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Neuer Song von Bob Dylan:Amerikanische Apokalypse

Sänger Bob Dylan

Bob Dylan brettert in seinem neuen Werk wie ein übertouriger SUV durch die Populärkultur.

(Foto: dpa)

Bob Dylan haut zu Zeiten von Corona und hoher Arbeitslosigkeit in den USA ein ungeheures Niedergangsgedicht raus. Einen Rapsong, der keinerlei Trost spendet.

Irgendwas in Youtube hineinsingen kann jeder Depp, und jeder zweite macht es grade, aber es gibt zum Glück auch noch Bob Dylan. Über Jahre schien er versackt in Nobelpreis-Scharaden und übelstem Sinatrismus, aber dann haute er vorvergangene Nacht ohne Vorwarnung einen Rap heraus, den dem fast 79-jährigen Fastnichtmehr-Sänger kein jüngerer nachmacht.

Genau in dem Moment, als die USA die weltweit meisten positiv auf den Coronavirus Getesteten und den höchsten Anstieg der Arbeitslosen erleben, macht Dylan den einsamen apokalyptischen Reiter und bringt ein ungeheures Niedergangsgedicht. Siebzehn Minuten lang wirft er zu vorsichtiger Klavier- und Fidelbegleitung mit Namen und Zitaten um sich, erwähnt die Beatles und Tommy und Woodstock und Altamont, ruft rosenkranzartig Stevie Nicks, Charlie Parker, Dickie Betts, Lady Macbeth und Buster Keaton auf, scheut die Wortspielhölle so wenig wie den Reim Jazz/Alcatraz, brettert also wie ein übertouriger SUV durch die Populärkultur und entwirft dabei mit groben Strichen ein amerikanisches Panorama der letzten sechzig Jahre.

Der Titel "Murder Most Foul" des Audios, das mit knappen Grüßen des Meisters auftauchte, ist ein bekannter halber Vers aus Shakespeares "Hamlet", der Geist von Hamlets Vater spricht ihn. Dylans Lied handelt ebenfalls von einem Mord, vom Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 (Dylan nennt ihn mit Roosevelts Worten nach Pearl Harbor den "Tag der Schande"), und er reißt die Wunde auf, die der Anschlag dem amerikanischen Selbstbewusstsein gerissen hat. Nicht weiter überraschend ist, dass Dylan an eine große Verschwörung glaubt - der Grashügel an der Dealey Plaza fehlt so wenig wie der Amateurfilm von Abraham Zapruder -, wohl aber, dass der Sänger in seiner großen Wehklage in einem abrupten Perspektivwechsel selber zu Kennedy wird, dem in der schwarzen Lincoln-Limousine das Hirn rausgeschossen wird. Das Gehirn hätten sie entnommen, nach der Seele des ermordeten Präsidenten aber seit über fünfzig Jahren vergeblich gesucht. Mit Prophetenstimme raunt Dylan, dass am Mordtag von Dallas das "Zeitalter des Antichrist begann".

Sein Vorbild sind die Klagegesänge, die Walt Whitman 1865 nach der Ermordung Abraham Lincolns angestimmt hat, ein weiteres Dylans eigene frühe Songs, diese Rhapsodien des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs, als ein brutaler Regen niederzugehen drohte, aber Kennedy zur Stelle war. Das Lied ist ein Fest für Dylanphilologen und andere Heimarbeiter, nur dass es keinerlei Trost spendet.

© SZ vom 28.03.2020/cag
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