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"Boyhood" im Kino:Welche Erinnerungen bleiben zurück?

Und man versteht auch, warum, wenn man sich die Risiken klarmacht: Als der siebenjährige Ellar Coltrane zum Hauptdarsteller dieses Experiments auserkoren wurde, wusste niemand, was die Zukunft für ihn bereithielt: Würde er schmerzhaft schüchtern werden, monströs dick, früh kriminell? Würden seine Eltern nach China ziehen oder absurde Geldforderungen stellen? Nichts dergleichen ist geschehen, im Gegenteil - die unangestrengte und doch fast magnetische Präsenz, die Ellar etwa ab dem 15. Lebensjahr entwickelt, wirkt wie ein herrliches, unverdientes Geschenk für die Filmemacher. Und selbst Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs, die im Film Masons ältere Schwester spielt, konnte ihre zwischenzeitliche Unlust überwinden. Als der Vater ihr die Bitte verweigerte, ihre Figur im Teenageralter sterben zu lassen, blieb sie notgedrungen dabei. Das Dokument ihres Heranwachsens, das dabei entstand, das dieses Jahr schließlich auf dem Sundance Festival vorgestellt wurde und dann auf der Berlinale, ist nun besser als jedes Familienalbum.

Weißt du noch? Es muss Herbst 2008 gewesen sein, als du dreizehn warst, bevor deine Schwester rote Haare hatte. Barack Obama musste gewinnen, Dad war es bitter ernst damit, von Haus zu Haus seid ihr mit ihm gezogen, Wahlkampf machen. Und dem Idioten, der euch dabei bedroht hat, habt ihr aus Rache das McCain-Schild geklaut. Und dieser Campingtrip, war das im selben Jahr? "Pineapple Express" war der Film des Sommers, ganz klar, und gemeinsam seid ihr zu dem Schluss gekommen, dass es Unsinn wäre, "Star Wars" jemals fortzusetzen. Denn was, bitte schön, könnte nach der Rückkehr der Jedi-Ritter noch passieren? Eben.

Welche Erinnerungen bleiben zurück, welche verblassen? Wie Linklater sich diesem Rätsel annähert, das ist wirklich berückend schön. Denn natürlich kann man die Geschichte auch ganz nüchtern erzählen. Ein Scheidungskind wächst heran, wie die Hälfte aller Kinder in den USA, der Vater (Linklater-Buddy Ethan Hawke) taucht nur gelegentlich auf und lässt meistens offen, ob er gerade einen Job hat. Die Mutter (Patricia Arquette) geht wieder aufs College, wird Lehrerin, erkämpft sich ein eigenes Leben. Nur ihre Männer haben die Tendenz, sich mit der Zeit in betrunkene Idioten zu verwandeln, einer wird sogar gewalttätig - und die überstürzte Flucht, die dadurch nötig wird, die ist dann auch schon der dramatischste Moment des ganzen Films. Soll das nun eine Erkenntnis sein, über den amerikanischen Mann, den modernen Mann überhaupt, und seine Schwäche? Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Denn am Ende sind es gerade nicht diese großen Dinge, die sich unauslöschlich einprägen. Scheinbar unbedeutende Sachen sind es, kleine Gespräche, seltsame Momente, Alltagsszenen.

Die Hauptrolle spielt die Zeit selbst

Weißt du noch? In der elften Klasse, als du dich gerade von Facebook abgemeldet hattest und dir alle Menschen wie Roboter erschienen? Dieser Trip nach Austin im Auto, nur du und Sheena, die vielleicht doch zu hübsch war für eine erste richtige Freundin? Die Stadt war erleuchtet, Freigeister überall, feelin' groovy, selbst um drei Uhr nachts tobte das Leben, und dann standet ihr ganz oben auf dem leeren Parkhaus, und die Sonne ging auf, und später im Wohnheim der Schwester, die euch den Schlüssel überlassen hatte, oh Gott - wie ihre Zimmergenossin viel zu früh aus dem Wochenende zurückkam! Mann, das war peinlich.

Die Stars in diesem Film, das wird gegen Ende hin immer klarer, sind nicht Mason und die Mitglieder seiner Familie. Die Hauptrolle spielt die Zeit selbst. Sie verleiht diesen Szenen, die für sich genommen nichts Besonderes sind, die gar nicht herausragen wollen aus dem ewigen Fluss des Lebens, in der Summe eine magische Qualität. Das Kino kann die Zeit natürlich festhalten und abbilden, 24 Mal pro Sekunde sogar. Doch ihre wahre, stetig höhlende, meißelnde, formende Kraft - die wirkt meist zu langsam und zu gewaltig, um wirklich festgehalten zu werden. Das gelingt dann schon eher der großen Literatur. Erinnert der Filmtitel nur zufällig an Tolstoi und seine "Knabenjahre"? Wie aus der süßen Stupsnase des siebenjährigen Ellar Coltrane die verwegene Stupsnase eines unabhängigen jungen Mannes wird, wie seine Backen ihren Babyspeck verlieren und ein Weltwissen in seinen Augen aufblitzt, das seinen Jahren voraus zu sein scheint - da spürt man jedenfalls eine Macht am Werk, die bisher noch kaum jemand abbilden konnte.

Weißt du noch? Wie du im Wohnheim ankamst, und dein Zimmergenosse stellte sich als verrückter Rotschopf heraus, der super war und auch Gras hatte, und kaum waren die Sachen aufs Bett geworfen, standen schon diese beiden Mädchen in der Tür, und dann seid ihr einfach losgezogen in die Wüste, und es lagen Küsse in der Luft und Magie und das ganze Leben lag vor euch? Na klar. War ja erst gestern.

Boyhood, USA 2014 - Regie und Buch: Richard Linklater. Kamera: Lee Daniel, Shane Kelly. Schnitt: Sandra Adair. Mit Ethan Hawke, Patricia Arquette, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater. Universal, 164 Min.