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Bestseller-Verleger im Profil:"Stefan Raab der Buchbranche"

Ihm fehlt das Marktschreierische - trotzdem wird er den Ruf des Bestseller-Verlegers wohl nicht mehr so schnell los: Marcel Hartges leitet den Münchner Piper Verlag, bei dem "Schoßgebete", das zweite Buch von Charlotte Roche erschienen ist. Das wird aber nicht sein einziger Volltreffer in diesem Bücher-Herbst bleiben.

Jens Bisky

"Das wird für uns ein großer Herbst'', sagt Marcel Hartges, der seit 2009 den Münchner Piper-Verlag leitet. "Schoßgebete", das zweite Buch von Charlotte Roche, könnte den Erfolg ihres Debütromans "Feuchtgebiete" noch übertreffen.

Buchmesse Leipzig - Marcel Hartges

Marcel Hartges hat sein Handwerk bei Rowohl gelernt. Beim angeschlagenen DuMont-Buchverlag in Köln las er dann das von anderen zuvor abgelehnte Manuskript der "Feuchtgebiete".

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Auf der Bestsellerliste hat es eine Woche nach Erscheinen den dritten Platz erklommen. Der Handel schlägt zu: 500.000 Exemplare sind ausgeliefert, weitere werden derzeit gedruckt. Im Herbst wird bei Piper ein neues Buch des Berliner Anwalts Ferdinand von Schirach erscheinen. Und auch in diesem Fall lässt die Zahl der Vorbestellungen auf einen Bestseller hoffen.

Den Ruf des "Bestseller-Verlegers" wird Hartges so schnell wohl nicht mehr los. Einen "Stefan Raab der Buchbranche" hat die Zeit ihn vor kurzem genannt. Er tritt nicht auf wie ein kühl kalkulierender Geschäftsmann, aber ihm fehlt auch das Marktschreierische. Er wirkt eher vorsichtig, abwägend, und er glaubt an seine Autoren und Titel.

Das Handwerk hat Marcel Hartges, der 1961 in Mönchengladbach geboren wurde, bei Rowohlt gelernt. Vierzehn Jahre hat er in Reinbek bei Hamburg gearbeitet, erst als Lektor für Belletristik, dann als Leiter der Taschenbuchabteilung.

Das Wohl und Wehe der Publikumsverlage hängt wesentlich vom Taschenbuchverkauf ab. Etwa 500 Titel im Jahr hat Hartges betreut. Da sehe man, erinnert er sich, was funktioniert, zumal die meisten Bücher ohne große Werbekampagne ihren Weg machen müssen.

So bekommt man ein Gefühl für den Markt und für Marktgängigkeit. Im Jahr 2006 übernahm Hartges den angeschlagenen DuMont-Buchverlag in Köln. Hier las er das von anderen zuvor abgelehnte Manuskript der "Feuchtgebiete".

Lizenzen in mehr als dreißig Ländern

Es erschien ihm gut für eine Kontroverse, die Autorin war aus dem Fernsehen bekannt und versteht es, sich so charmant wie intelligent zu präsentieren. Hartges rechnete mit einem Erfolg, aber nicht mit zwei Millionen verkauften Büchern und Lizenzen in mehr als dreißig Ländern.

"Man schreibt einfach ein Buch, wo viel Sex, Sperma und viel, viel Phantasie drin vorkommt, und schon hat man einen Bestseller", lautet einer der Kommentare zum Werbefilm für "Schoßgebete" auf YouTube.

Wenn es so einfach wäre, würde es keine enttäuschten Autoren und Verleger mehr geben. Man braucht Gespür für den Publikumsgeschmack und Glück, das nicht berechenbar, aber auch kein Zufall ist. Glück ist es, wenn die Vermarktungsmechanismen so funktionieren, dass sie sich wechselseitig verstärken.

Nach den "Feuchtgebieten" hatten es die Vertreter nicht schwer, die Buchhändler von den "Schoßgebeten" zu überzeugen.Das Medieninteresse war gewaltig. Rasch folgten prominent platzierte, überwiegend positive Besprechungen in den Tageszeitungen und umfangreiche Interviews aufeinander.

Gut verkaufte Bücher gab es auch vor 30 Jahren, aber sie standen selten so im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Der Buchhandel ist dazu übergegangen, weniger Titel, diese aber frontal und auf Tischen zu platzieren. Der Handel erwarte, so Hartges, dass die Verlage deutlich sagen, was ein Bestseller werden könnte. Mit "Schoßgebeten" hat er auf den richtigen Titel gesetzt.

© SZ vom 13.08.2011/pak

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