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"Borg/McEnroe" im Kino:Irre Schlägerbespannungs-Rituale, Turnier-Tableau an der Wand

Der Sportlerfilm hat seit jeher mit Handicaps zu kämpfen. Fast kein Finale, kein Duell (außer Boxen) lässt sich adäquat in eine kinotaugliche Geschichte pressen. Gerade Tennisspiele entziehen sich den Regeln einer 120-minütigen Dramaturgie. Praktisch in jeder Sportart merkt man sehr schnell, ob der Darsteller sportlich auch nur halb begabt ist. Oder ob die Filmemacher durch Schnitte und Nahaufnahmen tarnen und täuschen müssen. Selbst wenn die Schauspieler eine Menge Bewegungstalent mitbringen, ist das meistens nicht genug, den magischen Fähigkeiten der Helden gerecht zu werden.

Das Theater hinter den Kulissen hat Borg so mitgenommen, dass er seine Karriere verfrüht aufgab

Deshalb ist "Borg/McEnroe" am überzeugendsten, wenn der Film die Marotten der Profis vorführt: die irren Schlägerbespannungsrituale Borgs im Hotel; die Kälte im Zimmer, die es seiner Gefährtin abverlangt, im Trainingsanzug im Bett zu liegen; die unendlichen Ruhepuls-Übungen. Stark ist "Borg/McEnroe" auch, wenn er am wenigsten mit Profisport zu tun hat.

Wenn der Film mit privaten Momenten aufwartet, ganz egal, ob sie wahr oder erfunden sind, weil sie die Charaktere psychologisch zuspitzen: die Szene im Café, der Augenblick in Borgs Apartment in Monte Carlo, wenn er trotz der traumhaften Aussicht wie ein Gefangener aussieht. Wenn er für ein Interview in seine schwedische Heimat zurückkehrt, seltsam deplatziert in Pelz und Limousine, aber nicht imstande ist, Fragen zu beantworten oder Bälle zu schlagen, weil er sich nicht erinnern kann, an welchem Garagentor genau er sich einst als Kind abgearbeitet hat. Oder wenn McEnroe an einer Wand seines Hotelzimmers vorab das komplette Tableau des Turniers abpinnt und ausfüllt und seinem Doppelpartner Peter Fleming eröffnet: "Da fliegst du gegen mich raus" - und er selbst spiele dann gegen Connors und Borg.

Im Gegensatz zu Sverrir Guðnason, der Borg physiognomisch ähnelt, nähert sich McEnroes Darsteller Shia LaBoeuf seiner Figur von der psychologischen Seite. Man spürt LaBoeufs Identifikation mit seiner Rolle des unverstandenen Enfant terrible, das anfangs besonders in England auf viel Ablehnung stieß - das erleichtert das Zusehen, wenn LaBoeuf versucht, McEnroes Angriffstennis zu verkörpern, bei dem der leichtfüßige Amerikaner bei seinen Volleys an Errol Flynn in alten Hollywood-Fechtabenteuern erinnerte. Diese Leichtigkeit geht dem Film ab, auch in den ehrenwert nachempfundenen Ballwechseln des Endspiels, dessen Dramaturgie mit seinen abgewehrten Matchbällen und dem Jahrhundert-Tiebreak im vierten Durchgang selbst einer besonders schamlosen Drehbuchvorlage entsprungen zu sein scheint.

Was gut herauskommt, ist, warum Borg das Ziehen und Zerren vor und hinter den Kulissen so sehr zugesetzt hat, dass Tennis kein Spiel mehr für ihn war. Warum er schon mit 24 Jahren so mitgenommen wirkte, dass sein Kampf gegen die inneren Dämonen zu anstrengend wurde. Es wird spürbar, warum die Nummer zwei der Weltrangliste nicht genug für ihn war und er schon 1982 zurücktrat.

Am Ende hat man dennoch das Gefühl, den falschen Film zum richtigen Thema gesehen zu haben. Metz zeigt zu wenig McEnroe und zu viel Borg - aber zu wenig vom anderen Borg: jenem nicht immer so schüchternen Schweden, der weltlichen Genüssen gegenüber gar nicht so abgeneigt war, wie der Film tut. Es fehlt auch sonst Entscheidendes, die bitteren Niederlagen gegen McEnroe in New York und Borgs trostlose Comeback-Versuche, geradezu kindisch störrisch mit dem winzigen alten Holzschläger, mit dem er zwischen den modern ausgestatteten Spielern aussah wie jemand, der zum Pistolenduell mit einer Nagelfeile erscheint.

Es fehlt auch das Loch, in das der gerade mal 23-jährige McEnroe ohne seine Nemesis stürzte. "Wenn du deinen größten Gegner verlierst", sagte der New Yorker einmal über seinen späteren Kumpel Borg, mit dem ihn weit mehr verband als die Mode für Stirnbänder, "verlierst du auch einen Teil deiner selbst."

Borg/McEnroe, Schweden/Dänemark/Finnland 2017 - Regie: Janus Metz Pedersen. Buch: Ronnie Sandahl. Kamera: Niels Thastum. Mit: Shia LaBeouf, Sverrir Guðnason, Tuva Novotny, Stellan Skarsgård, Jane Perry, Demetri Goritsas, Björn Granath. Universum, 108 Minuten.

© SZ vom 19.10.2017/cag

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