Goldene Palme für "Dheepan" Das soll Europa sein?

Auf der Suche nach einem friedlichen Alltag: Das Flüchtlingsdrama "Dheepan" gewinnt in Cannes.

(Foto: dpa)

Drei Flüchtlinge aus Sri Lanka geraten in einem verwahrlosten Pariser Vorort zwischen die Fronten verfeindeter Gangs. Doch "Dheepan", Gewinner der Goldenen Palme in Cannes, ist nicht nur Flüchtlingsdrama, sondern auch Liebesgeschichte und Thriller.

Von Julia Weigl

Das politische Flüchtlingsdrama "Dheepan" von Jacques Audiard gewinnt - überraschend - die Goldene Palme auf den 68. Filmfestspielen in Cannes und setzt sich damit gegen 18 weitere Filme durch.

Worum geht es?

Drei Flüchtlinge aus Sri Lanka geraten in einem verwahrlosten Pariser Vorort zwischen die Fronten verfeindeter Gangs. Eigentlich wollte Widerstandskämpfer Dheepan nur dem grausamen Bürgerkrieg in seiner Heimat, in dem er Frau und Kind verlor, entfliehen und in Europa Ruhe finden. Gemeinsam mit einer fremden jungen Frau und einem Mädchen emigriert er als vorgetäuschte Kleinfamilie nach Frankreich, um festzustellen, dass dort dieselben grausamen Verhältnisse herrschen wie in Sri Lanka. Nur ist dieser Bandenkrieg, in dem sich kleinkriminelle Drogenhändler gegenseitig abknallen, für Dheepan noch unverständlicher als die Auseinandersetzungen in seinem Heimatland: Das soll Europa sein? Dieses Flüchtlingsdrama erzählt aber nicht nur von der Desillusion, sondern ist auch eine rührende Liebesgeschichte, in der zwei einsame Menschen zueinanderfinden.

Was sagen Jury und Preisträger?

Sienna Miller: "Es war wunderschön, wie wenig wir sahen, aber wie viel wir fühlten. Das hat mich sehr mitgenommen."

Jake Gyllenhaal: "Im Grunde sind es drei Fremde, die zu einer Familie werden. Man schaut wenige Stunden lang diesen drei Menschen dabei zu, wie sie in ein fremdes Land reisen und sich dort lieben lernen. Ich habe das noch nie in dieser Art und Weise gesehen und denke, dass es wunderbar wäre, wenn das auch im richtigen Leben so möglich wäre."

Goldene Palme für französisches Flüchtlingsdrama "Dheepan"
Filmfestspiele in Cannes

Goldene Palme für französisches Flüchtlingsdrama "Dheepan"

19 Filme waren in der Auswahl - überzeugt hat die Jury "Dheepan" von Jacques Audiard. Der Franzose zeichnet darin das Schicksal von Flüchtlingen in Europa nach.

Der Preisträger Jacques Audiard (in seiner Dankesrede): "Ich möchte mich bei Michael Haneke bedanken, dass er dieses Jahr keinen Film gedreht hat. Außerdem möchte ich mich auch bei meinen Darstellern bedanken, ohne die es weder einen Film noch eine Goldene Palme gäbe. Einen Preis von den Coen-Brüdern überreicht zu bekommen, ist einfach unglaublich!"

Wer ist der Regisseur?

Der französische Filmemacher Audiard ist ein Dauergast auf den Filmfestspielen in Cannes. 2009 wurde sein Gefängnisdrama "Der Prophet" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und 2013 war er mit dem melancholischen Liebesdrama "Der Geschmack von Rost und Knochen" (Hauptrollen Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts) im Wettbewerb vertreten. Immer wieder setzt sich Audiard mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander und wagt sich mit seinen Dramen an die Grenzen der Gesellschaft: Dann landet ein junger Araber in einem französischen Gefängnis und wird dort zum Mafiaboss ("Der Prophet"), dann verliebt sich eine beinlose Schönheit in einen emotionslosen Kampfsportler ("Der Geschmack von Rost und Knochen"). Und jetzt stößt er mit "Dheepan" in die verwilderten Pariser Banlieues vor, in denen Anarchie und Chaos herrschen.

Wer sticht heraus?

Mit eingefallenen Schultern schleppt sich Dheepan durch die tristen französischen Wohnblöcke. Seine Augen zeigen die Enttäuschung, für die der schweigsame Einzelgänger keine Worte findet: Er fühlt sich hier fremd, nicht willkommen. Er spricht weder die Sprache noch kann er die kulturellen Codes einordnen. Und vor allem kann er nicht verstehen, warum sich diese Idioten bekriegen und gegenseitig abknallen, obwohl es doch gar keinen wirklichen Grund dafür gibt. Diese Desillusion steigert sich ganz allmählich in Wut und Hass, die Dheepan schließlich zum brutalen Amokläufer werden lässt. Es ist ein beklemmendes Erlebnis, Jesuthasan Antonythasan bei dieser Wandlung - vom wortkarten Außenseiter zum kaltblütigen Berserker - zuzusehen. Kaum zu glauben, dass dies seine erste Hauptrolle ist. Denn der erfolgreiche Dramatiker, Essayist und Schriftsteller spielte bislang nur eine kleine Nebenrolle in dem Indischen Film "Sengadal" (2011). Vielleicht konnte er Dheepan so eindringlich verkörpern, weil auch er ein Kindersoldat in einer paramilitärischen Organisation in Sri Lanka war, bei den "Liberation Tigers of Tamil Eelam", und auch er in den späten Achtzigerjahren nach Frankreich emigrierte.

Mit wem sollte man sich den Film angucken?

Dieser Film zeigt auf der einen Seite einen aktuellen politischen Brandherd, den kaum ein Geschichtsbuch so detailgetreu und authentisch darstellen könnte. Auf der anderen Seite versteckt sich unter dieser gesellschaftskritischen Folie eine zärtliche Liebesgeschichte. Sie erzählt von zwei einsamen Menschen, die in der fremden neuen Welt zueinanderfinden, weil sie das gleiche im Leben durchgemacht haben. Und am Ende ist "Dheepan" ein spannender und beklemmender Thriller, in dem sich die Wut des Protagonisten ganz allmählich entfaltet, um in einem ekstatischen Amoklauf zu gipfeln.

Der Treppenwitz von Cannes

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