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Judenverfolgung in Hitler-Deutschland:2. August 1941 - ein Datum der Schande

1. April 1933: Aufruf der Nazis zum Judenboykott

Berlin nach der Machtergreifung Hitlers: Drei Frauen lesen ein Plakat am Schaufenster eines Ladens, das zum Boykott von jüdischen Geschäften aufruft.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Vor 75 Jahren verbot das NS-Regime jüdischen Deutschen das Betreten von Leihbibliotheken. Ihre Bücher sortierte man dort gerne ein.

Der Sommer 1941 begann für die jüdische Bevölkerung Deutschlands mit dem Verbot, Seife und Rasierschaum zu kaufen. Vier Wochen später wurde Juden das Telefonieren verboten. Ein weiterer Ausgrenzungsschritt jährt sich am 2. August zum 75. Mal: das Verbot, Leihbibliotheken zu benutzen. Ein unbeachteter Jahrestag.

Die meist kommerziellen Leihbibliotheken waren der letzte Zugang, den Juden zum allgemeinen Lese- und Literaturbetrieb hatten. Denn die kommunalen und wissenschaftlichen Bibliotheken durften sie schon seit spätestens Ende 1938 nicht mehr benutzen. Auch der Kauf von Zeitungen und Zeitschriften war seither verboten, jüdische Buchhandlungen und Verlage hatten schließen müssen. "Ich habe so stark das Gefühl, durch das Abschneiden der Bücherentleihung in den nächsten Höllenkreis hinabbefördert zu sein", notiert Victor Klemperer am 12. Juni 1942 in sein Tagebuch.

Aber so unerwünscht Juden in Bibliotheken auch waren - ihre Bücher sortierte man gern und zahlreich ein. Zehn Wochen nach dem Leihbibliotheksverbot begann die systematische Deportation der deutschen Juden in den Osten. Bevor die Finanzämter anschließend den jüdischen Besitz versteigerten, hatten ausgewählte Behörden und Institutionen ein exklusives Zugriffsrecht. Auch die Bibliotheken.

Noch eine Million Bücher jüdischer Besitzer in deutschen Bibliotheken?

Unter den 9948 Bibliotheken, die heute in Deutschland existieren, gibt es mittlerweile einige, die sich systematisch mit möglichen NS-Erbschaften befassen, die konsequent nach ihnen suchen. Standard ist das aber noch lange nicht - obwohl jüdische Verbände bereits 1950 in einschlägigen Bibliothekars-Fachblättern dazu aufriefen.

Georg Ruppelt ist in dieser Hinsicht besonders engagiert. In seiner Hannoveraner Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek veranstaltete er mehrere Raubgut-Symposien. Doch noch Ende der Neunzigerjahre, in Ruppelts Zeit als Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv), scheiterte er mit einem ähnlichen Vorhaben: "Es war das einzige Mal, dass ich einen Antrag nicht durchbekommen habe." Dabei ist Ruppelts Anliegen schlicht: "Ich will nicht, dass zwischen meinen Büchern welche stehen, deren Eigentümer umgebracht wurden."

Groben Schätzungen zufolge befinden sich mindestens noch eine Million Bücher jüdischer Besitzer in deutschen Bibliotheken. Nur ein Bruchteil davon ist identifiziert, noch viel weniger restituiert.

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Vorreiter bei diesen Bemühungen war Anfang der Neunzigerjahre die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. Auch sie stieß auf Widerstände: "Unsere Aktivitäten wurden von vielen Kollegen als unpassend und ärgerlich angesehen", sagt der damalige stellvertretende Bibliotheks-Direktor Jürgen Babendreier. In der Fachöffentlichkeit habe es zunächst "null Resonanz" auf die Bremer Bemühungen gegeben.

Doch auch die Bremer brauchten den Anstoß von Außen. Einem Nutzer der Bibliothek, dem Politologen und ehemaligen Bevollmächtigten des deutschen Auschwitz-Komitees Klaus v. Münchhausen, fielen sonderbare Vermerke in einigen Bücher auf: Ein "J.A.", handschriftlich am oberen Rand der inneren Umschlagseiten vermerkt. J.A. für "Judenauktion". Mit einer Petition erzeugte Münchhausen politischen Druck, schließlich forderte der Bremer Senat die Bibliothek zur systematischen Erfassung auf.

Allein für 1942 weisen die Eingangsbücher der damaligen Staatsbibliothek etwa 1600 Buchtitel auf, die der Bibliotheksdirektor persönlich aus dem Versteigerungs-Angebot ausgesucht hatte, das in Bremen besonders reichhaltig war: Bremen profitierte als Auswandererhafen - in dem viele Juden ihre Umzugskisten zurücklassen mussten.