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"Black Mass" im Kino:Crimelord mit Manipulationsgeschick

Black Mass mit Johnny Depp

Auch optisch anders als sonst: Johnny Depp (rechts) als Gangster im Kinofilm "Black Mass".

(Foto: Warner)

Johnny Depp hat in "Black Mass" seinen spektakulärsten Auftritt seit Jahren - er spielt den legendären Bostoner Gangster James Bulger.

Ruhm wird nicht gerecht verteilt, und selbst wenn ihn jemand verdient, bekommt er ihn manchmal nicht für das, wofür er ihn gern hätte. Johnny Depp ist seit einem Vierteljahrhundert ein Teenie-Idol wider Willen, und diesem Image will er jetzt - inzwischen ist er schließlich 52 - mit Macht den Garaus machen. Er versucht, den hübschen Polizisten aus der TV-Serie "21 Jump Street" loszuwerden, seit er ihn gespielt hat, mit verrückten Auftritten bei Tim Burton und ernsten bei Michael Mann, und dann, das dominierte das letzte Jahrzehnt seiner Karriere, indem er sich als komische Nummer neu erfand: als Captain Sparrow in "Fluch der Karibik". Was er da wieder und wieder machte, ist richtig originell - und es machte ihn zu einem der bestbezahlten Schauspieler überhaupt.

Aber für komische Nummern bekommt man keinen Respekt. Also versucht er es jetzt anders - und er lässt einem das Blut in den Adern gefrieren als Gangster James Bulger. Vielleicht stimmt es nicht, was eine ganze Reihe von Kritikern seit der Uraufführung von "Black Mass" beim Festival in Venedig behauptet hat: Dass das hier der beste Auftritt seiner Karriere sei. Aber er beweist damit aber auf jeden Fall eine enorme Wandlungsfähigkeit. Er spielt anders als je zuvor, einen gruseligen, ehrlich gesagt ziemlich hässlichen Psychopathen im Gewand eines harmlosen Kleinbürgers.

Whitey wird James Bulger genannt, es sind die Siebziger, Bulger ist ein unscheinbarer Lederjacken-Typ mit schütterem grauen Haar und eisigen blauen Augen, im Süden von Boston. Ein Gangster, den die Leute im Viertel für einen netten Kerl halten, der höchstens ein bisschen was auf dem Kerbholz hat. Er ist kein großer Charmeur, aber er hat für jeden ein freundliches Wort parat, stilisiert sich als jovialer Nachbar, der achtgibt auf das Wohl alter Damen - dabei bringt er jeden Konkurrenten, den er zu fassen kriegt, eiskalt um.

Depp kann auf sehr unterschiedliche Arten sein Publikum fesseln

Er kann plötzlich sehr bedrohlich wirken. Man sieht das gut, als er einmal mit seiner Freundin zusammensitzt, der gemeinsame Sohn ist sehr krank - und Bulger wird schnell fies, als sie ihm widerspricht. Er hat nichts von den torkelnden, überdrehten Figuren, auf die sich Depp spezialisiert hat, es ist ein ganz zurückgenommenes Spiel - er beweist hier, dass er wirklich auf sehr unterschiedliche Arten sein Publikum fesseln kann. Depp gilt jedenfalls, erstmals seit Jahren, wieder als Anwärter für die Filmpreise der kommenden Saison.

Alte Verbindungen verhelfen Bulger zu einem Karrieresprung - er gehört einer irisch-italienischen Gang an, die gerne der Mafia die Kontrolle über Boston abspenstig machen würde. John Conolly (Joel Edgerton), den Bulger schon sein Leben lang kennt, ist beim FBI und rekrutiert ihn als Informant. Die Geschichte, die Regisseur Scott Cooper in "Black Mass" erzählt, ist ungefähr so passiert, Bulger war schon das Vorbild für Jack Nicholsons Gangster Costello in Martin Scorseses "The Departed" von 2006 - da war dieser noch auf freiem Fuß. Costello ist eine schillernde Figur; Johnny Depps Variante ist das Gegenteil: eine graue Maus, Mamas Liebling.

Der echte Bulger war tatsächlich beliebt, und vielen Leuten war sehr schwer beizubringen, dass er seinem Viertel nicht viel mehr gegeben hat als Morde und Drogenhandel. Wie er als genauso respektabel durchgeht wie sein Bruder Billy (Benedict Cumberbatch), der es auf legale Weise bis zum Gouverneur bringt, ist faszinierend: In seiner Welt gilt er, vielleicht, weil er kein Anzugträger wie Billy ist, als cool. Es ist ein bisschen so, als hätten sich alle verschworen, nicht zu sehen, wie es wirklich ist - eine kollektive Wahrnehmungsverschiebung.

Keiner will sich als Versager bloßstellen

Die reicht dann bis ins FBI. Als Conolly ihn anheuert, will er nicht Bulger helfen, sondern sich selbst; will vielleicht ein bisschen prahlen im Büro oder sogar befördert werden. Es ist aber bald klar, dass Bulger gar nichts verrät - er manipuliert die Staatstruppe für seine eigenen Zwecke, sorgt dafür, dass das FBI die Mafia ausschaltet, damit er sich selbst als Crimelord breitmachen kann. John kapiert das zwar, aber er vertuscht, dass er gar keine brauchbaren Informationen von Bulger bekommt, in einer merkwürdigen Mischung aus Pausenhof-Gang-Loyalität und Opportunismus, denn er müsste sich ja sonst auch selbst bloßstellen, als Versager.

So kommt es, dass Whitey Bulger bald so unantastbar und erfolgreich ist, dass seine Tentakel bis nach Florida reichen.

"Black Mass" ist schon ganz gut - eine gute Geschichte, ein furchteinflößender Auftritt von Johnny Depp. Aber jenseits dieser Hauptfigur sind die Charaktere recht eindimensional, und nie hat man das Gefühl, dass es Cooper gelingt, die Räume, die Zeit, von der erzählt, auch nur annähernd so packend wiederauferstehen zu lassen, wie es sein großes Vorbild Martin Scorsese tat. Cooper versucht schon, auch über Musik Atmosphäre herzustellen - nur bleiben der Soundtrack und die Räume blass. Über weite Strecken könnte man den Film keiner genauen Zeit und auch keinem Ort zuordnen. Das Milieu, das Bulger und seine Schlägerkumpel geprägt hat, bleibt angedeutet; in der Oberliga der Gangsterfilme kann "Black Mass" nicht mitspielen.

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Unheilige Allianzen, wie es sie auch in der Realität gibt

Dafür ist da aber etwas anderes - Cooper konzentriert sich auf einen Aspekt, und man kann hier sehr gut die Mechanismen nachvollziehen, die in noch viel größeren Maßstäben zu ähnlich unheiligen Allianzen führten, wie der von ein paar untergeordneten FBI-Agenten zu James Bulger. Wie John es fertigbringt, seine Kollegen und am Ende sogar seinen zweifelnden Chef (Kevin Bacon) davon zu überzeugen, dass es eine großartige Idee sei, sich mit Bulger zu verbünden, wie dann alle sehr lange versuchen, ihre Fehleinschätzung nicht mal vor sich selber zugeben zu müssen - dafür gibt es in der Politik immer wieder Beispiele. Das ist vielleicht jener Dynamik ähnlich, aus der die Taliban einst mit westlichen Waffen versorgt wurden. Man wusste ja nicht, was aus ihnen werden würde.

Auch Bulger wird erst einmal unterschätzt, sein Nutzen, denken die FBI-Leute, wiegt viel schwerer als die Gefahr, die dieses kleine Licht in der Verbrecherszene birgt. Und dann ist er plötzlich zu groß, um ihm das Handwerk zu legen. Johns Partner, der längst durchschaut hat, dass Bulger das FBI benutzt und nicht umgekehrt, tut lange nichts - dazu hat er viel zu viel Angst. Im Kino liegt zwischen Anfang und Ende, zwischen Verbrechen und Verhaftung, nur ein Wimpernschlag - der echte Bulger wurde erst 2011 geschnappt.

Black Mass, USA 2015 - Regie: Scott Cooper. Drehbuch: Jez Butterworth, Mark Mallouk. Kamera: Masanobu Takayanagi. Mit: Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch. Warner, 122 Min.