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Brexit-Kolumne "Affentheater":Eine unendlich blutrünstige Erzählung

Brexit-Kolumne Affentheater Kennedy Boris Johnson

Sätze wie Graffiti im Buswartehäuschen: Boris Johnson als Autor.

(Foto: The Washington Post/Getty Images)

Im Jahr 2004 hat Boris Johnson einen Roman veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht ein überforderter, zynischer Parlamentarier, der nur zwei Gefühle kennt: Hass und Gleichgültigkeit.

Während Horizonte sich verdunkeln, bringen Briten einander Einkäufe, rufen einsame Menschen an, bilden Whatsapp-Gruppen und schicken sich Mails. Während unsere widerliche Presse ihrer hasserfüllten Rhetorik etwas weniger Platz einräumt, entdecken wir vielleicht neu, wie nah wir uns stehen, wie sehr wir voneinander abhängig sind. Menschen in Selbstisolation suchen Ablenkungen: Kochen, Netflix, Musik, Lesen. Ich habe gelesen. Literatur enthüllt, präsentiert uns die Träume des Autors, ist indirekt intim und potenziell diagnostisch. Darum habe ich für Sie, Menschen in Deutschland, den einzigen Roman von Popo dem Todesclown gelesen. Ich wollte ein Bild von dem Autor bekommen. Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet, was mir bevorstand.

Das Buch heißt "Seventy Two Virgins". Natürlich. Es ist 2004 erschienen, als Popo noch ein unterhaltsamer Parlamentsneuling war, bekannt für seine zerzauste Exzentrik und milden Hassreden, dargeboten im typischen Nuscheln der Oberschicht. (Das Nuscheln suggeriert schüchterne Bescheidenheit - in Wirklichkeit aber hat der Nuschler entschieden, dass seine Zuhörer der Mühe deutlicher Aussprache nicht wert sind.) 2004 hatte Popo sich auch schon einen Namen als oft schludriger Kolumnist gemacht, selbst überrascht davon, wie leicht und wie beliebt es war, Lügen über Europa in die Zeitung zu schreiben. (Er verglich es damit, Steine über eine Mauer auf ein Gewächshaus zu werfen.) Nur seine Beziehungen zu Journalisten (und vielleicht Rohypnol) können die begeisterten Rezensionen erklären, die auf die Umschlagseiten gekleckert sind.

Noch rätselhafter erscheint das völlige Fehlen jeglicher editorischer Betreuung. Oder vielleicht ist das fertige Produkt auch schon das Ergebnis ernstlicher Lektoratsbemühungen. Hier und da werden hässliche Wortklumpen einfach bloß in die allgemeine Richtung irgendeiner Bedeutung geworfen. Die Handlung taumelt hin und her zwischen bizarren Brocken von "Dingen, die Popo zufällig weiß". Es entsteht ein Gesamteindruck hochgradiger Mittelmäßigkeit und banger Selbsterkenntnis. Ich kenne Popo nicht. Ich weiß aber, dass Autoren, die nicht für ihre Leserinnen arbeiten wollen, niemals lernen, es besser zu machen. Oft versuchen sie, ihre Unzulänglichkeiten zu verbergen - es ist nicht so, als könnte ich das nicht, aber ich versuche es gar nicht erst. Ihre Prosa wird zum Ausdruck ihrer Geringschätzung.

Das Buch handelt von dem Parlamentsabgeordneten Roger Barlow. Er hasst Frau und Kind, misstraut allen Menschen und sorgt sich den lieben langen Tag, sein sexuelles und finanzielles Fehlverhalten könnte an die Öffentlichkeit gelangen. Eine ganze Reihe schwammig gezeichneter Figuren ist in einen Versuch verwickelt, den Präsident der USA und einen Großteil der britischen Regierung in die Luft zu sprengen. Jeder Ausländer - oder überhaupt jeder, der nicht aus den feineren Gegenden Londons kommt - wird ob seines Akzents, seiner Ansichten, seiner grundlegenden menschlichen Eigenschaften verspottet. Popo versucht sich als Epigone des exzentrischen konservativen Journalisten und Autors Auberon Waugh, doch seine Sätze lesen sich wie Graffiti im Buswartehäuschen. Der Hauptbösewicht - natürlich ein nichtweißer muslimischer Extremist - hat eine so krumme Hakennase, dass er selbst daran lecken kann. Frauen sind entweder stocklangweilige Gattinnen, gehässige Hexen oder Sexhäschen mit prächtiger Oberweite. Sabbernd beschreibt Popo Brüste, Beine, Betten, Augen und die Verführung schwacher Männer. Barlows amerikanische Assistentin ist dumm, aber sexy, und heißt Cameron. Sie werden sich erinnern, dass Popos Nemesis seit der Schulzeit in Eton David Cameron war - zu jener Zeit im Aufstieg begriffen und schon stellvertretender Vorsitzender der Konservativen.

Ein unrhythmisches, hässliches Detail wird aufs andere gehäuft. Wir sollen glauben, dass ein Mann das Reißen seines eigenen Herzbeutels hören kann; die unendlich blutrünstige Erzählung hangelt sich durch Übertreibungen, Verzerrungen und schiefe Metaphern, die alle hoffen, witzig zu sein. Diese Leserin fühlte sich mit der Zeit wie ein Hochzeitsgast, der von einem unmusikalischen, betrunkenen Onkel mit zweifelhaften Ansichten als Geisel genommen wird.

Das Wort posh - vornehm - wird immer wieder eingestreut, wie ein unerreichbares Ziel

AFFENTHEATER

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Popos Fantasie ist eindeutig niemals über Eton hinausgekommen. Die Beleidigung girly swat, also "Streberin", taucht mehrmals auf - wie auch neulich im Parlament. Der ebenso unwahrscheinliche Ausdruck pisser wird einem Soldaten der amerikanischen Sondereinsatzkräfte in den Mund gelegt, dabei passt es eher in die Schlafsäle von Oberschichtschülern. Popo würgt Brocken klassischer Bildung, halb verdaute Recherche, Neid auf Alphamänner und unpassendes, abstruses Vokabular hervor wie ein scheiternder Drittklässler. Das Wort posh - vornehm - wird immer wieder eingestreut, wie ein unerreichbares Ziel; auch die Tufton Street wird mehrmals erwähnt, wo jetzt zahlreiche undurchsichtige rechtslastige Organisationen hausen, die britische Politik beeinflussen. Ein Wort - akratic, was so viel heißt wie willensschwach oder destruktiv unbeherrscht - klingt allerdings glaubhaft. Hat ein Tutor damit den jungen Popo getadelt?

Barlow betrachtet alles zynisch - sich selbst, sein Kind, seine Frau, seine Partei, alle anderen Parteien. Assistentin Cameron erkennt, dass es Barlow an jeglicher Überzeugung fehlt, dass er nur seinem Penis und seinem Ego folgt, die ihn ins Verderben führen. Er schwankt zwischen Selbstmitleid und Wut. Die Erzählstimme ist noch düsterer - böswillig auf alles reagierend, was "anders" ist, voll nihilistischer Verachtung, fasziniert von Schaden, Blutvergießen, militärischen Insignien und willkürlicher Macht. Damals schrieb Popo: "... er wusste nicht, wie er das idiotische Verhalten seines kurzlebigen menschlichen Avatars erklären würde." Heute sind die Fiktionen dieses Autors nicht nur viel finsterer, sondern auch viel einflussreicher.

Übersetzung: Ingo Herzke

© SZ vom 26.03.2020/khil

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