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Bilanz zum Filmfestival in Cannes:Renaissance der Wampen

Valley of Love Premiere - 68th Cannes Film Festival

Der Bauch der Bäuche gehört dem wirklich wortwörtlich monumentalen Gérard Depardieu, der im Drama "Valley of Love" mit vollem Monsterwampen-Einsatz spielte.

(Foto: dpa)

Männliche Filmstars brauchen einen Sixpack? Falsch! Cannes 2015 war das Jahr der Bierbäuche in allen Größen und Formen. Der Wettbewerb war leider mittelmäßig, den schönsten Geheimtipp liefern Pharrell Williams und P. Diddy.

Von David Steinitz, Cannes

Hat das französische Flüchtlingsdrama "Dheepan" zurecht die Goldene Palme als bester Film gewonnen?

Für Cannes-Verhältnisse war der Wettbewerb 2015 leider eher mittelmäßig. Dafür, dass in manch anderen Jahrgängen fast schon absurd viele großartige Filme laufen, stach in diesem Jahr keiner der 19 Beiträge, die um die Palme konkurrierten, zwingend hervor. Dass die Jury um die Regie-Brüder Joel und Ethan Coen nun den Franzosen Jacques Audiard für sein Banlieue-Drama "Dheepan" auszeichnet, hat auch damit zu tun, dass Festivaljurys den Preis selten an Landsleute vergeben - auch wenn diese vielleicht den besseren Film gedreht haben. In diesem Fall traf es den Amerikaner Todd Haynes, dessen wunderbare Patricia Highsmith-Verfilmung "Carol" mit Rooney Mara und Cate Blanchett durchaus preisverdächtig gewesen wäre.

Wurden die Schauspielpreise gerecht verteilt?

Zumindest hier konnte der Liebesthriller "Carol" einen Erfolg verbuchen. Rooney Mara ("Verblendung", "Side Effects") wurde sofort nach der Premiere als heiße Kandidatin für den Preis als beste Darstellerin gehandelt - und bekam ihn auch vollkommen zurecht. Allerdings muss sie sich die Palme mit der Französin Emanuelle Bercot teilen, die ebenfalls als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Und zwar für das Beziehungsdrama "Mon Roi", in dem sie sich auf eine Amour fou mit Vincent Cassel einlässt. Auch hier hat die Jury brav auf Proporz und politische Korrektheit gesetzt: ein bisschen Hollywood, ein bisschen Europa - und schließlich ein bisschen Gesellschaftskritik: Als bester Darsteller wurde der Komiker Vincent Lindon prämiert, der im Arbeitslosendrama "La loi du marché" in einer ziemlich ernsten Rolle zu sehen ist.

Was war der schönste Geheimtipp?

Definitiv die schräge Drogen-Komödie "Dope" des Amerikaners Rick Famuyiwa. Der Film wurde in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs" gezeigt, wo oft die wilderen Kinoerlebnisse als im Wettbewerb zu finden sind. Drei High School-Schüler rutschen ins Dealer-Geschäft ab, was Famuyiwa als wunderbare Parodie und Verneigung vor dem Genre der Teenie-Comedy inszeniert. Produzenten: Pharrell Williams und P. Diddy (der sich aber lieber mit seinem bürgerlichen Namen Sean Combs in den Abspann schreiben ließ).

Wer legte den schlimmsten Flop hin?

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, weshalb es auf Festivals mit ein paar tausend angereisten Journalisten immer ziemlich schwer ist, eindeutige Tendenzen über Gewinner und Verlierer herauszulesen. Das esoterische Selbstmorddrama "The Sea of Trees" von Gus Van Sant war allerdings dermaßen schlecht, dass sich zumindest darauf alle einigen konnten: ein Totalreinfall. Matthew McConaughey, Naomi Watts und Ken Watanabe torkeln durch einen überambitionierten, pathetischen Film, in dem ein einsamer Mann sich in einem japanischen Wald das Leben nehmen möchte. Heftige Buh-Rufe nach der Pressevorführung.

Wer hatte den größten Bierbauch?

Männliche Filmstars brauchen einen Sixpack? Falsch! Cannes 2015 war das Jahr der Bierbäuche in allen Größen und Formen. Selbst ehemals hart durchtrainierte Hollywoodschauspieler fraßen sich für ihre Rollen ordentlich Speck an. Joaquín Phoenix zum Beispiel, der in Woody Allens "Irrational Man" einen abgehalfterten Uni-Professor spielt, schwabbelte ganz formidabel. Auch Colin Farrell hat für den Science Fiction-Thriller "The Lobster" zugelegt - und verriet in Cannes seine Fettdiät: "Zum Frühstück gab es Pommes, zwei Cheeseburger und zwei Cola. Außerdem habe ich Haägen Dazs-Eis in der Mikrowelle geschmolzen und getrunken." Trotzdem kamen weder Phoenix noch Farrell an den Bauch der Bäuche heran: der gehörte dem wirklich wortwörtlich monumentalen Gérard Depardieu, der im Drama "Valley of Love" mit vollem Monsterwampen-Einsatz spielte.

Welche Filme bald in Deutschland laufen

Was hätte man lieber niemals erfahren?

Auf dem größten und wichtigsten Filmfestival der Welt gehen die Branchen-Besucher natürlich nicht nur ins Kino, sondern tratschen auch wie verrückt über kommende Projekte. Die großen Hollywood-Fachzeitschriften füllen mit diesem Gossip einen großen Teil ihrer täglich erscheinenden Festivalausgaben - für die allein der "Hollywood Reporter" mit einer Crew von 30 Mitarbeitern eingeflogen ist. Die bizarre Nachricht, dass Werner Herzog nun gemeinsam einen Film mit Veronika Ferres drehen wird, hätte man aber lieber einem Sonnenstich in der Hitze von Cannes zugeschrieben.

Worauf waren die Cannes-Besucher eifersüchtig?

Jedes Jahr eines der wichtigsten Gesprächsthemen des Festivals: die Akkreditierungen. Obwohl Frankreich ein eherner Hort der Demokratie ist, werden die Filmemacher, Journalisten und Händler durch die Farben auf ihren Akkreditierungen in Unter-, Mittel- und Oberschicht eingeteilt. Ein Beispiel: Blauer Ausweis bedeutet: unendlich lange Schlange stehen vor dem Kino. Weißer Ausweis bedeutet: Hereinspaziert. Außerdem wird gemunkelt, dass es noch eine ganz seltene Geheimakkreditierung geben soll, die den Größten der Größten vorbehalten ist. Produzentenlegende Harvey Weinstein soll eine haben, angeblich auch Carla Bruni. Nur gesehen hat diesen Superausweis noch niemand - und was man theoretisch damit machen könnte weiß auch keiner so genau.

Welche tollen Cannes-Filme können wir bald in Deutschland sehen?

Während für den Gewinner-Film "Dheepan" noch kein deutscher Starttermin feststeht, kann man sich schon mal auf zwei andere Highlights aus dem Wettbewerb freuen: am 1. Oktober startet Paolo Sorrentinos Groteske "Youth". In den Hauptrollen Michael Cane und Harvey Keitel, die in einem Schweizer Luxus-Spa über alte Männer und junge Frauen philosophieren. Noch ein bisschen länger müssen wir auf die sehr schöne Patricia Highsmith-Verfilmung "Carol" warten, sie startet am 21. Januar. Der Grund: beim Verleih erhofft man sich große Oscar-Chancen und möchte den Film deshalb erst kurz vor den Academy Awards platzieren.

© SZ.de/hai
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