuregen. Über den Zustand des Heimplatzes zum Beispiel, der so abschüssig ist, dass man immer hofft, dass die eigene Mannschaft in der zweiten Halbzeit bergab spielt. So lassen sich Rückstände leichter aufholen. Man kann sich auch über den Coach aufregen, einen kindsköpfigen Rumänen, der ohne jedes taktische Verständnis am Spielfeldrand hin- und hertigert und "Kick it!" schreit. Oder darüber, dass die anderen Clubs viel organisierter wirken als der eigene. Die Japaner haben einen Verein, der mit Videoanalyse arbeitet; die Polen haben sogar einen Sponsor.

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Die Brexit-Witze sind zum Heulen

Facebook und Twitter sind voller Scherze über den Brexit. Sie zeigen, wie nah wir EU-Bürger einander eigentlich sind - und dass durch das Votum der Briten etwas zwischen uns kaputtgegangen ist.

Doch über all das regt man sich ja letztlich gerne auf, denn zugleich fühlt man sich im Matsch dieses Parks in Barnet auch immer als Teil einer internationalen Gemeinschaft. Anders als manches gegnerische Team ist das eigene wunderbar gemischt: Nigerianer, Polen, Bulgaren, Deutsche, Albaner, und sogar ein Engländer, der im Tor steht. Das ist der Schmelztiegel London. Noch.

Zurück? Aber wohin denn? Für die Söhne der Bekannten ist Deutschland nur ein Urlaubsziel

Das EU-Referendum hat die Aufregung dieser Kinderliga-Spiele bei manchem zu etwas anderem gerinnen lassen. Seitdem vergeht kein Sonntag, an dem man nicht mit den anderen Eltern über die Zukunft der Welt, die Zukunft der Insel und die der Ausländer in Großbritannien spekuliert. Anita, die reizende Mutter eines bewundernswert kämpferischen Jungen im defensiven Mittelfeld, stammt aus Niedersachsen. Ihr Mann Francesco ist Italiener, arbeitet im gehobenen Management eines der luxuriösesten Hotels der Stadt, und nennt London "meine erste große Liebe". Familien wie diese werden jetzt immer öfter gefragt: "Und - wollt ihr jetzt zurückgehen?" Die Gegenfrage lautet: Zurück wohin denn? Die beiden Söhne haben einen deutschen Pass, der ältere ist glühender Bayern-München-Fan. Aber sie haben nie woanders gelebt als in London. Deutschland? Italien? Das sind für sie Urlaubsziele, keine Heimat. Und wie viele Hotelmanager werden in Italien gerade gebraucht. Oder auch in Deutschland, wenn sie kein Deutsch sprechen?

Man wollte immer die britische Staatsbürgerschaft beantragen. Aber unter Zwang? Nein

Der Brexit hat eine Sollbruchstelle aufgerissen in der britischen Gesellschaft. Niemand ist verbitterter darüber als die Mehrzahl der etwa drei Millionen EU-Ausländer, die man jeden Tag spüren lässt, dass sie nur noch geduldet sind in diesem Land.

Gerade hat das britische Oberhaus zwar den Entwurf des Brexit-Gesetzes mit einem Änderungsantrag ans Unterhaus zurückgeschickt. Die Lords möchten, dass die Regierung den EU-Ausländern, die bereits hier leben, ein Bleiberecht garantiert. Aber das wird eher eine Geste bleiben. Alle erwarten, dass die Tory-Mehrheit die Änderung abschmettert, und das Gesetz das House of Lords in zweiter Lesung passiert. Die EU-Bürger bleiben bis auf Weiteres, was sie de facto schon seit Juni 2016 sind: politische Jetons in Theresa Mays Brexit-Roulette.

Theresa May müsste nur das Bleiberecht der EU-Ausländer garantieren

Diese Taktik ist umso verwirrender, als die konservativen Unterhausabgeordneten einhellig versichern, dass sich keiner von denen, "die einen so wichtigen Beitrag zur britischen Gesellschaft leisten", Sorgen um ihre Zukunft machen müssten. Es gehe nur darum, im Gegenzug die Rechte der britischen Bürger in der EU zu sichern.

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Ausschuss im Unterhaus

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Ein Ausschuss des Unterhauses sagt, es sei "unzumutbar", wenn die Menschen keine Klarheit über ihren Status hätten. Er fordert Premierministerin May zum Handeln auf.

Ein Faustpfand funktioniert aber nur, wenn man auch bereit ist, es einzusetzen. Um alle Sorgen auszuräumen, müsste Theresa May nur das Bleiberecht der EU-Ausländer garantieren. Solange sie das nicht tut, klingen die Beschwichtigungsversuche ihrer Fraktion hohl. Ausgerechnet Brexit-Ideologen in Mays eigener Partei wie der frühere Justizminister Michael Gove, der in Sachen Wahrheitsverdrehung dem Ukip-Demagogen Nigel Farage kaum nachstand, schwingen sich nun im Sonderausschuss des Unterhauses zu Anwälten der Europäer auf. Aber das ist im Rahmen der gesamten Post-Referendum-Debatte eher einer von vielen surrealen Nebenaspekten. Bei den Verhandlungen über die Rechte der EU-Ausländer - wenn sie denn endlich beginnen - wird zweifellos eine Asymmetrie herrschen: Die europäischen Gesprächspartner können immer darauf verweisen, dass die Rechte, die May für die britischen Staatsbürger in EU-Ländern einfordert, diesen ja als EU-Bürger immer zugestanden haben, und dass sie ohne Brexit überhaupt nicht in Gefahr wären.

Vielleicht kommt das Bleiberecht ja noch

Francesco überlegt ernsthaft, einen Antrag auf britische Staatsbürgerschaft zu stellen. Die Chancen stünden gut nach all den Jahren in England. Aber Anita sagt, als sich nach dem dritten Gegentor das Gespräch wieder der Zukunft zuwendet: "Vor dem Referendum hätte ich es vielleicht in Erwägung gezogen, Britin zu werden. Aber jetzt, unter Zwang? Nein danke." Wie so viele, die ihre ganze Lebensplanung auf ein Leben im Vereinigten Königreich ausgerichtet hatten, wollen sie und ihr Mann abwarten. Vielleicht kommt das Bleiberecht ja noch. Ob alle es nutzen wollen, steht auf einem anderen Blatt. Manchmal wird man ein bisschen wehmütig, wenn man die "Under Tens" spielen sieht, weil man ahnt, dass die Tage der Vielfalt in der Nordlondoner Kinderliga gezählt sein könnten.